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Obwohl die Schmuggler mit dem Einverständnis der anderen Mallorquiner rechnen konnten, bekam es der Schmuggler Joan eines Nachts mit der Angst zu tun. Er war eine halbe Stunde den alten Schmugglerweg hinuntergelaufen, allein, weil er spät dran war, erinnert er sich: “Als ich soweit gelaufen war, dass ich auf das Meer und die Bucht sehen konnte, war alles ganz still. Ich sah das Fischerboot in der Mitte der Bucht. Es sah so aus, als wäre da ein Fischer bei der Arbeit, aber ich wusste, dass es das Boot mit der Ware war. Sonst war niemand da! Ich dachte: “Hier ist irgendetwas faul. Vielleicht hat es einen Alarm gegeben.”
Doch wieder einmal war alles gut gegangen. Die anderen Schmuggler hatten sich bloß verspätet.



An Joans Schmugglerbucht wächst eine alte Kiefer. Damals, als die Schmuggler ihre Pferde hier abstellten, war der Baum nur halb so groß. Von der Kiefer zur Bootsanlegestelle führt über Felsen ein Weg, aber der Stein ist abgebröckelt und wird von Gräsern überwuchert. Joan läuft neben dem Weg auf Kieseln und deutet mit seinem Spazierstock nach vorn: “Hier kam das kleine Fischerboot an. Zwei von uns hielten es an Leinen fest. Sobald wir das Boot unter Kontrolle hatten, warf die Besatzung die Bündel mit Tabak oder Kaffee auf diese Mauer. Wir schulterten die Ware und trugen sie ein kleines Stück den Hang hinauf zu den Pferden. Wir liefen hin und her wie die Ameisen.”  
Dann hievten die Männer die Bündel auf ihre Pferde, die unter der Kiefer warteten, oder schleppten die sechzig Kilogramm schweren Säcke selbst bis zum Versteck in einem Bauernhof. Die Ware bequem per Kutsche zu transportieren, wäre verräterisch gewesen, denn zu laut rollten die Kutschen über den Weg. Als dann auf der Insel die ersten Autos fuhren, schraubten die Schmuggler die Gummireifen ab und montierten sie an ihre Kutschen, die
nun leise über die Schotterwege fuhren, was die Arbeit erheblich erleichterte.



Anfang der siebziger Jahre schmuggelte Joan nur noch sporadisch, ein-, zweimal im Jahr. Inzwischen wurden die begehrten Waren legal eingeführt. Außerdem arbeiteten viele ehemalige Schmuggler in den neuen Hotels, was relativ gut bezahlt wurde. Das Geschäft mit Tabak, Kaffee und Nylonstrümpfen lohnte sich nicht mehr. Längst hatten andere Zeiten begonnen.

© Stephanie Eichler, reisebuch.de, 2010