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Mentalität und Lebensstil der Mallorquiner

In vielen Dingen des Alltags äußert sich die mallorquinische grandeza, die »Größe« oder »Würde«, das Schicksal so zu ertragen, wie es kommt, vielleicht ein Erbe aus der Maurenzeit. Diese Tugend war angesichts der häufigen Notzeiten während der mallorquinischen Geschichte auch bitter nötig, wollte man nicht vollends verzweifeln. Eine soziale und finanzielle Absicherung, wie wir sie in Deutschland trotz aller Kürzungen immer noch kennen, hat es auf Mallorca nie gegeben. Daraus resultiert eine nivellierende Bescheidenheit im Auftreten, die uns eher fremd ist.

Dies zeigt sich zum Beispiel bei der Kleidung, die erstaunlich konservativ ist. Der gedeckte Anzug mit Krawatte ist für viele caballeros in der Stadt immer noch selbstverständlich, sogar im Sommer bei großer Hitze. Auch in weniger begüterten Kreisen gibt man sich gepflegt, und selbst die Overalls von Arbeitern und Technikern haben Format. Ob es die Mitarbeiter der Gas- oder Elektrizitätswerke, die Postler oder Polizisten sind, allesamt treten sie in schnieker Uniform und auch sonst gepflegt auf. Eine Uniform macht aber in Spanien aus dessen Träger keinen anderen Menschen, was mitunter in Deutschland immer noch ganz anders ist.

Bescheidenheit zeigen viele Mallorquiner auch in der Wohnung. Möbel schafft man sich einmal fürs Leben an. Der Wohnstil unterliegt kaum einer Mode. was wir als überholt bezeichnen und ausrangieren würden, löst beim Mallorquiner keine Wünsche nach Neueinrichtung aus. Ein weiteres, gutes Beispiel für Bescheidenheit liefert die mallorquinische Küche; sie ist einfach und bodenständig. Das frito, ein Gemisch aus Innereien, Kartoffeln und Gemüse sowie das tumbet, ein Gemüseeintopf aus einheimischen Produkten, sind beliebte Standardgerichte. Viele Familien auf dem Land mästen auch heute noch ein Schwein, das im Spätherbst bei einer fröhlichen matanza (Schlachtfest) zu Wurst und Schinken verarbeitet wird. Dies ist eine Fiesta mit Freunden und Nachbarn. Auch wenn zu Weihnachten und Ostern richtig »aufgefahren« wird, beschränken sich die Gaumenkitzel auf Lamm, Kaninchen oder Spanferkel in überwiegend deftiger Zubereitung.

Nur nicht auffallen

Bescheidenheit ist auch der Grund dafür, dass man nicht zeigt, was man hat. Einfache Leute geben sich gut situiert und Gutsituierte einfach – anzusehen ist es ihnen nicht unbedingt. »Nur nicht auffallen« heißt die Devise, und die verbietet weitgehend Statussymbole. Sollten sie einmal hören, dass ein Mallorquiner erwähnt, noch ein »Häuschen« in den Bergen zu haben, so kann es durchaus sein, dass es in Wirklichkeit ein prächtiger Besitz ist.

Mallorquiner fallen auch weniger mit ihren Autos auf. Selbst Top-Manager lassen sich nicht herumkutschieren und fahren nur selten Luxuskarossen. Und die meisten Reichen, die es sich erlauben könnten, schon gar nicht. Mit dem Auto zu zeigen, was man ist und hat, wäre für die meisten Einheimischen eine seltsame Vorstellung. Die Einordnung einer Person nach der Wagenkategorie ist nicht verbreitet. Man fährt überwiegend Mittelklasse. Wenn Sie auf Mallorca »dicke« Autos mit spanischen Nummernschildern sehen, so sind die Besitzer fast immer ausländische Residenten, die ihren Wagen mitgebracht haben und darauf nicht verzichten mögen.

Schweigen ist Gold

Da »Angabe« nichts gilt, hat man keinen Grund, über sich und seinen Besitzstand zu reden. Wer wen kennt, mit wem Geschäfte macht, welches »krumme Ding« wer gedreht oder wie viel man an der Steuer vorbeigeschleust hat, darüber spricht man nicht – und schon gar nicht mit »Fremden«.

Wenn Sie in eine Bar kommen und die Männer lebhaft diskutieren hören, könnten Sie annehmen, dass Mallorquiner nicht schweigsam, sondern eher geschwätzig sind. Aber das täuscht. Männerthema Nr. 1 ist »Fußball«, weit vor »Frauen«, »Wetter« oder anderen Alltäglichkeiten. Und da nahezu jeden Tag Fußball im Fernsehen übertragen wird, gibt es immer Neuigkeiten, über die geredet werden muss. Und wenn Einer doch mal ansetzt, etwas auszuplaudern, wird er durch eine lautlose Geste sofort zum Schweigen ermahnt. Dazu presst man Daumen und Zeigefinger beider Hände zusammen, legt sie gegeneinander an die Lippen und zieht sie dann bis über die Mundwinkel: »Halt` bloß den Mund

Geschwätzigkeit und Verschlossenheit stehen nicht im Widerspruch zueinander. Das Schweigen haben sie gelernt, zuletzt unter Franco, der den Mallorquinern sogar die eigene Sprache verbot. Das Schwätzen konnte er ihnen aber nicht verbieten. Aus der Zeit der Diktatur ist die Überzeugung geblieben, dass die Obrigkeit nicht alles wissen muss, vor allem nicht die Finanzbehörde. Mit erstaunen ist immer wieder festzustellen, wie offen Nordländer über Finanzgeschäfte sprechen und manchmal sogar darüber wie viel sie wo angelegt haben. Spanier hüllen sich über solche Themen in absolutes Schweigen. Viele nutzen für unterschiedliche Zwecke gesonderte Bankkonten, die sie sorgsam trennen: nur eines ist das offizielle für die Steuer (mehr dazu hier). Indessen sieht das auch der spanische Staat gar nicht gern und macht seinen Bürgern das »Kontenverstecken« nicht mehr so leicht wie noch vor wenigen Jahren. Zu Hilfe kommen ihm dabei neue EU-einheitliche Regelungen.