Mallorca im Juli 2009: Schweinegrippe und ETA-Terror
Von: Elke Menzel
Der denkwürdige Sommer 2009 wird Mallorquinern, Residenten und Mallorca-Touristen noch lange in Erinnerung bleiben. Betrachtungen einer Mallorca-Residentin und Buchautorin.
Der Juli 2009 auf Mallorca riss alle, Urlauber wie Einheimische, aus ihrer gewohnten Sommerlethargie.
Kaum einer, der nicht schon frühmorgens gierig zur Tageszeitung griff, mit wohligem Grusel die Titelseite las, (Umblättern war nicht nötig), dann beim ersten Frühstückshappen sorgfältig auf die Schluckbewegungen seines Schlundes achtete – war da eben nicht ein leichter Halsschmerz zu fühlen?
Schwitzend griff er sich an die Stirn, wischte den Schweiß ab – erhöhte Temperatur, oder doch nur die Sommerhitze?
Schweinegrippealarm! (Wie das schon klingt – irgendwie nach Aussatz und Lepra.) Hunderte Urlaubsrückkehrer wären infiziert und würden schon am Flughafen abgefangen, kämen auf Infektionsstationen in den Krankenhäusern, war zu lesen. Menschenansammlungen sollten tunlichst gemieden werden. Mundschutz wäre gut.
Also musste man vorsorgen:
Marktbesuch – gestrichen,
Sommerfest – gestrichen,
Discobesuch der Kids – gestrichen,
kein Mega-Park, kein Marineland,
Ballermann sowieso nicht!
Praktischerweise sparte das in Krisenzeiten viel Geld.
Oh, Gott, wie kommen wir nach den Ferien nur wieder nach Hause? Im Flieger soll es ja besonders gefährlich sein!
Auch für die Mallorquiner war der Juli fatal.
Kam doch zur allgemeinen Finanzkrise, die immerhin schon seit Monaten weniger Feriengäste auf die Insel brachte, noch die Hysterie dazu, dass man sich im Urlaub, besonders auf Mallorca, eine tödliche Krankheit holen konnte.
Mitte Juli hatte es dann auch noch den ersten Schweinegrippe-Todesfall gegeben! Würde es demnächst nur noch Stornierungen hageln? Und sollten wir Mallorquiner vielleicht auf unsere Begrüßungsküsserei verzichten? Das fehlte ja gerade noch! Aber die geht ja zum Glück links und rechts am Kopf vorbei.
Die alemanes geben sich ja bei Begrüßung und Abschied andauernd die Hände, die sind bestimmt viel virenkontaminierter!
Gut, dass das bei uns nicht Sitte ist!
Nun, ich will es nicht verhehlen, nach etlichen besorgten Anrufen aus Deutschland, sowie nach drei Wochen Bildzeitungs-Lektüre, – das einzige brandaktuelle Blatt, das mein Mann morgens beim Brotholen erwerben konnte, – kam auch bei mir leichte Unruhe auf.
Ich fuhr zur Apotheke und wollte mir ein Händedesinfektionsmittel besorgen. Das wäre leider ausverkauft, sagte der Apotheker, erst Anfang nächster Woche bekäme er Nachschub.
Also gewöhnte ich mir an, Restauranttüren nur noch mit dem Ellenbogen zu öffnen, bugsierte Einkaufswagen mühsam mit den Unterarmen durch die Gänge, nahm ungern Wechselgeld entgegen, wusch mir zuhause nach Chirurgenmanier gründlich die Hände. Menschenansammlungen mochte ich sowieso nicht.
Begrüßungsküsse mit Mallorquinern gönnte ich mir aber noch!
Dann kam der 30. Juli und mit ihm ein böser Knaller.
Die Bildzeitung wusste es wieder als erste: „Die ETA bombt gegen Mallorca-Urlauber!“ oder so ähnlich. Zwei Beamte der Guardia Civil wurden dabei getötet. Doch zum Glück kein Deutscher!
Der Schock war groß, die Schweinegrippe für ein paar Tage vergessen. Angstmacher Nummer 2 füllte die Seiten, auf denen sich sonst barbusig das Sommerloch breitmachte.
Die Insel wurde kurzfristig abgeriegelt, der Flughafen, Häfen und Marinas geschlossen. Nur gut, dass der König mit seinem Gefolge noch nicht im Landeanflug war!
Von all dem bekamen wir bei uns im Dorf nichts mit. Nur durften in den folgenden Tagen vor unserer örtlichen Polizeistation keine Autos mehr parken – man musste auf die gegenüberliegende Straßenseite ausweichen!
Drei Tage später waren wir in Palma. Auch dort keine augenfällige Polizeipräsenz, keine Sonderkontrollen, alles normal.
Vielleicht war es nur ein wenig zu menschenleer in der Inselhauptstadt.
Und leider haben wir wieder nicht die Königin mit Töchtern und Schwiegertochter gesehen. Wo sie doch unverdrossen die Fahne hoch gehalten hätten und wie immer durch die Schuhläden der Altstadt gebummelt wären, wie die Gazetten schrieben. Die dazu passenden Fotos zeigten die Damen völlig unmaskiert – was ja auch verständlich ist; sonst hätte man sie womöglich nicht erkannt, wo sie doch ausnahmslos alle vier charakteristische bourbonische beziehungsweise (neu-)griechische Nasen vorzuweisen haben.
Eine Woche später war auch für uns wieder Abreisetag. Am Flughafen lief alles wie immer, es gab keine strengeren Sicherheitskontrollen.
Doch vor uns in der Gepäckschlange wartete eine Gruppe junger Männer, mit Sonnenhüten, kurzen Hosen, Rucksäcken und guter Laune.
Da hörte ich, wie hinter uns eine Dame zu ihrer Begleitung flüsterte: „Lass uns doch ein wenig mehr Abstand zu den jungen Leuten halten, die sehen so aus, als kämen sie direkt vom Ballermann, wo sie sicher mit Strohhalmen aus einem gemeinsamen Sangría-Eimer getrunken haben!“
Auch die Handgepäckkontrolle verlief unspektakulär.
Oben am Gate dann die Überraschung des Tages: etliche wartende Fluggäste mit Mundschutz saßen etwas abseits von allen anderen. Waren die etwa infiziert? Später im Flugzeug zählte ich mindestens ein Dutzend Passagiere mit Atemschutzmaske. Sie sahen gebräunt und gut erholt aus und machten einen völlig gesunden Eindruck. Ob sie ihren Virenfilter abnahmen, als ihnen über Südfrankreich ihr Käse- oder Putenpappbrötchen serviert wurde, oder ob sie gänzlich auf Speisung und Tomatensaft verzichteten, konnte ich leider nicht beobachten. (Obwohl ich der Meinung war, dass die scharf gewürzten Sansibar-Currywurst-Happen sicher eine desinfizierende Wirkung gehabt hätten, und man beim Essen bestimmt nur um wenige Zentimeter die Maske dabei hätte hochklappen müssen....).
Erst bei der Ankunft in unserem Heimatort erfuhren wir von vier weiteren Bombenattentaten auf Mallorca, die während unseres Rückflugs passiert waren. Von den Tätern keine Spur.
Möge sie die Schweinegrippe holen!
www.ab-in-den-urlaub.de
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