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Die faszinierendste gotische Kirche: die Kathedrale von Rouen

Cathedrale Notre Dame de Rouen © by Allie_Caulfield - flickr.com
Kathedrale von Rouen

Wichtigstes Gebäude im Herzen von Rouen und eine der schönsten Kirchen Frankreichs ist die Kathedrale Notre-Dame. Ihr mittelalterlicher Turm überragt die ganze Stadt, im Rahmen ihrer Baugeschichte kann man alle gotischen Baustile nachvollziehen, ihre Schönheit hat Schriftsteller und Maler immer wieder inspiriert.

Die beeindruckendsten Darstellungen verdanken wir Claude Monet, dessen impressionistische Bilder von der Kathedrale unter den verschiedensten Lichteinflüssen zu den Meisterwerken der Malerei gehören.

Im Jahr 2003 wurde an der Nordseite der Kathedrale, in der Cour des Librairies, ein Dom-Museum eröffnet. Dieses Musée de l’oeuvre zeigt Skulpturen, liturgische Gewänder etc. und ist als "Monument National" klassifiziert, wie z.B. auch der Mont St.-Michel.

Die Kathedrale steht an einer Stelle, die schon seit dem 4. Jahrhundert als Kultstätte diente. Bevor mit der Errichtung des gotischen Gotteshauses etwa im Jahre 1170 begonnen wurde, stand hier eine alte romanische Kirche. In ihren wichtigsten Teilen war Notre-Dame um die Mitte des 13. Jahrhunderts fertig gestellt. Sie wurde jedoch in den weiteren Jahrhunderten von den Erzbischöfen und Domherren Rouens weiter ausgebaut und verschönert: So entstanden die Seitenkapellen Ende des 13. Jahrhunderts, die Marienkapelle wurde zu Beginn des 14. Jahrhunderts errichtet und der Glockenturm Tour de Beurre um die Wende zum 16. Jahrhundert. Die weit über die Stadt hinaus sichtbare Kirchturmspitze wurde erst 1825 aufgesetzt und ist vollkommen aus Gusseisen.

Glücklicherweise lagerte man zu Beginn des Zweiten Weltkrieges die schönsten Glasfenster der Kathedrale aus. Denn als die deutschen Truppen 1940 in Rouen einmarschierten, gingen Teile des Sakralbaus in Flammen auf und 1944 wurde er nochmals stark beschädigt. Die Wiederherstellung war erst Ende 1980 weitgehend abgeschlossen. Heute ist es die Luftverschmutzung, die der so einmalig schön gestalteten Fassade der Kathedrale arg zusetzt.

Kathedrale Rouen © by ohaoha - flickr.com
Notre Dame de Rouen

Das 137 Meter lange Kirchenschiff ist in klassischer Kirchenbauweise nach Osten hin ausgerichtet und wird durch die kontrastierenden großen Gebäude des sich östlich anschließenden Erzbischöflichen Palastes noch verlängert.

Der Vorplatz der Kathedrale ist heute als Fußgängerzone ausgebaut. An der Ecke zur Rue de Petit-Salut steht das Bureau des Finances, ein elegantes Renaissance-Gebäude aus dem Jahr 1510, das heute das Fremdenverkehrsamt beherbergt. An der gegenüberliegenden Seite hat man ein modernes Konferenzgebäude errichtet, in dem die Reste eines im Krieg teilweise zerstörten Renaissance-Hauses recht geschickt eingearbeitet wurden.

Die Westfassade der Kathedrale ist äußerst beeindruckend. Das Hauptportal entstand zu Beginn des 16. Jahrhunderts und wird von einem mit großen und kleinen Statuen besetzten Giebel gekrönt. Dieser Tympanon wurde von dem aus Rouen stammenden Künstler Pierre des Aubeaux gestaltet. Zwei spitz zulaufende, kleine Türme rahmen das Portal ein, in dem von der einst kompletten Ausstattung mit Statuen nur noch wenige vorhanden sind. Die beiden Seitenportale – rechts das des heiligen Stephan und links das des heiligen Johannes – stammen aus der frühesten Bauperiode. Ende des 14. Jahrhunderts wurden zu Beginn der französischen Flamboyant-Periode die Teile der Westfassade erneuert, die über den seitlichen Portalen liegen.

Zwei Seitentürme flankieren die Hauptfassade und geben der gesamten Front ihr Gepräge. Auf der linken Seite ist dies der solide Tour Saint-Romain, dessen untere Partie etwa um 1160 entstanden ist, während die oberen Teile erst im 15. Jahrhundert aufgesetzt wurden. Rechter Hand steht der im Flamboyant-Stil des späten 15. Jahrhunderts errichtete, feingliedrige Tour de Beurre. Seinen Namen erhielt der "Butterturm" aus der historischen Handhabung der Fastenzeit durch das Domkapitel: Normalerweise war der Genuss von Butter zur Fastenzeit nicht zulässig, doch konnte mit einer vorübergehenden Aufhebung dieses Verbotes mit den aus dem Butterverkauf erzielten Einnahmen der Bau dieses Glockenturmes finanziert werden.

An der Nordwestecke der Kathedrale befindet sich der Cour d’Albane, ein Hof, der nach dem aus Italien stammenden Kardinal und Erzbischof von Rouen benannt wurde. Albano hatte hier ein mittelalterliches Kolleg gegründet. An der Nordseite der Kirche führt die von Fachwerkhäusern gesäumte Rue Saint-Romain zum nördlichen Vorportal aus dem 15. Jahrhundert.

Es folgt der Cour des Libraires, der zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert entstand, und schließlich das mit Aposteln und Heiligen geschmückte Portail des Libraires, ein Portal von außergewöhnlicher Schönheit aus dem ausgehenden 13. Jahrhundert. Die unteren Mauerpartien sind mit 150 steinernen Medaillons geschmückt, die mit lebendiger Fantasie die verschiedensten Szenen aus der biblischen Geschichte und aus mittelalterlichen Fabelerzählungen darstellen.

Die Südseite der Kathedrale an der Rue du Change und an der Place de la Calende hat im Krieg besonders stark gelitten. Das Portail de la Calende blieb jedoch verschont. Dieses Portal entstand zur gleichen Zeit wie das Portail des Libraires und ist eines der größten Kunstwerke der Kathedrale. Es ist reich mit Skulpturen und steinernen Medaillons ausgeschmückt und wird von zwei kleinen Türmen flankiert. Die Darstellungen im Tympanon beziehen sich auf die Passion und die Auferstehung Christi. Die Gewölbebögen sind mit Statuen von Engeln, Propheten und Märtyrern versehen.

Das Hauptschiff lässt noch die klaren Konturen der Frühgotik erkennen. Über dem Orgelgehäuse gibt die große Fensterrosette der Westfassade dem Kircheninneren ein helles Licht. Die ursprünglichen Glasfenster konnten nicht mehr rechtzeitig ausgelagert werden und wurden zerstört. Die Seitenkapellen wirken ohne die in Kirchen der gleichen Bauperiode üblichen Tribünen und Emporen ausgesprochen schmal und hoch.

Im Basisgeschoss des Tour Saint-Romain wurde eine Taufkapelle eingerichtet. An diese schließen sich mehrere Kapellen mit schönen Glasfenstern an, so die Kapelle Saint-Jean aus dem 13. Jahrhundert und die Kapelle Saint-Sever aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

Im Basisgeschoss des Tour de Beurre befindet sich eine große Kapelle im Flamboyant-Stil. Die Seitenschiffe der Südseite, die sich hier anschließen, wurden vom Krieg stark in Mitleidenschaft gezogen, so dass sie größtenteils modern eingerichtet und mit zeitgenössischen Glasfenstern versehen worden sind.

Über der Vierung erhebt sich die Laterne, die von vier mächtigen Pfeilern getragen wird. Sie dient als Sockel für die Spitze des Vierungsturmes, durch den direktes Licht effektvoll in das Kirchenschiff einfällt.

Die Querschiffe sind an den Rückfronten der Portale reich mit Statuen, Baldachinen, Balustraden und Rosetten geschmückt. In einer der Kapellen des nördlichen Querschiffes steht eine ausdrucksvolle Pietà von Eustache Desplanches, die um 1590 entstanden ist. An der Außenwand des nördlichen Querschiffs ist die berühmte Buchhändlertreppe Escalier de la Librairie, ein Werk des Steinmetzen Guillaume aus dem 15. Jahrhundert, angebracht. Beide Rosetten der Querschiffe besitzen noch spätgotischen Originalglasfenster, deren Stil aber schon die Übergänge zur Renaissance erkennen läßt. Im südlichen Querschiff ist eine beachtenswerte Christus-Statue zu sehen, eine typische Ecce-Homo Darstellung. Beachtenswert ist auch die Kapelle Sainte-Jeanne d’Arc mit den zeitgenössischen Glasfenstern von Max Ingrand.

Der eher schlichte Chor aus dem 13. Jahrhundert wurde nach dem Krieg wieder perfekt hergestellt. Der Chorumgang verbindet viele schöne Chorkapellen mit farbigen Glasfenstern aus dem 13. Jahrhundert. Hier befinden sich zahlreiche Grabstätten und Grabplatten. Besonders erwähnenswert ist die mit vielen Skulpturen ausgestattete und genau hinter dem Hochaltar gelegene Marienkapelle, die über wunderbare Glasfenster aus dem 14. Jahrhundert verfügt. Unter dem Chor befindet sich die Krypta, die von der romanischen Vorgängerkirche aus dem 11. Jahrhundert erhalten geblieben ist.