Tag 1: Auf Dickens’ Spuren in Bloomsbury und Covent Garden
Am ersten Tag stehen Charles Dickens’ Wohnhaus und seine frühen Jahre in London im Mittelpunkt. Startpunkt ist Bloomsbury, wo Dickens lebte und einige seiner bekanntesten Werke verfasste. Von dort führt ein Spaziergang Richtung Covent Garden, ins Herz des literarischen London des 19. Jahrhunderts.
- Charles Dickens Museum, 48 Doughty Street: In diesem originalen Wohnhaus lebte Dickens von 1837–1839 und schrieb hier unter anderem Oliver Twist. Heute ist es ein Museum mit der weltweit größten Dickens-Sammlung. Besucher können Dickens’ Arbeitszimmer, Originalmanuskripte und persönliche Gegenstände besichtigen. (Geöffnet Mi–So 10–17 Uhr, letzte Einlass 16 Uhr). Offizielle Website: dickensmuseum.com.
- Spaziergang durch Holborn (Gray’s Inn Road & High Holborn): Verlassen Sie das Museum und schlendern Sie durch die Straßen, in denen Dickens selbst unterwegs war. Ein kurzer Abstecher führt zu Gray’s Inn – hier arbeitete der junge Dickens einst als Anwaltsgehilfe. Weiter geht es zum Staple Inn (Holborn): die malerische Tudor-Fassade erwähnte Dickens in Edwin Drood als Relikt des alten London. Über Chancery Lane erreichen Sie Lincoln’s Inn und die Lincoln’s Inn Fields. Diese Umgebung bildet die Kulisse für das Gerichtsdrama in Bleak House: In der Alten Hall von Lincoln’s Inn tagte Dickens’ fiktiver Gerichtshof der Chancery, und an der Westseite des Platzes lebte im Roman der zwielichtige Anwalt Tulkinghorn.
- Covent Garden und Strand: Am Nachmittag führt der Weg ins lebhafte Covent Garden. Dickens war begeisterter Theaterbesucher – das nahegelegene Theatre Royal Drury Lane (erbaut 1812, im Jahr von Dickens’ Geburt) gehörte zu seinen Lieblingsbühnen. Hier und im benachbarten Adelphi Theatre wurden bereits zu Dickens’ Lebzeiten Bühnenfassungen seiner Werke aufgeführt. Ganz in der Nähe, an Wellington Street 26, befand sich Dickens’ Redaktionsbüro der Zeitschrift All the Year Round. Dickens wohnte in den 1860ern sogar in einer Wohnung über dem Büro und gab hier u.a. Große Erwartungen heraus. Ein blauer Gedenkplakette kennzeichnet heute das Gebäude – bis vor Kurzem war im Erdgeschoss das Charles Dickens Coffee House untergebracht.
- Einkehr-Tipp: Zum Abschluss des Tages empfiehlt sich ein stilvolles Dinner im historischen Rules Restaurant in Covent Garden. Dieses älteste Restaurant Londons (gegr. 1798) war Dickens’ Lieblingslokal – er hatte hier sogar einen Stammtisch am Fenster. Von dort blickte er auf die Schwarzwarenfabrik am Hungerford Stair, in der er als 12-Jähriger schuften musste. Bei Rules (Speisekarte: traditionelle britische Küche) speisten neben Dickens zahlreiche Literaten wie Thackeray; das Ambiente versetzt einen in Dickens’ Zeit zurück.
Alternativ bietet das Museumscafé „The Artful Tea Room“ im Dickens Museum tagsüber Tee und Scones im viktorianischen Flair – ideal für eine Pause im Garten des Museums.
Tag 2: Londoner Gassen, Recht und Unrecht – Dickens’ City und Clerkenwell
Der zweite Tag führt in die City of London und angrenzende Viertel, wo Dickens das pulsierende Großstadtleben und düstere Milieu für seine Romane fand. Die Route verbindet authentische Schauplätze aus Bleak House, Great Expectations und Oliver Twist mit typischen Londoner Pubs.
- „Legal London“ rund um Fleet Street: Starten Sie an der Royal Courts of Justice (Strand) und spazieren Sie durch die alten Anwaltsviertel. Durch das viktorianische Gebäude der Gerichtshöfe (von außen) und weiter über die Gasse Middle Temple Lane gelangen Sie in das malerische Middle Temple. In diesem historischen Anwalts-Inn hatte Dickens’ Held Pip aus Great Expectations sein Quartier – im Roman wohnt er mit Freund Herbert Pocket in den Kammern des Middle Temple. Hinter jeder Ecke scheint hier Dickens’ London lebendig: enge Durchgänge, Innenhöfe und der Fountain Court (mit plätscherndem Brunnen), den Dickens im Roman atmosphärisch beschrieb. Über Temple Bar erreichen Sie Fleet Street, einst Zentrum der Zeitungswelt. Hier steht in einem schmalen Hof (Wine Office Court) der legendäre Pub Ye Olde Cheshire Cheese – ein echtes Dickens-Original. Dieses verwinkelte Wirtshaus (Wiederaufbau 1667) war für Dickens ein Stamm-Pub; er verkehrte hier regelmäßig neben Autorenkollegen wie Thackeray, und bis heute zieren Tafeln die Wände mit den Namen berühmter Gäste. Ein Mittagessen oder Pint im dunklen Holzinterieur der „Cheshire Cheese“ ist ein Muss für Dickens-Fans. (Adresse: 145 Fleet St. – Öffnungszeiten meist ab 12 Uhr)
- Clerkenwell & Farringdon – Schauplätze aus Oliver Twist und Little Dorrit: Nach der Stärkung tauchen Sie in die ehemals ärmlichen Gassen von Clerkenwell ein, nördlich von Fleet Street. Folgen Sie der Farringdon Road bis Clerkenwell Green und weiter durch die kleinen Straßen: Hier befand sich Dickens’ Londoner Unterwelt. Die Gegend um Saffron Hill – heute modernisiert – war im 19. Jh. ein Elendsviertel, das Dickens als Schauplatz in Oliver Twist wählte. Der Landstreicher Artful Dodger führt darin den jungen Oliver genau durch diese Gassen in Fagins Hehlerversteck. Die eigentlich im Roman genannten Field Lane und Jacob’s Island existieren so nicht mehr, doch Saffron Hill und Hatton Garden lassen erahnen, wo Dickens die Atmosphäre der Diebesquartiere einfing. An der Hatton Garden Nr. 54 etwa sitzt im Roman der strenge Magistrat Mr. Fang, der über den unschuldigen Oliver zu Gericht sitzt. Unweit davon liegt versteckt im Hof Bleeding Heart Yard – im Roman Little Dorrit der heruntergekommene Wohnhof der Familie Plornish und Standort von Doyce’s Fabrik. Heute findet man dort statt Armenquartieren ein Restaurant und eine Taverne namens Bleeding Heart, doch eine Infotafel erinnert an Dickens’ Schauplatz.
- Einkehr-Tipp: Für den Abend bietet sich ein traditioneller Pub in diesem Viertel an. Nur wenige Schritte von Bleeding Heart Yard entfernt liegt The One Tun (Saffron Hill # —). Diese Kneipe behauptet, Dickens habe sie als Vorbild für die zwielichtige Gin-Kneipe „Three Cripples“ in Oliver Twist genutzt. Ob Mythos oder Wahrheit – ein Pint in diesem heute gemütlichen Pub rundet den Tag in Dickens’ London ab. Alternativ lockt das Cittie of Yorke (High Holborn) mit authentischer viktorianischer Schankhalle unter gewölbter Holzdecke – auch hier fühlt man sich ins 19. Jh. zurückversetzt.
Tag 3: Dickens’ Südliches London – Southwark und Marshalsea
Der dritte Tag führt über die Themse nach Southwark im Süden Londons. Hier erlebte Dickens als Kind prägende Ereignisse, und hier spielen zentrale Szenen aus Little Dorrit und Oliver Twist. Historische Stätten wie das berüchtigte Schuldgefängnis Marshalsea und Londons letzter Coaching-Inn versetzen Besucher in Dickens’ düster-romantisches London.
- Marshalsea Gefängnis und St George the Martyr: Beginnen Sie am Borough High Street nahe U-Bhf. Borough. Hier stand das berüchtigte Marshalsea-Schuldgefängnis, in dem Dickens’ Vater 1824 einsaß – eine Erfahrung, die Dickens nie vergaß. Vom einst riesigen Gefängniskomplex ist heute nur noch ein Mauerstück erhalten: Im kleinen St George’s Churchyard Garden (Zugang über Angel Place/Tabard Street) ragt ein hoher Ziegelmauer-Abschnitt auf – der letzte Rest des Marshalsea. In den Boden des Durchgangs sind Zitate aus Little Dorrit eingelassen, denn Dickens machte das Marshalsea zum zentralen Ort dieses Romans. Gleich nebenan befindet sich die Kirche St George the Martyr, oft “Little Dorrit’s Church” genannt. Dickens kannte die Kirche gut: Als Kind wohnte er zeitweise in der Nähe und besuchte St George’s; in Little Dorrit wird Protagonistin Amy Dorrit hier getauft und getraut. Ein farbiges Chorfenster der Kirche zeigt Little Dorrit zu Ehren (Im Kirchhof findet man sogar einen Little Dorrit Playground.) Ein Besuch der Kirche – falls offen – und ein Blick auf die Gedenkplaketten lohnen sich.
- Spaziergang über Borough Market zu Nancy’s Steps: Folgen Sie der Borough High Street nordwärts Richtung London Bridge. Auf halbem Wege liegt rechterhand der historische Borough Market, einer der ältesten Lebensmittelmärkte Londons – auch Dickens erwähnte die Marktatmosphäre in seinen Schriften. Von dort gelangen Sie auf die London Bridge (oder nutzen Sie den Zugang unter der Brücke bei Montague Close). An der westlichen Brückenrampe, unterhalb der heutigen Brücke, befindet sich eine unscheinbare Steintreppe, bekannt als “Nancy’s Steps”. Hier, am südlichen Ende der alten London Bridge, spielt eine berühmte Szene in Oliver Twist: Die junge Nancy trifft sich auf diesen Treppenstufen heimlich mit Roses Begleitern, um Oliver zu retten. Eine Plakette vor Ort – leider nicht ganz korrekt in der Wortwahl – weist auf die literarische Bedeutung der Treppe hin und hat ihr den Namen “Nancy’s Steps” gegeben. Man steht hier buchstäblich auf Dickens’schem Boden: Dickens beschreibt die Position exakt „auf der Surrey-Seite der Brücke, unweit von Saint Saviour’s Church (heute Southwark Cathedral)“. Auch wenn im Roman Nancy letztlich woanders ums Leben kommt, spürt man an diesen Stufen die Dramatik der Geschichte. Von der Brücke aus bietet sich zudem ein Blick auf die Southwark Cathedral (St Saviour’s) und das Ufer – Kulisse zahlreicher Dickens’scher Szenen.
- Einkehr-Tipp: The George Inn (77 Borough High St): Einen stimmungsvollen Abschluss bietet Londons letzter erhaltener Pferdehof-Gasthof, The George in Southwark. Diese historische Schenke aus dem 17. Jh. mit ihren markanten hölzernen Galeriebalkonen ist heute ein Pub unter Obhut des National Trust. Dickens besuchte den George Inn zu seiner Zeit (damals ein Kaffeehaus) und erwähnt ihn in Little Dorrit. Man sitzt hier in einem Hof, der seit Shakespeare’s Zeiten Reisenden als Herberge diente – Dickens schätzte das altmodische Flair, und spätere Wirte warben stolz mit seinem Namen. Im George-Innenhof fühlt man sich wie im viktorianischen London: knarrende Holzbalken, Gaslaternen und traditionelle Ales. Genießen Sie ein letztes Dickensian Pint oder ein herzhaftes Pie im Gastraum, in dem schon vor Jahrhunderten Kutscher und Schriftsteller einkehrten.
Zum Abschied von Dickens’ London bietet sich – bei zusätzlicher Zeit – ein Abstecher zur Westminster Abbey (Poets’ Corner) an, wo Charles Dickens begraben liegt. Sein Grabmal in der Abtei (ohne großes Denkmal, auf eigenen Wunsch schlicht) ist bis heute ein Anziehungspunkt für Literaturfreunde. Nach drei Tagen voller literarischer Entdeckungen auf den Spuren Dickens’ endet Ihre Reise durch das viktorianische London hier an passender Stelle – in ehrfürchtiger Nähe zu Dickens selbst.
