Nach der Wiedervereinigung konnte so z. B. die über 1000-jährige Altstadt von Quedlinburg umfangreich restauriert werden – heute prägen über 2000 Fachwerkhäuser in verwinkelten Gassen das Stadtbild und machen Quedlinburg zu einem lebendigen Mittelalter-Denkmal. Gleichzeitig wurden vormals unzugängliche Naturräume (etwa entlang der innerdeutschen Grenze am Brocken) für Wanderer erschlossen.
Wer den „echten Harz“ mit seiner ur-romantischen Landschaft und authentischen Atmosphäre erleben will, sollte dem Ostharz unbedingt ein paar Tage Zeit gönnen. Hier findet man nahezu unberührte Naturlandschaften direkt neben Zeugnissen reicher Kultur- und Bergbaugeschichte – ein authentisches Reiseerlebnis, das in vielen hochglanzpolierten West-Zielen längst selten geworden ist. Zudem stimmt im Ostharz oft das Preis-Leistungsverhältnis: Urlaub, Unterkünfte und Gastronomie sind hier meist merklich günstiger als in bekannteren Ferienregionen – und das bei vergleichbar hoher Qualität.
1. Unberührte Natur und liebevoll restaurierte Orte
Weite Teile des Ostharzes lagen früher im Sperrgebiet der innerdeutschen Grenze und waren bis 1989 für Touristen tabu. Das hat der Natur erstaunlich gutgetan: Heute erstrecken sich hier auf rund 1.350 km² ausgedehnte Wälder, felsige Täler, Moore und Bergwiesen – ein Eldorado für Wanderer und Naturliebhaber. Viele Gebiete stehen mittlerweile unter Schutz, etwa im Nationalpark Harz oder im Naturpark Südharz, sodass Flora und Fauna sich weitgehend ungestört entfalten können. Zugleich wurden nach der Wiedervereinigung zahlreiche Städte und Dörfer des Ostharzes behutsam aus dem Dornröschenschlaf geweckt.
Historische Fachwerkhäuser und Marktplätze präsentieren sich heute in frisch restauriertem Glanz, da wertvolle Bausubstanz vor dem Verfall gerettet wurde. Ein Spaziergang durch Städte wie Quedlinburg, Wernigerode oder Stolberg fühlt sich an wie eine Zeitreise ins alte Deutschland: Kopfsteinpflaster, schnuckelige Fachwerkfassaden und gemütliche Plätze vermitteln authentisches Flair vergangener Jahrhunderte. Diese Kombination aus relativ unberührter Natur und lebendig erhaltenem Kulturerbe macht den Reiz des Ostharzes aus. Besucher können vormittags durch tiefgrüne Wälder wandern und nachmittags durch mittelalterliche Gassen flanieren – alles ohne große Entfernungen zurückzulegen.
2. Brocken – Wanderung auf den „deutschesten aller Berge“
Ein Abstecher auf den Brocken gehört zu den Harz-Highlights. Der markante Granitkoloss, von Heinrich Heine einst als der „deutscheste aller Berge“ bezeichnet, ist mit 1.141 m der höchste Gipfel Norddeutschlands. Zu DDR-Zeiten war der Brocken ein streng bewachtes Militärsperrgebiet und für Zivilisten unerreichbar. Heute hingegen können Wanderer ihn auf verschiedenen Routen erklimmen – ein Symbol der wiedergewonnenen Freiheit. Zwei klassische Aufstiege führen zum Plateau: die kürzere, bequeme Route ab Schierke (ca. 6 km, steil aber gut ausgebaut) oder die längere, anspruchsvollere Tour ab Ilsenburg. Letztere verläuft als Heinrich-Heine-Weg durch das idyllische Ilsetal, vorbei an rauschenden Ilsefällen und wildromantischen Felsklippen, und gilt als einer der schönsten Brocken-Aufstiege. Oben angekommen, erwartet einen bei klarer Sicht ein Panorama, das vom Thüringer Wald bis zur Lüneburger Heide reicht. Tipp: Wer den Fußmarsch scheut, kann auch in Wernigerode oder Schierke in die dampfbetriebene Brockenbahn steigen. Seit 1899 zuckelt die historische Schmalspurlokomotive schnaufend auf den Gipfel hinauf – eine nostalgische Fahrt, die Groß und Klein begeistert. Ob per Pedes oder per Dampfross: Eine Brockenbesteigung ist ein Muss für Harz-Besucher und belohnt mit Naturgenuss und einem Hauch deutscher Romantikgeschichte.
3. Wernigerode – die bunte Stadt am Harz
Die Stadt Wernigerode (ca. 35.000 Einw.) trägt nicht ohne Grund den Beinamen „die bunte Stadt am Harz“ – bereits vor über 100 Jahren schwärmte der Dichter Hermann Löns von der farbenfrohen Fachwerkpracht Wernigerodes. Tatsächlich erwartet Besucher ein lebendiges Städtchen, dessen Altstadt von unzähligen liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern geprägt ist. Am malerischen Marktplatz erhebt sich das gotische Rathaus mit seinen markanten Türmchen – ein beliebtes Postkartenmotiv. Hoch über der Stadt thront das imposante Schloss Wernigerode, einst Residenz der Fürsten zu Stolberg-Wernigerode. Heute kann man im Schlossmuseum prunkvolle historische Interieurs besichtigen und den Blick über die Stadt und bis zum Brocken schweifen lassen.
Wernigerode gilt als touristisches Zentrum des Ostharzes und bietet für Urlauber alles an einem Ort: ein breites Übernachtungsangebot, von gemütlichen Pensionen bis zu Vier-Sterne-Hotels, eine Fülle von Restaurants und Cafés, sowie Einkaufsmöglichkeiten in der hübschen Fußgängerzone. Kulturinteressierte besuchen das Harzmuseum oder das Luftfahrtmuseum, Familien lieben die Harzer Schmalspurbahn, die hier startet.
Von Wernigerode aus lässt sich die umliegende Natur hervorragend erkunden – ob zu Fuß auf zahlreichen Wanderwegen oder mit der historischen Dampflok hinauf zum Brocken. Die Brockenbahn benötigt rund zwei Stunden bis zum Gipfel und fährt seit über 120 Jahren täglich Besucher durch dichte Wälder dem „Blocksberg“ entgegen. Kurzum: Wernigerode ist ein idealer Ausgangspunkt, um den Harz zu entdecken, und bezaubert zugleich mit seinem eigenen Charme als farbenfrohe Fachwerkstadt voller Leben.
4. Quedlinburg – UNESCO-Welterbe der Deutschen Geschichte
Quedlinburg am nordöstlichen Harzrand ist ein Mekka für Mittelalter-Fans und zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe seit 1994. Die Altstadt gleicht einem einzigen Freilichtmuseum: Über 2.000 Fachwerkhäuser aus acht Jahrhunderten schmiegen sich an verwinkelte Kopfsteinpflaster-Gassen. Hier kann man Architekturgeschichte atmen – vom einfachen mittelalterlichen Ackerbürgerhaus bis zum reich verzierten Renaissancebau. Dank behutsamer Sanierung nach 1990 erstrahlen die meisten Gebäude wieder in alter Pracht. Hoch über der Stadt auf dem Schlossberg thronen das Quedlinburger Schloss und die Stiftskirche St. Servatius, eine romanische Basilika. In ihrem Schatzgewölbe wird der berühmte Domschatz mit kostbaren Reliquien und Schatzkunst ausgestellt.
Quedlinburg war im 10. Jahrhundert eine Königspfalz – König Heinrich I. und seine Gemahlin Mathilde sind eng mit der Stadt verbunden. Geschichtsinteressierte können im Schlossmuseum viel über die Ottonenzeit und die Rolle Quedlinburgs erfahren. Auch darüber hinaus bietet die Stadt reichlich Sehenswertes: den Marktplatz mit dem prachtvollen Rathaus, romantische Höfe und Gärten, das Fachwerkmuseum im berühmten Ständerbau (eines der ältesten Fachwerkhäuser Deutschlands) und gemütliche Cafés in historischen Gemäuern. Quedlinburg ist ein Paradies für Entdecker, die in die Atmosphäre einer nahezu vollständig erhaltenen mittelalterlichen Stadt eintauchen möchten.
Jede Ecke offenbart ein neues Detail – sei es ein geschnitzter Türbalken, ein verträumter Innenhof oder eine versteckte Gasse namens Hölle, in der sich übrigens das älteste Haus (aus dem 14. Jh.) befindet. Kein Wunder, dass Quedlinburg zu den beliebtesten Städtereisezielen in Sachsen-Anhalt zählt – hier wird deutsche Geschichte lebendig und anfassbar.
5. Kleine Städte mit großer Atmosphäre: Blankenburg, Ilsenburg, Stolberg
Nicht nur die bekannten Touristenmagnete, sondern auch die kleineren Fachwerkstädtchen des Ostharzes lohnen einen Besuch. Jede dieser Ortschaften hat ihren eigenen Reiz und viel Atmosphäre, oft geprägt von Fachwerkhäusern, Schlössern und stillen Gassen:
Blankenburg (Harz) bezaubert mit seinem historischen Stadtkern und gleich zwei Schlössern. Besonderes Highlight sind die barocken Schlossgärten, die sich auf über 100 Hektar Fläche zwischen Großem und Kleinem Schloss erstrecken und zu den größten und ältesten Gartenanlagen Sachsen-Anhalts gehören. Terrassierte Barockgärten mit Springbrunnen, Sandsteinfiguren und Blumenparterres laden zum Flanieren ein und gewähren fantastische Ausblicke auf die Stadt. Oberhalb der Stadt thront das mächtige Große Schloss Blankenburg – ein Barockbau, der zwar etwas verwittert ist, aber an Führungen teilgenommen werden kann und einen Hauch von fürstlicher Geschichte vermittelt. Gleich in der Nähe ragen bizarre Felsformationen der Teufelsmauer in den Himmel – ein Naturdenkmal, das man auf Wanderwegen erkunden kann.
Ilsenburg liegt malerisch am Ausgang des Ilsetals am Nordrand des Harzes. Der staatlich anerkannte Luftkurort besticht durch Ruhe und grüne Umgebung. Im Ort findet sich das ehemalige Benediktinerkloster Ilsenburg aus dem 11. Jahrhundert mit seiner romanischen Klosterkirche – heute ein bedeutender Halt an der Straße der Romanik. Rund um den Forellenteich gruppieren sich sorgfältig sanierte Fachwerkhäuser. Ilsenburg gilt zudem als Tor zum Nationalpark Harz: Direkt ab dem Ort führen herrliche Wanderwege in den Nationalpark hinein.
Ein beliebter Pfad folgt dem Flüsschen Ilse ins wildromantische Ilsetal bis hinauf zum Ilsestein – ein 150 m hoher Granitfelsen, um den sich die Sage der Prinzessin Ilse rankt. Von Ilsenburg kann man sogar zu Fuß bis zum Brocken wandern. Trotz seiner bescheidenen Größe bietet der Ort auch Kultur: Ein Hüttenmuseum erinnert an die frühe Eisenindustrie. Heute geht es in Ilsenburg jedoch beschaulicher zu – genau richtig zum Durchatmen in idyllischer Umgebung.
Stolberg (Harz), versteckt im Südharz, wirkt wie ein Bilderbuchstädtchen: In vier engen Tälern liegt ein nahezu geschlossenes Ensemble von etwa 400 Fachwerkhäusern aus der Spätgotik und Renaissance. Dieser einmalige Bestand trug Stolberg den Titel „Historische Europastadt“ ein und den liebevollen Beinamen „Perle des Südharzes“. Tatsächlich erscheint der Ort wie eingefroren in der Zeit – romantische Gassen, ein Marktplatz mit dem alten Rathaus (von 1452, kurioserweise ohne innere Treppen) und überall reich verziertes Fachwerk.
Hoch über der Stadt thront das Schloss Stolberg, die Wiege des Grafengeschlechts Stolberg und ein Renaissance-Schloss, das jüngst aufwendig restauriert wurde. Stolberg ist außerdem Geburtsort des Reformators Thomas Müntzer – sein Geburtshaus kann besichtigt werden. Heute geht es in den engen Gassen jedoch friedlich zu: Touristen flanieren zwischen prächtigen Fachwerkfassaden, genießen die Stille (in Stolberg gibt es bis heute keine Ampeln!) und kehren in gemütlichen Cafés ein. Entschleunigung lautet hier das Motto.
6. Burg Falkenstein – Mittelalter zum Anfassen
Tief im Ostharzer Selketal erhebt sich auf einem bewaldeten Bergsporn die beeindruckende Burg Falkenstein. Fast 900 Jahre hat diese Höhenburg bereits auf dem Buckel – sie wurde um 1120–1150 errichtet und zählt heute zu den am besten erhaltenen mittelalterlichen Burgen der Harzregion. Schon der Aufstieg (zu Fuß oder mit dem Shuttle) durch dichte Laubwälder lässt erahnen, was einen erwartet: Plötzlich taucht zwischen den Bäumen die mächtige Silhouette der Burg mit ihren Türmen und Zinnen auf. Jeder Stein atmet hier Geschichte – innerhalb der sieben Toranlagen und Ringmauern fühlt man sich ins Mittelalter zurückversetzt. Falkenstein war im 13. Jh. Schauplatz eines bedeutenden Ereignisses: Hier verfasste Eike von Repgow den Sachsenspiegel, das erste deutsche Rechtsbuch.
Heute beherbergt die Anlage ein Museum, das anschaulich das Leben auf einer Burg und die Geschichte der Grafen von Falkenstein vermittelt. Man kann die beeindruckende romanische Burgkapelle, die alten Wohngemächer, die Küche und den Bergfried besichtigen. Ein besonderer Höhepunkt – vor allem für Familien – sind die Falknervorführungen, die regelmäßig im Burghof stattfinden. Zweimal täglich lassen erfahrene Falkner Adler, Falken und Eulen über den Zinnen kreisen und demonstrieren die hohe Kunst der Jagd mit Greifvögeln. Mehrmals im Jahr finden auch bunte Burgfeste mit Gauklern, Musikanten und Handwerkern in historischen Gewandungen statt. Dann erwacht die Burg richtig zum Leben und man wähnt sich mitten in einem mittelalterlichen Spektakel.
Aber auch an normalen Tagen lohnt sich der Ausflug: Von der Wehrmauer genießt man einen grandiosen Ausblick über das Selketal, und ein Rundweg führt zu weiteren Aussichtspunkten und den nahegelegenen Ruinen alter Vorburgen. Burg Falkenstein bietet somit Geschichte zum Anfassen in authentischer Umgebung – ein Muss für Burgenliebhaber und Familien mit Entdeckerdrang.
7. Bodetal – das wildromantische Tal der Hexen
Zwischen den Orten Treseburg und Thale hat die Bode ein sagenumwobenes Gebirgstal geschaffen, das bereits Goethe als das gewaltigste Felsental nördlich der Alpen rühmte. Tatsächlich präsentiert sich das Bodetal als dramatische Schluchtlandschaft, die in Deutschland ihresgleichen sucht: Über steile Granitwände stürzt sich der schäumende Fluss Bode, der Weg windet sich eng entlang der Felsen, und hoch oben thronen Klippen wie die berühmte Roßtrappe. Das etwa 10 km lange Bodetal wird oft als „Grand Canyon des Harzes“ bezeichnet – eine wildromantische Szenerie aus tosenden Stromschnellen, moosbewachsenen Felsen und urwüchsigem Wald.
Seit 1937 steht das Bodetal unter Naturschutz, hier sind scheue Wildkatzen und seltene Wanderfalken heimisch. Am besten erlebt man die Schlucht auf Schusters Rappen: Der Wanderweg von Treseburg nach Thale (oder umgekehrt) gilt als einer der schönsten Wanderpfade im Harz. Anfangs läuft man noch auf bequemen Wegen, doch spätestens ab dem Gasthaus Königsruhe führt der Pfad als schmaler Steig vorbei an Felsblöcken und Wurzelwerk – echtes Schlucht-Feeling stellt sich ein. Die Welt oben auf den Klippen mit ihren Imbissbuden und Souvenirständen ist schnell vergessen, sobald man unten im Tal die ungezähmte Natur spürt.
In Thale öffnet sich das Tal wieder. Hier lohnt nach der Wanderung ein Besuch der Seilbahnen Thale Erlebniswelt: Mit dem Sessellift schwebt man hinauf zur sagenumwobenen Roßtrappe, wo laut Legende die Königstochter Brunhilde mit ihrem Pferd vor dem Riesen Bodo floh und einen Hufabdruck im Fels hinterließ. Auf der gegenüberliegenden Talseite erreicht man mit der Kabinenbahn das Plateau Hexentanzplatz, einen alten Kultort, auf dem sich der Sage nach die Hexen in der Walpurgisnacht versammeln. Heute geht es dort oben zwar touristisch quirlig zu (Tierpark, Bergtheater und Restaurants), doch der Blick von der Aussichtsplattform hinab ins Bodetal und auf Thale ist schlicht atemberaubend. Wer es ruhiger mag, wandert von dort noch ca. 30 Minuten zur La Viershöhe – einem stillen Aussichtspunkt im Wald. Unten in Thale lädt zum Abschluss die Bodetal-Therme zum Entspannen ein. Doch das eigentliche Erlebnis bleibt die Wanderung durch das Bodetal, die jedem Besucher unvergesslich bleibt. Goethe hatte recht: Dieses Tal ist wirklich einzigartig nördlich der Alpen.
Natürlich ließen sich noch viele weitere Gründe aufzählen, dem Ostharz einen Besuch abzustatten – diese Auswahl ist subjektiv und nur ein erster Überblick. Jeder, der einmal hier Urlaub gemacht hat, wird seine ganz eigenen Favoriten entdecken und vielleicht später wiederkommen wollen. Doch eins wird aus den genannten Beispielen deutlich: Der Ostharz punktet mit Authentizität und ursprünglichem Charme.
Hier findet man noch unverfälschte Natur- und Kulturerlebnisse, wie sie in manch überlaufeneren Ferienregionen mittlerweile selten geworden sind. Der oft unterschätzte Ostharz überrascht mit echter Gastfreundschaft, vielseitigen Aktivitäten und lebendiger Geschichte – eine Reise dorthin ist sowohl erholsam als auch aufregend zugleich. Probieren Sie es aus: Wer den „echten Harz“ erleben will, wird im Ostharz garantiert fündig!
