Kaum eine Großstadt hat in den vergangenen Jahrzehnten ein vergleichbares Auf und Ab erlebt. Vom industriellen Kraftzentrum der DDR über den dramatischen Absturz nach 1989 bis zur heutigen Renaissance als internationale Wachstumsstadt erzählt Leipzig von Brüchen, Verlusten und erstaunlicher Neuerfindung.
Das Wichtigste im Überblick
• Leipzig war einst Zentrum des DDR-Chemiedreiecks und litt massiv unter Umweltzerstörung und industriellem Niedergang
• Nach 1989 verlor die Stadt rund ein Fünftel ihrer Einwohner und galt lange als Symbol des Leerstands
• Heute wächst Leipzig wieder stark – mit neuer Messe, Logistikstandort, internationalem Zuzug und kreativen Stadtvierteln
• Nikolaikirche und Thomaskirche stehen für politische Revolution und musikalische Weltgeltung zugleich
• Hauptbahnhof, Passagen und Innenstadt bilden eines der eindrucksvollsten urbanen Ensembles Deutschlands
• Das Leipziger Neuseenland ist eines der größten Landschaftsumbauprojekte Europas
Vom Chemiedreieck zur Boomtown
Zwei Regionen in Mitteleuropa waren in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts unerträglich von Schadstoffen in Luft und Boden belastet: das polnische Oberschlesien und das „Chemie-Dreieck“ der allmählich ausgelaugten DDR um Halle, Leipzig und Bitterfeld.
Die von Leipzig ausgehende Revolution brachte zwar den gesellschaftlichen Wandel, doch in den Jahren nach 1989 wurde die wirtschaftliche Talfahrt der gesamten Region rasant. Für die abgewickelten Industrien war mehr als ein Jahrzehnt lang kaum Ersatz zu finden.
Leipzig verlor durch Abwanderung ungefähr ein Fünftel seiner Einwohner, zahlreiche Schulen und Kitas wurden geschlossen. In der Immobilienbranche des nun geeinten Deutschlands kursierte damals die bittere Steigerung: „Leer, leerer, Leipzig.“
Auch die Bewerbung dieser einstigen „DDR-Medallienschmiede“ für die Olympischen Sommerspiele scheiterte noch vor der engeren Wahl. London warf damals einen großen Schatten auf das kränkelnde Sport-Mekka in Sachsen.
Immerhin wurden nach der Jahrtausendwende erste Anzeichen eines Comebacks sichtbar: Im Norden der Stadt entstand ein neues Messegelände, der Großflughafen Halle-Leipzig entwickelte sich zur internationalen Drehscheibe der Logistik.
Neben der zaghaften Rückkehr von produzierendem Gewerbe fiel vor allem der Gestaltwandel des Leipziger Südens bundesweit auf: Die Flutung der stillgelegten Braunkohle-Gruben war abgeschlossen, nun entstand dort eine ausgedehnte Seenlandschaft.
Internationale Berufstätige sollen – geschockt von Preisen und Mieten in Berlin – für Leipzig die Kurzformel „The better Berlin“ geprägt haben.
Mittlerweile ist die Stadt dabei, ihren alten Einwohnerstand zu übertreffen. Für das nächste Jahrzehnt rechnet man mit rund 630.000 Menschen – ein Zuzug, für den angemessener Wohnraum noch fehlt.
Im Zentrum ist die traditionelle Handelsstadt lebendiger und multikultureller als je zuvor. Als unlängst die „Galaktischen“ von Real Madrid zum Auswärtsspiel in der Champions League antraten, hatten sie zahlreiche Fans nach Sachsen mitgebracht.
Eine Gruppe, die vorm Bach-Denkmal an der Thomaskirche mit ihren Schals posierte, gab einem Leipziger ihre Smartphones für Erinnerungsfotos. Danach wollten sie noch etwas Netteres als „gracias“ sagen – und fanden die passenden Worte:
„Beautiful city.“
Herz und Puls der Stadt
Leipzig? Viele verstehen nur Bahnhof
Wer mit Bus oder Pkw nach Leipzig anreisen will, dem entgeht beim Blick aus dem Fenster zunächst nicht allzu viel. Eine Tiefebene dehnt sich aus wie die Marsch an der Nordseeküste und scheint jenseits der sechsspurigen Autobahnen am Schkeuditzer Kreuz fast menschenleer.
Schon aus weiter Ferne ragt der Panorama Tower vom Augustusplatz in den Horizont, hinter riesigen Überlandleitungen hebt sich vielleicht noch ein dampfender Schlot hervor.
Sicherlich gibt es noch trostlosere Umgebungen in Deutschland – aber die möchte man sich lieber nicht ausmalen.
Unendlich mehr an Erlebnis und Stil bietet die Ankunft im Leipziger Hauptbahnhof.
An Schönheit mögen ihn andere Stationen Europas übertreffen, nicht aber an Imposanz: Über 23 Gleise wölbt sich das großartige Kuppeldach der Ankunftshalle, an deren Ende eine drei Ebenen tiefe Shopping Mall zum Absetzen von Koffer und Rucksack einlädt.

Zwei besondere Anlaufpunkte lohnen sich sofort:
• Blumen-Hanisch im Parterre der Eingangshalle bindet seit Jahrzehnten schöne Sträuße nach Wunsch
• Die Bahnhofsbuchhandlung Ludwig bietet eine angenehme Café-Ecke mit Blick auf den Trubel des Innenstadtrings
Die Neugestaltung des einst in eine preußische und eine sächsische Hälfte geteilten Monumentalbaus wurde ergänzt durch ein Verkehrsprojekt, das fast an „Stuttgart 21“ erinnert.
Leipzig ist seit 2013 kein klassischer Kopfbahnhof mehr. Eine neue Regionalzugstrecke wurde unterirdisch durch das Zentrum gebohrt. Die tief hinabführenden Treppen zum „City-Tunnel“ wirken beinahe pompös wie Stufen zu einem Pharaonengrab und erinnern kaum noch an großstädtische S-Bahn-Haltestellen.
Ein notwendiger Hinweis: Der überdachte Haupteingang ist zugleich ein geduldeter Aufenthaltsort für Obdachlose, für die anderswo Platzverbote bestehen. Die täglich zu Tausenden vorbeigehenden Passanten, Pendler und Fernreisenden werden in der Regel nicht belästigt.
Handel im Wandel
Leipzigs Passagen und das alte Messewesen
An vierspurigen Autoverkehr und mehrere Straßenbahngleise war man direkt vor dem Bahnhof gewöhnt. Als dort zusätzlich noch ein Fahrradstreifen eingerichtet wurde, machten einige Bürger ihrem Unmut Luft.
Besucher sollten den breiten Ring um den Stadtkern jedoch eher als Vorzug erkennen: Er umschließt eine kompakte Innenstadt, die weitgehend den Fußgängern gehört und auf engem Raum erstaunlich viele Anziehungspunkte bündelt.
Unablässig flutet das Gewimmel auf der Grimmaischen Straße zwischen Marktplatz, Altem Rathaus und Augustusplatz mit Universität, Oper und Gewandhaus.
Diese moderne Konzerthalle wird von Leipzigs einzigem Hochhaus überragt. Weil der 155 Meter hohe Turm nach oben spitz ausläuft und ursprünglich für die Universität vorgesehen war, nannte man ihn den „Weisheitszahn“.
Weniger auffällig sind jene Orte, auf denen Leipzigs Ruf als europäische Handelsstadt beruht.
Ein Privileg, regelmäßig Messen abhalten zu dürfen, wurde schon von Kaiser Maximilian gewährt. Damals präsentierten die von weither angereisten Kaufleute ihre Waren direkt vor dem Alten Rathaus.
Später verlagerte sich der Handel in die umliegenden Höfe mit ihren geräumigen, mehrstöckigen Speichern. Als Zeugnis dieser Zeit hat sich der schöne Barthels Hof von 1750 erhalten.
Mit der Erfindung des „Durchhofs“, bei dem Lastkutschen ohne Wenden von Gasse zu Gasse fahren konnten, begann die eigentliche Glanzzeit der Leipziger Passagen.
Zahlreiche dieser Höfe bestehen bis heute als Verkaufsgalerien fort.
Besonders sehenswert:
• Speck’s Hof
• Mädlerpassage
• Barthels Hof
Wer Leipzig zum ersten Mal besucht, sollte sich unbedingt einem geführten Rundgang durch diese Höfe und Passagen anschließen. Es gibt kaum einen besseren Weg, das weltstädtische Selbstbewusstsein der Stadt zu verstehen.
Reisebuch.de Tipp
Der beste erste Rundgang durch Leipzig
Hauptbahnhof → Augustusplatz → Nikolaikirche → Markt → Altes Rathaus → Mädlerpassage → Thomaskirche → Bachdenkmal → Dittrichring → Neues Rathaus
Dauer: etwa 2 bis 3 Stunden zu Fuß
So erschließt sich Leipzig deutlich besser als durch jede Stadtrundfahrt.
Die Nikolaikirche und die Revolution von 1989
Einige Zeit nach den Ereignissen des Wendejahres tauchte vereinzelt das Beiwort „Heldenstadt“ auf. Es klang den meisten Leipziger jedoch zu pathetisch und verschwand schnell wieder.
Geblieben ist die Anerkennung für den Mut jener Menschen, die im Herbst 1989 protestierten – und jener, die Gewalt verhinderten.
Die Hauptkirche an der Nikolaistraße hatte bereits zuvor am Montagabend zum Friedensgebet eingeladen und damit Anhängern der von der Staatsmacht misstrauisch beobachteten Parole „Schwerter zu Pflugscharen“ ein Forum gegeben.
Auch Menschen, die sich unabhängig mit der Umweltzerstörung rund um Leipzig auseinandersetzen wollten, fanden hier einen Schutzraum.
Brisant wurde die Lage, als sich zunehmend auch Bürger einfanden, die für ihr Recht auf Ausreise kämpften und Freundeskreise bildeten.
Nachdem im Sommer 1989 die Fluchtbewegung aus dem Ungarn-Urlaub Richtung Westen eingesetzt hatte, trauten sich die Teilnehmer des Friedensgebets erstmals auf die Straße und umrundeten den Nikolaikirchhof.
Als Stasi-Beamte gegen Protestplakate handgreiflich vorgingen, filmte das Westfernsehen.
Noch heute sind die Vorgänge des 9. Oktober nicht vollständig aufgeklärt. Nach Demonstrationen in Berlin verbreitete sich große Angst vor einer Eskalation. Eine „chinesische Lösung“ mit Schusswaffeneinsatz erschien keineswegs ausgeschlossen.
Wer schließlich auf wen einwirkte, sodass es nicht zur Katastrophe kam, wird bis heute unterschiedlich erzählt.
Fakt bleibt: Am 9. Oktober demonstrierten 70.000 Menschen auf dem Leipziger Ring und fanden einen damals ungeheuer provokanten Sprechchor:
„Wir sind das Volk.“
So rasch, wie sich dieser Ruf später zu „ein Volk“ wandelte, kam der politische Umschwung in Deutschland ins Rollen.
Dass schon wenige Hundert Menschen genügen, um durch die Blockade des Rings erhebliche Unruhe auszulösen, zeigte sich Jahrzehnte später erneut bei Querdenker-Protesten während der Pandemie.
Bis heute hält die Nikolai-Gemeinde jeden Montag ein Friedensgebet ab – und Europa wird diese Veranstaltung leider auch weiterhin benötigen. Besuchern der beiden alten Leipziger Innenstadt-Kirchen wird nicht entgehen, dass St. Nikolai mit seinen prächtigen Säulen und bunten Ausmalungen schöner zu betrachten ist als die große, aber karge Thomaskirche.
Die Thomaskirche und ihre Kantoren
Besuchern der beiden alten Leipziger Innenstadtkirchen wird nicht entgehen, dass St. Nikolai mit ihren prächtigen Säulen und den farbigen Ausmalungen deutlich opulenter wirkt als die große, eher karge Thomaskirche. Doch gerade diese Nüchternheit gehört zu ihrem Charakter – denn hier steht nicht die Architektur im Mittelpunkt, sondern die Musik.
Stets aufs Neue umwimmeln Besuchergruppen das Denkmal Johann Sebastian Bachs auf dem Thomaskirchhof. An diesem Ort geht es internationaler zu als auf dem Messegelände, Durchsagen ertönen in mehr Sprachen als auf dem Flughafen.
Wie sehr die Musik Bachs zu einer Art Weltsprache geworden ist, dokumentiert der Film „Living Bach“ über ein globales Projekt zum Bach-Fest 2022.
Für seine Zeitgenossen war Bach allerdings eher einer von vielen, denn einen Gesangslehrer für die Scholaren von St. Thomas gab es bereits im 13. Jahrhundert. Als Verantwortlicher für die Musik an beiden Hauptkirchen Leipzigs galt Bach bei seinen Vorgesetzten in Stadtrat und Schule nach hoffnungsvollem Beginn zunehmend als Querulant.
In den nachfolgenden Generationen war sein Name fast nur noch unter Organisten und Kennern des „Wohltemperierten Klaviers“ geschätzt. Erst später wuchs sein Ruf zum Weltruhm.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte sich Leipzig schließlich die Mühe, sein verschollenes Grab auf dem Johannisfriedhof wieder aufzuspüren. Exhumierte Gebeine in einem Eichensarg, die man Bach zuordnete, wurden 1950 feierlich unter einer Platte im Chorraum der Thomaskirche beigesetzt.
Vielleicht könnte das mit dem Nobelpreis geehrte Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie heute echte Bach-DNA nachweisen – doch derzeit will niemand die Totenruhe stören.
Äußerst lebendig erhalten hat sich hingegen der Chor der Thomasschule. Das Gymnasium mit über 600 Schülerinnen und Schülern hat neue Gebäude in der Vorstadt bezogen, aber weiterhin erhalten dort 90 Jungen eine intensive Gesangsausbildung.
Von ihrem Können überzeugen sich Besucher während der „Motette“, einem musikalischen Gottesdienst am Samstagnachmittag in der dann gut gefüllten Thomaskirche.
Den Chor leitet inzwischen bereits der achtzehnte Nachfolger Johann Sebastian Bachs.

Heimliche Hauptstadt der klassischen Musik
Zugegeben: Berlin besitzt drei Opernhäuser und die Philharmoniker. Ansonsten kann es Leipzig jedoch kaum das Wasser reichen, wenn man Musikgeschichte und musikalische Gegenwart ernsthaft betrachtet.
Ein Spaziergang durch das Land der Leipziger Klassik beginnt an einer kleinen Grünanlage am Dittrich-Ring mit dem Mendelssohn-Denkmal – einer Kopie der von den Nationalsozialisten eingeschmolzenen Statue.
Von hier ist es nur ein Katzensprung zum Thomaskirchhof mit Bach-Museum, Archiv und Souvenirshop gegenüber.
Die Nähe der beiden Komponisten hat ihren guten Sinn: Felix Mendelssohn Bartholdy gilt mit seiner Wiederaufführung der Matthäus-Passion als einer der entscheidenden Begründer der Bach-Renaissance im 19. Jahrhundert.
Die alte Thomasschule neben der Kirche, wo Bach zu seinem Verdruss auch Latein unterrichten musste, wurde 1902 abgerissen. Das dort aufbewahrte einzige Originalbildnis Bachs wird heute im Alten Rathaus hinter Panzerglas gezeigt.
Das Gebäude der Alten Nikolaischule hat sich erhalten. Hier drückte Richard Wagner drei Jugendjahre lang die Schulbank – übrigens ebenso wie 150 Jahre zuvor das Universalgenie Gottfried Wilhelm Leibniz.
Eine Ausstellung im Untergeschoss präsentiert Wagners Kinder- und Jugendjahre in seiner Geburtsstadt.
In der heutigen Fußgängerzone stand einst das Geburtshaus Clara Schumanns, von dem leider ebenso wenig erhalten ist wie vom ersten Gewandhaus.
In der Gewerbehalle der Tuchhändler an der Universitätsstraße befand sich ein Konzertsaal, in dem der erwachsene Mozart auftrat und später das Wunderkind Clara Wieck.
1843 entstand hier unter Kapellmeister Mendelssohn eine Akademie, die als erste Musikhochschule Deutschlands gelten kann.
Ein baulicher Kraftakt ließ im letzten Jahrzehnt der DDR schließlich das dritte Gewandhaus entstehen. Das moderne Haus am Augustusplatz fasst im großen Konzertsaal 1900 Besucher.
Der Shop im Erdgeschoss ist einer der letzten Orte in Deutschland, an denen Liebhaber noch in Ruhe ein größeres Angebot an Klassik-CDs durchstöbern können.
Die Oper Leipzig am anderen Ende des Augustusplatzes bietet ein gelungenes Beispiel für modernen Klassizismus und stammt aus dem Jahr 1960.

Reisebuch.de Tipp
Für Musikliebhaber in Leipzig
Diese Reihenfolge ergibt einen idealen Klassik-Rundgang:
Mendelssohn-Denkmal → Thomaskirche → Bach-Museum → Altes Rathaus → Alte Nikolaischule → Gewandhaus → Oper Leipzig → Mendelssohn-Haus → Schumann-Haus
Dauer: etwa ein halber Tag
Wer Leipzig musikalisch verstehen will, sollte genau hier beginnen.
Musikviertel jenseits des Rings
Überquert man den Ring, beginnt ein weiteres historisches Musikviertel.
Clara und Robert Schumanns Domizil in der Inselstraße 18 ist ebenso als Erinnerungsort erhalten wie etwas weiter südlich der einstige Firmensitz des Musikverlages Peters in der Talstraße 10.
In der Beletage des reich mit Stuck verzierten Hauses von 1874 stand einst ein Flügel, an dem Edvard Grieg – selbst Absolvent des Gewandhauses – dem damaligen Verlagschef seine neuesten Kompositionen vorspielen konnte.
Heute finden hier ebenso regelmäßig Kammerkonzerte statt wie im Mendelssohn-Haus gleich um die Ecke.
Zum 205. Geburtstag des Komponisten wurde die gediegene Leipziger Bürgerwohnung umfassend renoviert und zum modernen Museum erweitert.
Besonderen Reiz übt auf Laien das virtuelle Dirigentenpult im Erdgeschoss aus: Nach Auswahl eines Musikstücks läuft die Partitur mitsamt den auf Wände projizierten Orchestergruppen ab – und das Taktschlagen kann beginnen.
Ein ganz anderes Programm als die vielen Klassik-Stätten bietet die Moritzbastei am Ring: Hier finden Rock- und Popkonzerte statt, der historische Festungskeller und frühere Studierenden-Treff ist außerdem für Club- und Partynächte gefragt.
Nebenbei: „Die Prinzen“ singen noch immer, und die Leipziger Jazztage feiern demnächst ihr fünfzigstes Jubiläum.
Handel im Wandel
Neues und altes Messegelände
Die Wanderung auf das frühere Messegelände beginnt am besten am Bayerischen Bahnhof – einem Industriedenkmal aus dem Eisenbahnzeitalter, von dem sich außer der Bahnlinie vor allem die schöne steinerne Eingangshalle erhalten hat.
In Richtung Südosten fällt nach einigen hundert Metern die Russische Gedächtniskirche auf, die wie das Völkerschlachtdenkmal auf das Jubiläumsjahr 1913 zurückgeht und heute von der kleinen orthodoxen Gemeinde genutzt wird.
Hinter einem modernen Anbau weitet sich die Fassade der Deutschen Nationalbibliothek am Oval des Deutschen Platzes.
Seit der staatlichen Teilung existierten in Ost und West zwei Häuser dieser Art, in denen das gesamte gedruckte Wort in deutscher Sprache dokumentiert wurde. Die Konkurrenz arbeitet weiterhin in Frankfurt am Main – aus Konkurrenz ist mittlerweile Kooperation geworden.
Der Eingangsbereich des alten Leipziger Baus ist ebenso sehenswert wie die Ausstellungen in seiner modernen Erweiterung.
Unweit davon bietet die INSPIRATA ein Mitmach-Museum für Mathematik und Naturwissenschaften – ein Quell der Anregung vor allem für gestresste Schulklassen.
Nun beginnt allmählich das noch immer gut erkennbare Gelände der Leipziger Industriemesse.
Nachdem sich die Leipziger Messe zur reinen Musterschau für Konsumgüter gewandelt hatte, konnten zunächst noch Kaufhäuser, Passagen und Höfe der Innenstadt Angebot und Besucherstrom aufnehmen.
Mit einer großzügigen Bauausstellung begann 1913 der Umzug an den südöstlichen Rand der Innenstadt.
Von dieser Schau erhalten geblieben ist die Halle 16 mit ihrer auffälligen Kuppel, heute ein Veranstaltungshaus für bis zu 2000 Besucher.
Ein nachgeahmter griechischer Tempel auf dem Messegelände wurde später zum sowjetischen Pavillon umgebaut, über dessen Eingang noch heute eine Rakete mit rotem Stern an der Spitze prangt – auch wenn es hier mittlerweile nur noch um Einzelhandel geht.
Der Spaziergang über die Alte Messe lässt sich komfortabel in der Cafeteria des porta Möbelmarkts abschließen.
Von der verglasten Fensterfront im obersten Stockwerk schaut man auf die beiden symbolischen M-Buchstaben am alten Tor zur Leipziger Messe, während am Horizont das Völkerschlachtdenkmal in bestem Licht aufragt.
Das Monument der Völkerschlacht
Mehr als ein halbes Jahrhundert ragte das Völkerschlachtdenkmal wie eine kolossale, düstere Käseglocke über dem südöstlichen Horizont Leipzigs: Im Zweiten Weltkrieg nur leicht beschädigt, aber pechschwarz angelaufen vom Qualm aus Schloten, Schornsteinen und Auspuffrohren.
Rund um das 200. Gedenken im Jahr 2013 wurden über Jahre fast 35 Millionen Euro investiert, um das noch im Kaiserreich eingeweihte Monument zu säubern und besucherfreundlich zu renovieren.
Schon zur historischen Einweihung sollte die Besuchermasse vor allem durch Masse beeindruckt werden.
Ein weitläufiger Außenbereich mit Wasserbassin führt auf Treppenanlagen zu, die an ein Pharaonengrab erinnern. Über einer Krypta mit 16 steinernen Totenwächtern wölbt sich die Ruhmeshalle, in der vier allegorische Kolosse für Tapferkeit, Glauben, Opfermut und Volkskraft finster und regungslos stehen.
Mittlerweile hat seine einmalige Akustik den Kuppelbau zur Bühne für Avantgarde, Kammerkonzerte und Akustik-Jazz gemacht.

Mit dem Fahrstuhl erreicht man den äußeren Umgang des Denkmals. Von hier bietet sich ein weiter Ausblick über das alte Messegelände bis zu den höchsten Dächern und Spitzen des Stadtzentrums. Das Bauwerk war für ein hundertjähriges Jubiläum errichtet worden: Im Oktober 1813 wurde vor den Toren Leipzigs das Ende des Imperiums von Napoleon Bonaparte besiegelt. Noch nie waren so viele Soldaten in eine Schlacht geführt worden. 350 000 Alliierte standen 200 000 Franzosen und ihren letzten Vasallen gegenüber, in drei Tage dauernden Kämpfen wurden Napoleons Truppen bis an die Stadttore Leipzigs gedrängt. Die Armee des Kaisers der Franzosen entging nur durch einen fast fluchtartigen Rückzug ihrer Vernichtung. Da beinahe jede europäische Nation mit Kontingenten beteiligt war, prägte sich der Begriff „Völkerschlacht bei Leipzig“ in die Geschichtsbücher ein.
Das Königreich Sachsen hatte nominell auf französischer Seite gestanden und bis zum bitteren Ende Hilfstruppen für Napoleon gestellt, es büßte deswegen nach dem Wiener Kongress beinahe die Hälfte seines Territoriums ein. Schwer wurde die Stadt Leipzig in Mitleidenschaft gezogen: Die Unzahl an Verwundeten und Getöteten löste eine Typhus-Epidemie aus, die ein Zehntel der Bevölkerung nicht überlebte.
Teile der Stadt lagen nach Beschuss und Sprengungen in Trümmern, Hunderte Menschen ertranken im gefluteten Elster-Mühlengraben.
Nach mehr als zweihundert Jahren ist die Erinnerung an dieses Leid verblasst. Umso mehr fasziniert heute anscheinend das Militärische: Seit vielen Jahren beschäftigt sich eine beträchtliche Szene von Hobby-Historikern mit dem “Re-Enactment“, der originalgetreuen Wiederbelebung des damaligen Kriegsalltags. In den Oktobertagen der Leipziger Bataille trifft sich die internationale Szene uniformiert im Biwak. Man präsentiert zeitgenössische Uniformen, exerziert mit Waffen und stellt mit zahlreichen Teilnehmern Gefechte nach. Treffpunkt ist seit Jahren das Gelände am Torhaus vom Gutshof Dölitz, das eine sehenswerte Zinnfiguren-Sammlung präsentiert. Im Museum am Völkerschlacht-Denkmal werden die damaligen Ereignisse in einer städtisch kuratierten Ausstellung erklärt.
Leipzigs lebendige Peripherie
Lindenau und Plagwitz
Wer Leipzig verstehen will, sollte nicht nur in der Innenstadt bleiben. Das eigentliche Gegenwartsgefühl der Stadt findet sich oft draußen – in den ehemaligen Industrievierteln, an den Wasserläufen, zwischen alten Fabrikhallen, sanierten Backsteinfassaden und sehr viel improvisierter Urbanität.
Auf dem Weg in die westlichen Vorstädte rollt die Tram vom Waldplatz über die Angerbrücke nach Lindenau.
An der Haltestelle „Sportforum“ stoppt sie vor der einstigen „Deutschen Hochschule für Körperkultur“. Diese Elite-Universität des DDR-Sports ist nach einigen Umbauten heute eine Abteilung der Universität Leipzig.
Gegenüber steht noch ein Turm des früheren Zentralstadions, das für 100.000 Zuschauer erbaut wurde und zu Turnfesten und anderen sozialistisch geprägten Großveranstaltungen tatsächlich diese Menschenmasse aufnehmen konnte.
Für die Fußball-WM 2006 wurde das Stadion grundlegend modernisiert und trägt heute unübersehbar das Markenzeichen des Begründers und Sponsors von RB Leipzig.
Wie viel Kapital inzwischen in die Fußball-Bundesliga investiert wird, können selbst Zaungäste auf dem weitläufigen Clubgelände am Elsterbecken erahnen.
Hier fällt der Blick von der Angerbrücke kilometerweit über Wiesen und Wasser. Die Flussniederung der Elster, die Leipzigs Westen von der Innenstadt trennt, wurde aufgestaut und die nassen Wiesen zu Parkanlagen kultiviert.
Gegenüber dem Straßenbahndepot an der Angerbrücke fällt ein Schriftzug im Erdgeschoss eines markanten Eckgebäudes auf:
„War is over“
Das gilt leider nur für den April 1945 in Leipzig.
Das Robert-Capa-Haus, einst fast zur Ruine verkommen, wurde auch wegen seiner historischen Bedeutung nach jahrelangen Bemühungen einer Bürgerinitiative in alter Form renoviert.
Die kleine Ausstellung hinter den großen Buchstaben erzählt die traurige Geschichte einer Momentaufnahme des amerikanischen Kriegsfotografen Robert Capa – ein stiller Ort des Gedenkens als Gegenstück zum monumentalen Pathos des Völkerschlachtdenkmals.
Am Lindenauer Markt stehen zwei wichtige Außenposten des Leipziger Theaterlebens:
Das „Theater der Jungen Welt“ in einem großzügigen Jugendstilbau ist eines der mittlerweile seltenen Bühnenhäuser ausschließlich für Kinder und Jugendliche.
In die „Musikalische Komödie“ wiederum lagert die Leipziger Oper ihre leichtere Muse aus.
Lindenau, Plagwitz und Schleußig bezeugen das rasante Wachstum Leipzigs in der ersten Blüte des Industriezeitalters.
Viele Fabrikgebäude aus dieser Epoche stehen heute unter Denkmalschutz und wurden im Leerstand nicht abgerissen, sondern instandgesetzt und modernisiert.
Ihre Umnutzung schuf eine lebendige Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Kultur und Freizeit.
Die Leipziger Kreativszene und zahlreiche Start-up-Firmen erhielten neuen Spielraum in den historischen Hallen der Textilindustrie.

Einen besonders aufmerksamen Rundgang verdienen:
• die neu aufgeputzten Buntgarnwerke an der Weißen Elster
• die Baumwollspinnerei mit ihren Ateliers und Galerien
• die Industriebauten rund um Plagwitz und Schleußig
Unweit der Baumwollspinnerei findet sich zudem ein spektakulärer Blickfang.
Die zwölf Meter hohe „Techne Sphere“ aus Glas und Beton war ein Entwurf des brasilianischen Stararchitekten Oscar Niemeyer, den ein Team seiner Nachfolger 2020 in einem Plagwitzer Backsteinbau verwirklichen konnte.
Der zweigeschossige Kugelbau bietet Raum für Meetings aller Art und wird zugleich als außergewöhnliche Event-Location vermarktet.
Die Südvorstadt und Connewitz
Zwei in die Jahre gekommene Hochbauten bilden das Tor zu Leipzigs Süden.
Linkerhand die von den Emissionen eines Jahrhunderts geschwärzte Peterskirche, gegenüber ein wilhelminischer Imponierbau mit einer Kuppel von fast 70 Metern Höhe: Hier sitzt heute das Bundesverwaltungsgericht, einst das Reichsgericht.
Immerhin zwei Entscheidungen des alten Reichsgerichts hatten historische Tragweite.
1934 verurteilte es den holländischen Anarchisten Marinus van der Lubbe als alleinigen Täter des Berliner Reichstagsbrands.
Einige Jahre zuvor hatte es in fast brüllend komischem Juristendeutsch ein für alle Mal geklärt, was eine Eisenbahn ist.
Die Tram nach Connewitz passiert nun eine Reihe bunter Läden für Spezialbedarf und das Verlagshaus der Leipziger Volkszeitung, bevor man am Südplatz für ein Foto der „Löffelfamilie“ aussteigt.
Diese originelle Leuchtreklame der VEB Feinkost ist ein ostalgischer Hingucker.
Das Gelände der ehemaligen Lebensmittelfabrik beherbergt heute ein Kulturzentrum mit Kino, Shops, Biergarten und populären Flohmärkten.
Schnurgerade nach Süden verläuft hier die Leipziger „Karli“, wie der Volksmund – wie in vielen anderen Städten – die Karl-Liebknecht-Straße verkürzt.
In den ersten Jahren nach der Wende, zwischen Leerständen und Hausbesetzungen, entstand hier das linksalternative Szeneviertel.
Mittlerweile entwickelt sich die Karli zunehmend zum Boulevard mit Restaurants und Bistros auch für zahlungskräftige Besucher, die nicht gleich um die Ecke wohnen.
Die Zahl der mit Graffiti besprühten und mehr oder weniger vernachlässigten Gründerzeithäuser nimmt zu, je näher man dem Connewitzer Kreuz kommt.
Im Werk 2 – ebenfalls ein kulturell umgewidmetes Industriegelände – findet man Leipzigs Top-Fachgeschäft für Sprühfarbe in allen Schattierungen.
Am „Wall of Fame“ gleich um die Ecke darf der Kunde sein Produkt sofort testen.
Die Karli wird von der Bundesstraße 2 durchquert, die auf dem Weg zu den Studios des MDR auch am Panometer vorbeiführt.
Der Künstler Yadegar Asisi sorgt seit 2003 für eine Renaissance der schon vor Jahrhunderten beliebten monumentalen Rundbilder und nutzt dafür aufgegebene Gasometer, mittlerweile an sechs Standorten in Deutschland.
Die Themen in der Leipziger Südstadt wechseln ungefähr halbjährlich, rund um das Bild bietet das Panometer vertiefende Informationen in einer begleitenden Ausstellung.
Reisebuch.de Tipp
Leipzig abseits der Altstadt erleben
Wer nur Markt, Thomaskirche und Mädlerpassage besucht, sieht das historische Leipzig.
Wer Lindenau, Plagwitz, Karli und Connewitz erlebt, versteht das heutige Leipzig.
Am besten per Straßenbahn und zu Fuß.
Gerade hier zeigt sich die eigentliche Dynamik der Stadt.
Gohlis
Auf dem Weg in Leipzigs nördliche Vorstadt passiert die Straßenbahn zunächst den Leipziger Zoo.
Vor dem Eingang mit den meist stark frequentierten Kassenhäuschen erhebt sich der Turm der Kongresshalle von 1900.
Lange Zeit befand sich hier der größte Veranstaltungssaal Leipzigs, bis 1981 spielte auch das Orchester des Gewandhauses an diesem Ort.
Seit 2015 ist das Haus vollständig saniert und mit moderner Veranstaltungstechnik ausgestattet.
Zwanzig Jahre vor der Kongresshalle eröffnete bereits der Zoo, der mit 27 Hektar zum flächenmäßig größten Zoo Deutschlands anwuchs.
Den heutigen Besucherandrang verdankt er vor allem der Gestaltung seiner tierkundlichen Themenwelten.
Publikumsmagnete sind vor allem:
• Gondwanaland mit tropischem Klima und Pflanzenwelt
• Pongoland, das Reich der Menschenaffen
Im Leipziger Zoo praktiziert serienweise auch Dr. Mertens, die Tierärztin des ARD-Abendprogramms.

Das Stadtviertel Gohlis war noch ein Dorf vor den Toren Leipzigs, als Friedrich Schiller hier 1785 eine Wohnung bezog.
Verschuldet und auf die Hilfe von vier nur brieflich bekannten Verehrern vertrauend, hatte der junge Dramatiker seinen Lebensmittelpunkt von Baden-Württemberg nach Sachsen verlagert.
Der Leipziger Verleger Göschen vermittelte ihm die obere Etage in einem Bauernhaus, in dem der arme Poet eine mehrmonatige Sommerfrische genießen konnte.
Nach gängiger Überlieferung inspirierte Schillers Erleichterung über diesen kaum erhofften Umschwung seines Lebens die spätere „Ode an die Freude“.
Unweit dieses Gohliser Gartenhäuschens steht heute eine Fabrikhalle, und nur mit viel Fantasie lässt sich in der Mitte der Menckestraße noch der alte Dorfanger erkennen.
Mindestens so berühmt wie bei Literaturliebhabern das Schillerhaus ist bei Bierkennern die Gosenschenke in derselben Straße.
Als Ursprung dieses säuerlichen Weizenbiers gilt Goslar im Harz – weltbekannt ist jedoch eher die Bierkneipe „Ohne Bedenken“, deren Biergarten seine Blütezeit um 1900 erlebte.
Als letzter Gose-Ausschank seiner Art bewahrte das Lokal seinen Ruhm bis heute und kann eine beeindruckende Zahl berühmter Gäste mit Fotos und Unterschriften an den Wänden dokumentieren.
Man könne den hier gezapften Bräu „ohne Bedenken“ trinken, soll ein Gose-Kellner einst zu seinem Leitspruch gemacht haben.
Ohne Reue genießen kann man Gose heute wohl am ehesten mit Sirup-Zusatz – fast wie eine Berliner Weiße.
Für den Rückweg in die Innenstadt lässt man am besten die Straßenbahn einfach vorbeifahren und begibt sich zu Fuß zum Gohliser Schlösschen.
Der gut erhaltene Rokoko-Bau mit sehenswertem Interieur und Cafébetrieb am Nachmittag gehört zu den stilleren Höhepunkten Leipzigs.
Von dort überquert man einen Steg über die Parthe, einen Zufluss der Elster, und findet anstelle der Leipziger Vorstadt plötzlich nur noch Wald und Wiese.
In der Ferne erhebt sich über dem weiten englischen Rasen des Rosentals die Spitze des Hochhauses am Augustusplatz.
Wer nicht sofort zurück ins Zentrum möchte, wirft noch einen Blick ins „Zoo-Schaufenster“:
Am Rand des Rosentals beginnt bereits die Savanne mit dem Gehege der Giraffen.
Neu-Seen-Land
Klein-Zschocher, Knauthain und Cospuden waren einst Dörfer und Güter südlich von Leipzig, deren Bauern Johann Sebastian Bach in einer drolligen Kantate ihre „neue Oberkeit“ besingen ließ.
150 Jahre später begann unweit dieser Region der systematische Abbau von Braunkohle für einen ständig wachsenden Energiebedarf. In der DDR rückte die zerstörte Landschaft dieser Tagebaue schließlich immer näher an den Stadtrand heran.
Nach der Wende verlor die Braunkohle als Energieträger deutlich an Bedeutung, fast alle Tagebaue rund um Leipzig wurden innerhalb eines Jahrzehnts aufgegeben.
Es begann ihre Auffüllung durch Grundwasser und künstliche Zuleitungen.
Dieser Prozess zog sich über Jahrzehnte hin, hat aber schließlich in Leipzig – ähnlich wie in der Lausitz – ein völlig neues Landschaftsbild geschaffen: das sogenannte Neuseenland.
Aus verödeten Mondlandschaften wurden lebendige Biotope, Freizeitreviere und Erholungsgebiete.
Am Cospudener See und am Zwenkauer See entstanden Marinas für Segelboote und Motoryachten, an denen auch Ferienwohnungen vermietet werden.
Für Schiffsrundfahrten kann man in Zwenkau und Markkleeberg an Bord gehen, an fast jedem Seeufer finden sich Strände zum Beachvolleyball, Schwimmen und Sonnenbaden.
Am Gefälle zwischen dem Störmthaler und dem Markkleeberger See entstand der Kanupark mit einer Wildwasserstrecke für den Leistungssport, die zugleich auch für die Allgemeinheit geöffnet ist.
Rafting, Wellensurfen und Bodyboarding gehören dort von Mai bis Oktober zum regulären Angebot.
Im November 2025 wurde erstmals Wasser in das Becken des Leipziger Stadthafens geflutet.
Zwischen Westplatz und Thomasschule können Freizeitkapitäne nun Boote und SUPs in den Elstermühlengraben setzen und sportliche elf Kilometer ohne Hindernis bis zum Cospudener See fahren.
Von einer Anbindung Leipzigs an das europäische Wasserstraßennetz träumte bereits Ende des 19. Jahrhunderts der Industrielle Karl Heine.
Der nach ihm benannte Kanal ist immerhin bis zum einstigen Lindenauer Hafen befahrbar.
Nachdem Gewässer und Ufer gründlich gesäubert wurden, wird wieder geangelt, und entlang der Rad- und Spazierwege entstehen neue Wohnbauten.
Die Weiterführung des Kanals Richtung Saale und Elbe blieb allerdings in Ansätzen stecken und besitzt heute keine Priorität.
Es führen viele Wege von der Elster zur Alster – aber weiterhin keiner über Wasser.
Reisebuch.de Tipp
Leipzig am Wasser erleben
Wer Leipzig nur als klassische Messestadt betrachtet, übersieht einen wesentlichen Wandel.
Ein Tagesausflug zum Cospudener See, kombiniert mit Stadthafen, Karl-Heine-Kanal und Lindenauer Hafen, zeigt die neue geografische Identität der Stadt deutlich besser als jeder Innenstadtspaziergang.
Besonders lohnend: morgens Stadthafen, nachmittags Cospudener See, abends Plagwitz.
Kabarett-Kultur
Die Comedy-Welle sorgt für reichlich Betrieb auf zahlreichen Kleinkunstbühnen. Doch das politische Kabarett, in Leipzig traditionell stark vertreten, bleibt weiterhin ein fester Bestandteil des kulturellen Lebens.

Fast alle wichtigen Häuser befinden sich im Zentrum und lassen sich bequem zu Fuß erreichen.
Die Pfeffermühle
Im neuen Domizil in Kretschmanns Hof gegenüber dem massiven Bau des Museums der Bildenden Künste wird Satire mit Stil gepflegt.
Die Academixer
Das Kellerkabarett mit Kneipe am Augustusplatz wurde in den sechziger Jahren von einem Studenten-Ensemble gegründet. Die Spielstätte ist bis heute Kult.
Kupfersaal
Eine Bühne mit Show- und Musikprogrammen, die ebenso Comedy ins Programm aufnimmt.
Central-Kabarett
Eine ähnliche Vielfalt an Darbietungen, darunter Comedy und Satire, dazu ein deutlich edleres Ambiente mit Restaurant-Tischen.
Sanftwut
Dieses Haus in der Grimmaischen Straße lädt unter anderem alljährlich zur „Lachmesse“, einem bekannten Gastspiel-Festival.
Gasthäuser mit Geschichte
Leipzig besitzt nicht nur historische Architektur, sondern auch eine bemerkenswert dichte Gastronomie mit Traditionshäusern, in denen Geschichte nicht bloß an der Wand hängt, sondern Teil des Ambientes bleibt.
Thüringer Hof
Hier stieg Martin Luther ab, wenn er Leipzig besuchte. Entsprechend bodenständig und deftig bleibt die Küche – unweit der Thomaskirche.

Auerbachs Keller
Der Schauplatz der berühmten Szene aus Goethes „Faust“ ist inzwischen rund 500 Jahre alt.
Heute liegt der Eingang direkt an der Mädlerpassage, die originelle Figurengruppe im Eingangsbereich wird im Gewölbe durch Malereien aus der Faust-Sage ergänzt.
Kulinarisch dominiert ordentliche regionale Küche in edel-rustikalem Ambiente.
Zur Pleißenburg
Hier wird mit Sorgfalt das Gefühl einer alten Kutscherkneipe bewahrt – unmittelbar am Neuen Rathaus von 1905.
Zills Tunnel
Hier verlief nie eine Eisenbahnunterführung, sondern einst das Haus mit den meisten Stammtischen im alten Leipzig.
Bis heute ein beliebtes Lokal mit deutscher Küche rund um das Barfußgässchen.
Alte Nikolaischule
Im historischen Kulturzentrum bietet das Gasthaus Reinhardts Speis und Trank für müde Innenstadtbummler.
Kollektiv
Mit Ostmark kann man hier zwar nicht bezahlen, ansonsten gilt uneingeschränkt real existierende Nostalgie.
Mehr als nur Soljanka – eine Kult-Gaststätte an der Karli.
Bayerischer Bahnhof
Kein Bahnsteig-Kiosk mit Weißwürsten, sondern eine gefragte Gasthaus-Brauerei mit Biergarten und sehenswerten Erinnerungsstücken aus der Eisenbahngeschichte.
Sächsischer Wartesaal
Noch einmal gepflegte Eisenbahnromantik: Solche Räume sind in Deutschland selten geworden.
Direkt an der Kuppelhalle des Hauptbahnhofs gelegen, heute betrieben von einer globalen Coffee-Kette.
Zum Arabischen Coffe Baum
Das schönste historische Kaffeehaus Leipzigs mit prachtvollem Portal war schon vor Robert Schumanns Zeiten ein Treffpunkt von Rang.
Nach längerem Leerstand und Renovierung wurde es wieder als Café und Restaurant eröffnet.
Ein kleines Museum erklärt alles über Kaffee und berühmte Gäste.
Kandler
Eine renommierte Café-Konditorei mit zwei Standorten in der Innenstadt.
Gegenüber der Thomaskirche fast immer voll, leichter einen Platz findet man meist in Speck’s Hof vis-à-vis der Nikolaikirche.
Reisebuch.de Tipp
Wo man in Leipzig wirklich einkehren sollte
Für das erste Leipzig-Wochenende reicht diese Reihenfolge:
Frühstück im Coffe Baum
Mittag in Auerbachs Keller
Nachmittagskaffee bei Kandler
Abends Gose in der Gosenschenke oder Bier im Bayerischen Bahnhof
So schmeckt die Stadt deutlich besser als im Hotelrestaurant.
Leipziger Events im Jahreskalender
Leipzig ist keine Stadt für ein einziges Wochenende. Wer den Reisezeitpunkt klug wählt, erlebt die Stadt mit deutlich mehr Atmosphäre.
Leipziger Buchmesse
Ein Überraschungserfolg nach 1990.
Das Lesefest zum Bücherfrühling mit vielbeachteter Preisverleihung verbindet Verkaufstrubel auf dem Messegelände mit gut besuchten Treffpunkten und Veranstaltungen in der gesamten Stadt.
Wave-Gothic-Treffen
Das weltweit bekannte Treffen der Gothic-Szene mit Konzerten, Märkten und umfangreichem Rahmenprogramm.
Zu Pfingsten wird die gesamte Stadt zur Bühne.
Bachfest Leipzig
International beachtetes Musikfestival im Juni zu Ehren Johann Sebastian Bachs – natürlich mit Konzerten in der Thomaskirche und im Gewandhaus.
Leipziger Stadtfest
Der Name hält, was er verspricht: große Innenstadt-Bespaßung im Sommer mit Bühnen, Konzerten, Familienprogramm und Kulinarik.
DOK Leipzig
Internationales Festival für Dokumentar- und Animationsfilm – eines der wichtigsten seiner Art weltweit.
Grassi-Messe
Das Grassi-Museum für Design und Druck veranstaltet im Oktober eine Leistungsschau des internationalen Kunsthandwerks und prämiert besonders herausragende Beiträge.
Leipzig bleibt eine Stadt der zweiten Blicke
Leipzig erschließt sich selten beim ersten Besuch.
Die Stadt wirkt nicht geschniegelt wie München, nicht monumental wie Berlin und nicht so perfekt touristisch inszeniert wie manche anderen deutschen Großstädte.
Gerade darin liegt ihre Stärke.
Zwischen Hauptbahnhof und Baumwollspinnerei, Thomaskirche und Cospudener See, Gosekneipe und Gewandhaus entsteht ein urbanes Gefüge, das sich nicht anbiedert, sondern langsam überzeugt.
Wer Leipzig nur abhakt, verpasst es.
Georg Balhuber, 2026
Das vertiefende Buch zum Artikel


