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Ein ganz anderes Thema schneidet Villalonga in seinem 1974 erschienenen satirisch utopischen Roman »Andrea Víctrix« an. Die Handlung spielt im Jahr 2050 in Palma, das jetzt Turclub heißt und als bedeutendster »Strandmetropole« der Vereinigten Staaten von Europa unter der Kontrolle der Kellnerinnung (!) steht. Die Kellner bilden die neue Aristokratie; man kann verhaftet und sogar hingerichtet werden, wenn man einen von ihnen beleidigt. In Anspielung auf Huxleys »Schöne neue Welt« (1932) entwirft Villalonga das Schreckensszenario einer zukünftigen Gesellschaft, in der die Bürger zum ständigen Konsum gezwungen sind, wenn sie es nicht riskieren wollen, als Feinde des Fortschritts verfolgt zu werden. Dieser leider bislang in deutscher Sprache nicht vorliegende Roman kann gedeutet werden als kritische Reflexion des Autors zum allzu raschen Wandel Mallorcas von einer rückständig ländlichen zu einer von Massentourismus und Konsum geprägten Gesellschaft mit all ihren Auswüchsen.

Aus Andratx im Südwesten der Insel stammt Baltasar Porcel (*1937), der in den letzten Jahren zu einem wichtigen zeitgenössischen Autor der katalanischen Literatur aufstieg und 2001 mit dem angesehenen Ramon Llull Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Um seine Heimatstadt schuf er einen umfangreichen erzählerischen Mythos, der in dem spannenden Roman »Cavalls cap a la Fosca« gipfelte (1975, deutsch: »Galopp in die Finsternis«). Dabei handelt es sich um eine tief in der mallorquinischen Geschichte verwurzelte Erzählung. Sie thematisiert in der anspruchsvollen Erzählweise des magischen Realismus Piraterie, Schmuggel, Inquisition, Gewalt und morbide Familienverhältnisse.



Dieser Erzählhaltung fühlt sich auch Carme Riera (*1948) in ihren zahlreichen Romanen und Kurzgeschichten verpflichtet, von denen einige direkten Bezug zu ihrer Heimat aufweisen. Riera, eine der profiliertesten katalanischen Schriftstellerinnen und vielleicht die renommierteste und bislang erfolgreichste Autorin Mallorcas, wuchs in einem der nach außen eher unscheinbaren, dafür drinnen umso prächtigeren Palacios in Palma's Altstadt auf und verbrachte ihre Jugend abwechselnd dort und im Sommerhaus ihres Onkels inDeià. Ihre besten Erzählungen findet man im Sammelband »Liebe ist kein Gesellschaftsspiel« (1996); ihr erfolgreichster Roman mit Mallorca-Bezug trägt den Titel »Florentinischer Frühling« (1995).

Ein Meisterwerk historischer Erzählkunst ist ihr jüngster – im Jahr 2000 auch auf Deutsch erschienener – Roman »Ins fernste Blau«, der im Mallorca des späten 17. Jahrhundert spielt. Riera entwirft ein schaurig-schönes Szenario um die grausame Judenverfolgung durch die Inquisition, ein düsteres Kapitel auch der mallorquinischen Geschichte. Die Schönheit (neben dem Schaurigen) liegt sowohl in der bildhaften, fast barocken Sprache der Autorin als auch im packenden Plot um die zum Teil historisch belegbaren Ereignisse. Für »Ins fernste Blau« erhielt Riera den bedeutendsten spanischen Literaturpreis, den Premio Nacional, der damit zum ersten Mal für ein auf Katalán (i.e. mallorquinisch) geschriebenes Buch vergeben wurde.

Bereits 1967 geschrieben, aber erst 2001 auf Deutsch erschien der bislang bedeutendste und mehrfach prämierte Roman der 1941 in Santanyi, im Südosten Mallorcas, geborenen Autorin Antonia Vicens, »39 Grad im Schatten«. Wer einmal das authentische Gegenstück zu den vielen seichten Hymnen auf das »Paradies im Mittelmeer« kennenlernen möchte, dem sei dies Werk ans Herz gelegt. Es spielt im beginnenden Fremdenverkehrsmilieu Mallorcas der 1960er- Jahre und wird erzählt aus der Perspektive der Verkäuferin Miquela. Sie dient als Reflektorfigur für eine desillusionierte Selbstbespiegelung mallorquinischer Verhältnisse im Übergang von einer ländlich rückständigen, streng katholischen Gesellschaft zum modernen, skrupellosen Kapitalismus der Tourismusindustrie. Für die hier geschilderten Alltags-Schicksale im vermeintlichen Paradies ist »bedrückend » ein zu mildes Wort.

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