Tomatensaft - die rote Droge über den Wolken

- Fliegendes Geschmackswunder oder kollektiver Wahn? "Ich hätte gerne einen Tomatensaft!"- "Mit Pfeffer und Salz?"- "Ja, bitte!"
Lange Zeit hat man vergeblich versucht, das Geheimnis rund um den Renner Tomatensaft an Bord von Flugzeugen zu lüften: Einer Wissenschaftlerin des Fraunhofer-Instituts ist dies nun anscheinend gelungen.
Bei den meisten Menschen führt allein schon der Gedanke an Tomatensaft üblicherweise zu einer leicht ekelverzerrten Visage – dies tut sich allerdings, sobald man vom Erdboden abhebt, auf wundersame Weise ins Gegenteil zu verkehren: So löst die Bestellung eines Tomatensafts in der Luft häufig eine Kettenreaktion von „me too, please!" aus. Doch was führt dazu, dass der Ladenhüter aus Bar und Supermarkt über den Wolken plötzlich so heiß begehrt ist?
Bei der Lufthansa servierten die FlugbegleiterInnen (infamerweise deshalb häufig auch „Saftschubsen" genannt) 2008 zum Beispiel 1,7 Millionen Liter Tomatensaft (inklusive Salz, Pfeffer sowie Löffelchen) an ihre Gäste. Es wundert also nicht, dass die Lufthansa-Passagiere 1993 mit übelsten Beschwerden reagierten, als das Flugunternehmen sich anmaßte, das rote Elixier von der Karte zu streichen – was daraufhin übrigens bereits 48 Stunden später wieder rückgängig gemacht wurde.
Laut Angaben der Saftindustrie beträgt die Menge des in der Luft getrunkenen Tomatensafts sogar drei Prozent des Jahresabsatzes. Beim Orangensaft sind es vergleichsweise lediglich 0,4 Prozent.
Jahrelang war man sich jedoch uneinig darüber, was der Grund dafür ist, dass es uns in luftigen Höhen plötzlich so sehr nach dem roten, sämigen Saft gelüstet. Die Vermutungen dazu waren physikalischer und psychischer Natur. So herrschte zum Beispiel die Ansicht, Tomatensaft sei eben einfach gesund, und aus diesem Grund würde es manche Flugpassagiere unbewusst nach diesem Getränk verlangen – schließlich schützt das darin enthaltene Lypocin vor den „Freien Radikalen" (Antioxidantien): Deren Anteil ist in der Luft über den Wolken besonders hoch.
Flugbegleiter wiederum geben an, dass ein bestellter Tomatensaft häufig zu einer wahren Flut an Bestellungen des roten Getränks führe – also eine Art Gruppenzwang oder Kettenreaktion und eine durchaus plausible Erklärung. Möglicherweise sei es aber auch einfach die Angst vor der engen Flugzeug-Toilette, die wahrscheinlich vor allem Klaustrophobiker zum Tomato juice greifen lasse – bekanntermaßen gilt dieser Gemüsesaft als nicht harntreibend. Das in der Luft zum Superstar mutierende Getränk soll sich übrigens sogar positiv auf die Fantasie auswirken: Anscheinend wurde Tomatensaft vielerflugzeugs tatsächlich mit Gazpacho (kalte Gemüsesuppe) ohne Einlage oder Pasta mit Tomatensauce ohne Nudeln verglichen.
Bevor die Gründe für die mit den Höhenmetern wachsende Beliebtheit von Tomatensaft jedoch ins Abenteuerliche ausufern, folgen nun die Erkenntnisse einer Aroma-Chemikerin zu diesem Mysterium über den Wolken. So führte die Wissenschaftlerin Andrea Burdack-Freitag im Auftrag von Lufthansa einen Geschmackstest zu Bordmahlzeiten durch. Dabei stellte sie fest, dass der Luftdruck des Rätsels Lösung ist.
Im Rahmen des Tests wurden die Versuchspersonen in einer Niederdruckkammer (zur Simulierung des üblichen Kabinendrucks im Flugzeug) mit diversen Speisen und Getränken verköstigt. Dabei beurteilte ein Großteil der Teilnehmer den Geschmack der meisten Gerichte und Getränke als öde oder langweilig. Lediglich der Tomatensaft wurde positiv bewertet – und das, obwohl Tomatensaft am Boden meist als „muffig" beschrieben wird, wie Andrea Burdack-Freitag der Wochenzeitung Die Zeit berichtet. „In der Luft treten angenehm fruchtige Gerüche und süße, kühlende Geschmackseindrücke in den Vordergrund", gab die Wissenschaftlerin als Erklärung an.
Wissenschaftlich „übersetzt" bedeut dies, dass die Geschmacks- und Geruchsschwelle bei niedrigem Druck steigt – so wie dies auch bei einem Schnupfen der Fall ist. Entsprechend benötigen Salz, Zucker, Gewürze und Kräuter eine höhere Dosierung, um überhaupt bemerkt zu werden. So schmeckt der Fluggast Salz um bis zu 20 oder 30 Prozent weniger, Zucker wird um 15 bis 20 Prozent weniger intensiv wahrgenommen – während der Geschmack fruchtiger Aromen konstanter bleibt. Das ist auch der Grund dafür, warum der ansonsten verschmähte Tomatensaft (in Kombination mit einer ordentlichen Prise Salz und Pfeffer) in der Luft zu einem wahren Genuss für den Gaumen des Flugpassagiers wird. Weiters gab die 36-jährige Chemikerin übrigens an, dass Kaffee häufig als bitter wahrgenommen und Riesling als zu sauer empfunden werde, schwere Rotweine mit beerigen Aromen würden hingegen bevorzugt werden.
Es gilt also: Was am Boden vorzüglich goutiert, kann in der Luft langweilig schmecken. In Zukunft wird das wohl auch die eine oder andere Airline berücksichtigen – wie man das bei der Lufthansa laut Airline-Sprecher Jan Bärwalde bereits mache und nun noch mehr beherzigen wolle: „Die Ergebnisse zu Salz, Zucker, Kräuter und Säure werden 1:1 in die Rezepturen übernommen."
Im Supermarkt und in der Bar wird Tomatensaft – trotz bewiesener Katerbekämpfungs-Kraft – also weiterhin sein Schattendasein fristen und abgesehen in Form der einen oder anderen Bloody Mary wohl eher selten durch die Kehlen von Gourmets fließen.
Quellen:
http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,677249,00.html
http://www.welt.de/die-welt/politik/article6358429/Alles-Tomate-an-Bord.html
www.ab-in-den-urlaub.de
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