Erpressung am Hoteltresen
Bewertungen von Kunden für Kunden sind eine Hauptsäule des web 2.0 - des "social web", wie es von seinen Anhängern und Propagandisten gerne genannt wird. Mit ihr sei nun die wahre Emanzipation des Users eingetreten, der endlich auf Augenhöhe mit dem Anbieter kommunizieren könne.
Alles schön und gut. Bevor wir ein Hotel im Netz buchen, schauen wir nun alle auf mindestens 10 Vergleichsportalen nach, was denn die Vorbesucher dort alles zu bemängel oder gar zu loben haben. So ganz schlau werden wir daraus zwar nicht immer, denn häufig mittelt sich der Wert, so dass die Aussagekraft weitgehend verloren geht. Klar meiden wir Unterkünfte mit extrem schlechten Werten, wenn eine Mindestanzahl (ca. 10) an aktuellen Beurteilungen vorliegt, die alle ins gleiche Horn tuten. Aber auch bei auffallend positiven Einschätzungen neigen wir aus leidvoller Erfahrung zur Vorsicht, vor allem, wenn die sozialen Propheten ihre Bewertungen mit nichtsagenden Phrasen wie "alles super" oder "einfach nur toll" zu untermauern versuchen.
Eine neue Variante des "sozialen Urteils", das Hotelbetreiber alamiert und den kritischen Hotelgast nachdenklich stimmen sollte, ist die Variante der Erpressung am Hoteltresen.
Je mehr sich der normale Hotelgast zum kompetenten Hotelkritiker aufblähen darf, desto dreister gebärdet er sich anscheinend, wenn es um die Bezahlung seiner Rechnung geht. Es kommen immer mehr Klagen von Hotelmanagern, die sich der Situation ausgesetzt sehen:
"Gib mir einen spürbaren Rabatt, oder ich schreibe eine schlechte Bewertung über dein Hotel!"
Natürlich gibt es immer etwas zu beanstanden und häufig auch mit Berechtigung, besonders, wenn man für eine dürftige Dienstleistung üppig zur Kasse gebeten wird. Andererseits kann und darf der "König Kunde" nicht zum Tyrannen von web 2.0 Gnaden werden. Dann bleibt die Authentizität der Beurteilung vollkommen auf der Strecke und die wunderheilsame Kraft des allumfassenden Netzes führt sich selbst ad absurdum. Allgemeiner Rat an die Rezeption: Hart bleiben und lieber eine schlechte Beurteilung in Kauf nehmen (auf guten Portalen kann man diese kommentieren), als der Erpressung Tür und Tor öffnen.
Das "social web" krankt an dem Irrglauben, man könne die manchmal durchaus fragwürdige Fachkompetenz einiger weniger durch die Magie der großen Zahl ersetzen. Hat die Masse etwa immer Recht? Hat der Sozialismus im Web seine neue Heimat gefunden?
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