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Windsysteme beeinflussen auch die Zirkulation an der Meeresoberfläche:
In der Monsunzone kommt es halbjährlich zu einem Richtungswechsel, der zwei entgegengesetzte Strömungen hervorbringt. Myanmar empfängt den größten Teil seiner Jahresniederschläge während der Regenzeit, wenn der Südwest-Monsun, vom Golf von Bengalen und der Andamanensee kommend, zuerst auf die Küstengebiete trifft, namentlich auf das Ayeyarwady-Delta um Yangon, den nordwestlichen Rakhine Staat nahe Bangladesch und den Küstenstreifen Tanintharyi entlang der südlichen Grenze zu Thailand. Staus an den hohe Gebirgsketten im Hinterland der beiden letzten sorgen dafür, dass diese von Regenfluten heimgesucht werden, die zu den schwersten der Welt gehören.
In Sittwe (ehemals Akyab), der Hauptstadt des Rakhine Staats, werden jährlich etwa 5.200 Millimeter Niederschlag gemessen, davon über 90 Prozent während der Regenzeit, zwischen Mai und Oktober. Wer nicht in den Tropen lebt, stellt sich unter Regenzeit oft einen Dauerregen vor, der Tage und Wochen anhält. Aber das trifft nicht immer zu. Die Monsunregen fallen zumeist spät nachmittags oder abends, doch wenn der Himmel dann für einige Stunden seine Schleusen öffnet, kommt es zu sintflutartigen Ergüssen.

Obgleich die Monsunregen für die Landwirtschaft unverzichtbar sind, können sie zu dieser Jahreszeit in verschiedenen Teilen des Landes schwere Überschwemmungen und verheerende Schäden verursachen. Bei der Niederschlagsmenge gibt es von Region zu Region drastische Unterschiede, die im Wesentlichen mit der Topographie zusammenhängen. Aber auch wenn Sittwe mit über 5.000 Millimetern pro Jahr den meisten Regen abbekommt, liegen die Durchschnittswerte in anderen Gegenden ziemlich hoch: Im südlichen Mawlamyine (ehemals Moulmein) sind es annähernd 4.400 Millimeter; im Ayeyarwady-Delta und Yangon 2.500 Millimeter; auf dem Shan-Plateau sind es 1.500 Millimeter; aber in der trockenen Ebene um Bagan weniger als 900 Millimeter.

Innerhalb von Myanmar variiert auch die Temperatur beträchtlich. Während der heißen Jahreszeit kann die Hitze im trockenen zentralen Tiefland schwindelerregende 45°C erreichen. Die britischen Kolonialherren pflegten ihre Familien in den heißen Monaten an kühlere Orte in den Shan Hills zu bringen, nach Pyin Oo Lwin (ehemals Maymyo) oder nach Kalaw. Auf dem Shan-Plateau selbst kann die Nachttemperatur bis gegen den Gefrierpunkt sinken. In Yangon liegt die Durchschnittstemperatur im Januar bei 25°C, während in Bhamo im Kachin Staat nur 16°C verzeichnet werden. Das letzte Ziel meiner zweiten Reise war Myikyina in den Kachin-Bergen, wo mir eine warme Jacke, die ich in Yangon gekauft hatte, an den kühlen Abenden wertvolle Dienste tat.

Wirbelstürme

Auf ein Phänomen kann sich aber weder der Einheimische noch der Besucher vorbereiten, und das sind die Zyklone, die das Land zumeist zwischen Mai und November unerwartet und mit großer Wucht treffen können. Ein solcher tropischer Wirbelsturm mit Namen Nargis (Narzisse) traf am 2. Mai 2008 das Ayeyarwady Delta Gebiet und die Stadt Yangon. Die Zyklone entstehen im Indischen Ozean und ziehen von dort zumeist nach Norden, wo sie auf Indien oder Bangladesh stoßen. Nargis entwickelte sich am 27. April im Golf von Bengalen und zog zunächst nach Nordwesten, wo er an Kraft zu verlieren schien. Als er aber nach Osten abdrehte, gewann er an Größe, Kraft und Geschwindigkeit und entwickelte sich zu einem der tödlichsten Zyklone der letzten Jahrzehnte. Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 215 Kilometer in der Stunde traf auf die unvorbereiteten Menschen im Delta und in der Millionenstadt Yangon. Die auf der Nordhalbkugel sich gegen den Uhrzeigersinn drehenden Winde trieben das Wasser aus der Andamensee direkt in die Mündungsarme des Ayeyarwady Deltas hinein.

Im Zusammenspiel von Gezeiten, Sturmflut, auflaufendem Wasser und Regenmengen von teilweise weit über 50 l/qm pro Stunde standen niedrig gelegene Gebiete, die oft nur 1-2 Meter über dem Meeresspiegel liegen, stundenlang bis zu 3,5 m unter Wasser. Was die schweren Böen nicht zerstört hatten, wurde von der Überflutung getroffen. Zugunsten des Reisanbaus hatte man in den letzten Jahren einen erheblichen Anteil der Mangroven gerodet. Diese Mangroven hätten der Flutwelle viel Kraft nehmen können. Aber ohne diesen Schutz konnte die Sturmflut ungehindert bis zu 40 km/h ins Landesinnere vordringen.

Mehr als 100.000 Menschen, insbesondere Kinder und alte Menschen, ertranken in den Fluten. Die Zahl der Hilfsbedürftigen wurde auf 2,4 Millionen geschätzt. Von den Haustieren waren schätzungsweise 1,2 Millionen Hühner und 137.000 Wasserbüffel umgekommen. Der junge Reis konnte nicht angebaut werden, womit auch die nächste Ernte ausfiel. Um die Dörfer und Felder wieder herzurichten wären etwa 10 Milliarden US Dollar nötig gewesen.

Der ausländische Besucher wird jedoch kaum auf einen Zyklon treffen, da die Reisesaison etwa dann beginnt, wenn die Zyklonsaison meist schon zu Ende ist, nämlich im November.

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