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"die alte, neugierige Frau" © by Markus Jabs - fotolia.de
"die alte, neugierige Frau" © by Markus Jabs - fotolia.de

Mein erstes Jahr auf Mallorca

Bilanz einer Neu-Residentin

In meinem ersten Jahr auf Mallorca war häufig schlechtes Wetter: Von Januar bis März Wind und Regen. Stromausfälle waren an der Tagesordnung und eines stürmischen Tages brach auch das Telefonnetz zusammen. Wir riefen bei der Störungsstelle an und man versicherte uns, das Problem bereits im Griff zu haben. Jetzt müsse nur noch ein Techniker vorbeikommen und unser Telefon freischalten. Aber niemand kam.

In den kommenden zwei Wochen riefen wir fast täglich bei der Telefongesellschaft “Telefonica” an, aber nichts geschah. Warum auch? Zu den ersten Lektionen, die ich auf Mallorca lernen musste, gehörte, dass ich, anders als in Deutschland, wo der Telefonierer auch bei privaten Anbietern seinen Direktanschluss haben kann, auf Mallorca einer einzigen Telefongesellschaft völlig ausgeliefert bin. Anschlüsse gibt es nur über Telefonica, den berechnenden und obendrein noch unkooperativen Monopolisten!

Es geschah also nichts, was für uns einer Katastrophe gleichkam, da wir fürs Arbeiten auf Internet und Telefon angewiesen sind. Was für ein Start!
Bis mir eines Morgens die Hutschnur riss. Mir tat die Frau von der Störungsstelle, die meinen Wutanfall abbekam, leid, allein schon wegen meines schlechten Spanisch, aber ich fühlte mich auch sehr erleichtert.
Ich hatte ihr gedroht, sämtliche Kabel der Telefongesellschaft runterzureißen und die öffentlichen Telefonapparate zu zerstören, wenn nicht noch heute ein Techniker vorbeikäme. Ist das etwa die Sprache, welche die Mallorquiner verstehen? Zwei Stunden später stand ein freundlicher Mitarbeiter von Telefonica vor der Tür und schaltete das Telefon frei. Wir sind jetzt stolze Bezitzer seiner persönlichen Handynummer und schon zweimal haben wir Migel angerufen und er kam prompt. Migel hat uns mit Mallorca wieder versöhnt! 

Im April regnete es immer noch, und in unserer Freizeit bestückten wir lieber unseren Ofen mit Holz, als ans Meer zu fahren.
Wir wohnen zur Miete, in der oberen Etage eines Einfamilienhauses in einem 340-Seelen Dorf im Osten der Insel. Für 90m2 Wohnfläche plus Garage, kleinem Garten und großer Terrasse mit herrlichem Blick aufs Tramuntana-Gebirge bezahlen wir monatlich 500 Euro. Der Vermieter hat die Wohnung beinahe komplett mit Möbeln ausgestattet, alles neu, alles IKEA. Wir fühlen uns wohl und nach einem Jahr Aufenthalt immer noch ein bisschen wie in einer Ferienwohnung. Und wenn es sehr windig ist, was, wie bereits erwähnt, öfter vorkommt, haben wir den Eindruck, auf einem Campingplatz im Zelt zu leben, denn die Außenwände sind nicht isoliert, die Fenster nur einfach verglast und schließen schlecht, genau wie die Türen. “Das ist Mallorca”, pflegt unser Vermieter zu kommentieren und legt die Hände in den Schoss, wenn wir ihn beispielsweise auf Schimmel, der sich nach längeren Regenperioden an den Wänden bildet, aufmerksam machen.

Weil ich gelegentlich in Deutschland zu tun haben, kenne ich den Weg zum und vom Flughafen in und auswendig. Und jedesmal, wenn wir eine dreiviertel Stunde mit dem Auto über die Insel fahre, fällt mir auf, wie schön und grün sie ist, wie ein gut gepflegter Garten. Der Regen hat etwas Gutes.

Trotzdem ist mir Sonne lieber. Im Mai war es endlich so weit. Der Frühling ließ sich nicht mehr verleugnen und ich spazierte mit dem Nachwuchs gerne durch unser Dorf. “Mi pueblo”, das Paradies auf Erden! Vom ersten Tag an war es genau das Richtige. Es finden hier viele Beerdigungen statt, mehr, als Geburten zu feiern wären, trotzdem ist das Dorf – im Gegensatz zu deutschen Dörfern dieser Grösse- alles andere als tot. In den Straßen und auf dem Dorfplatz spielen Kinder und überall stehen Menschen zusammen. Ich habe mir sagen lassen, dass diese Offenheit für Mallorquiner nicht typisch sei, bestätigen kann ich das nicht.

In unserem Dorf funktionieren die Buschtrommeln gut. Auf Mallorca, so lernte ich, kann das auch ein Vorteil sein: Der Nachbarstochter hatte ich einmal bei den Englisch Hausaufgaben geholfen. Ein paar Tage darauf rief eine Mitarbeiterin vom zuständigen Rathaus - Sektion Erwachsenenbildung -  an und fragte, ob ich nicht einen Englischkurs geben wolle. Sie habe genug Anfragen aus unserem Dorf vorliegen. Seitdem unterrichte ich einige Stunden Englisch und sogar zwei Stunden Deutsch pro Woche. Mein jüngster Schüler ist acht Jahre alt. Der älteste 65.

Die Bezahlung ist miserabel, dachte ich anfangs. 15 € die Stunde. “Aber sie versteuern das bitte nicht!”, riet mir die Sachbearbeiterin im Rathaus höchst offiziell. Ich dachte zuerst, sie wolle mich testen und herausfinden, ob ich auch ja meine Steuern bezahle, aber bald sollte ich bemerken, dass der Mallorquiner häufig schwarz arbeitet und dass bei größeren Einkäufen oft auf die 16% Mehrwertsteuer verzichtet wird, so dass der Staat anders zu seinem Geld kommen muss. So werden zum Beispiel auf Umbauten am Haus haarsträubend hohe Gebühren erhoben.

Aber ich mache den Sprachunterricht auch gar nicht des Geldes wegen, jedenfalls nicht hauptsächlich. Der Job bringt mir viel mehr. Er hat uns geholfen, uns schnell zu integrieren. So durfte die ganze Familie schon einmal bei den “Matanzas”, den traditionellen jährlich stattfindenen Schlachtungen dabei sein und mitessen. Außerdem waren wir, worüber wir uns besonders gefreut haben, schon einmal bei mallorquinischen Bekannten aus dem Dorf zum Abendessen eingeladen! Und ich habe gelernt, dass 15 € pro Stunde auf Mallorca nicht schlecht bezahlt ist. Besonders jetzt, in Kriesenzeiten. Unser Nachbar hat seinen Job bei einer Immobilienfirma verloren und hat jetzt einen Knochenjob, als Aushilfskraft auf dem Bau, für 8 € die Stunde.

Im Juni herrschte weiterhin die Sonne gütig über uns Wahl-Mallorquinern. Erst im Juli zeigte sie sich von ihrer rauen Seite, ließ die Insel austrocknen und uns schwitzen und unter ihrem Joch keuchen. Vorbei waren die mittäglichen Spaziergänge durchs Dorf, erst nach 17.00 und manchmal erst nach 18.00h trauten wir uns mit dem Nachwuchs vor die Tür.

Ich hätte es mir nicht träumen lassen, dass Spaziergänge durch ein kleines Dorf einmal zu den Höhepunkten in meinem Leben gehören, aber die Mallorquiner, die wir unterwegs treffen, sind einfach so kinderfreundlich, dass es für jede Mutter eine wahre Freude ist! Und für die Kinder erst recht: Bonbons, Kekse, Lollis, Eis und Chips bekommen sie beinahe täglich zugesteckt, leider manchmal auch ohne die Zustimmung von uns Eltern.  Allerdings bekommen wir auch säckeweise Gesundes geschenkt:  
Orangen, Mispeln, Tomaten, Auberginen, selbst gemachte Marmelade, Fleisch vom frisch geschlachteten Schwein, Sobrassada und ein Suppenhuhn zur Kräftigung für die frisch gebackene Mutter im Wochenbett.

Als die Hitze endlich nachließ, war es Oktober und wir konnten endlich wieder tagsüber an den Strand. Auch, weil nur noch wenige Touristen, und für uns vier endlich wieder Platz da war. Ein paar Wochen genossen wir den Herbst, dann regnete es, das kannten wir schon. Es herrschte wieder Winter auf Mallorca.  An Weihnachten lag im Gebirge sogar Schnee. Und als am 24. der Weihnachtsmann durch unser Dorf ritt und Geschenke für die Kinder dabei hatte, fühlte ich mich wie zu Hause, nur besser.

Resümee:

Klagen über das Wetter finden hier auf hohem Niveau statt. Auch im Winter  scheint vergleichsweise häufig die Sonne. So verspürt man auch im November oder Januar einen viel größeren Tatendrang als in Deutschland. Allerdings braucht man den auch, denn für einen relativen Wohlstand muss man viel härter arbeiten. Der hiesige deutsche Konsul erzählte mir, dass sich im Schnitt täglich zwei Deutsche bei ihm melden, die das nicht schaffen, hier gestrandet sind und um seine Unterstützung bitten.
Private Kontakte sind auf Mallorca das A und O. Auch, weil sich die interessantesten Jobs darüber ergeben. Hauptsache, man kommt ins Gespräch, egal ob auf Spanisch oder Mallorquin. Auf der anderen Seite sind Behördengänge oder das Verhandeln mit Institutionen noch viel grausiger als in Deutschland. Grausig und langwierig.

Und was ich noch zusammenfassend sagen möchte:

Obwohl ich Berlinerin bin - insgesamt habe ich dort 26 Jahre verbracht – kann ich mir, seit ich zwei kleine Kinder habe, nur noch ein Leben auf dem Dorf vorstellen. Auf dem Dorf in Mallorca. Es ist überschaubar und trotzdem nicht zu eng, weil die Menschen großherzig sind. Zumindest habe ich diesen Eindruck jetzt, mal sehen, wie ich in fünf Jahren denke.

Noch einmal zum Wetter:

Die Winter auf der Insel sind kälter als man denkt, zumindest in geschlossenen Räumen! Das liegt an der hohen Luftfeuchtigkeit. Hinzu kommt, die meist schlechte Isolierung der Häuser und dass es häufig keine eingebauten Heizungen gibt.  Wer es drin warm haben will, kann mit Butan-Gas heizen. Weil es so schön preiswert ist, empfiehlt es sich als zusätzliche, nicht aber als einzige Heizung, da sich durch das Gas die Feuchtigkeit in den Räumen noch erhöht. Wer mit Strom heizt, umgeht das Problem mit der Feuchtigkeit, muss aber tiefer in die Tasche greifen. Uns erscheint ein Holzöfelchen als geeignete Alternative, obwohl auch die Holzpreise relativ hoch sind. Nach längerer Suche haben wir einen günstigen Holzlieferanten gefunden. Bei ihm bekommen wir 100 Kilo für 15 €.

Und noch ein Tipp:

Wer auf der Insel eine Wohnung, einen Babysitter oder einen guten Zahnarzt sucht oder selbst etwas anbieten möchte, kann seine Wünsche guten Gewissens beim örtlichen Supermarkt oder beim Kneipenwirt publik machen. Auf baldige Erfüllung der Wünsche darf man so eher hoffen- die Buschtrommeln funktionieren gut!

A.K.

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