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Mönche und Nonnen

Von den mehr als dreihunderttausend buddhistischen Mönchen in Myanmar haben etwa ein Drittel ihr ganzes Leben der Sangha, der Bruderschaft der Mönche geweiht. Ihre Gönner – die vielen Armen und die wenigen Reichen – spenden rund 10 Prozent ihres Einkommens für buddhistische Einrichtungen und Aktivitäten. Dieser Prozentsatz mag gering erscheinen, aber wenn man bedenkt, dass er 10 Prozent des Gesamteinkommens der Bevölkerung bedeutet, ergibt sich eine gewaltige Summe, die zweifellos erhebliche Auswirkungen auf Myanmars Wirtschaft und Gesellschaft hat. Eine gut gestellte Sangha kann zugleich eine wichtige und unabhängige Rolle im Leben der burmesischen Gesellschaft spielen. In der Vergangenheit haben sich empörte junge Mönche wiederholt gegen die Regierung gestellt.
Heute jedoch scheinen die Führer der Sangha, die zumeist ältere Äbte sind, eine Politik der Koexistenz mit der Militärregierung zu vertreten. An Feiertagen bezeigen die Generäle den führenden Mönchen regelmäßig ihren ergebenen Respekt, und umgekehrt weist die Führung der Sangha die jüngeren Mönche an, sich aus der Politik herauszuhalten. Während die politische Führung des Landes, als sie noch auf dem Weg zum Sozialismus war, den Einfluss des Buddhismus zurückzudrängen suchte, nahm sie in letzter Zeit jede Gelegenheit wahr, ihre religiöse Ergebenheit zu demonstrieren. Die Regierung hat das Recht zur Ernennung aller Richter des Sangha Council, der höchsten Körperschaft des Sangha, die religiöse Streitigkeiten regelt und abtrünnige Mönche bestraft.
Jede Theravada-Gesellschaft zollt den Mönchen die höchste Ehrerbietung, und auch von den mächtigsten Militärs oder Politikern wird erwartet, dass sie sich vor ihnen, den wandelnden Symbolen des Buddha, verbeugen. Auf der anderen Seite sollten sich die Mönche nicht in weltliche Angelegenheiten einmischen. Ältere Mönche jedoch können den Kontakt zu weltlichen Kreisen kaum vermeiden, weil sie häufig um Beistand, Rat oder Vermittlung gebeten werden.
Das System des Seniorats und der hierarchischen Kontrolle charakterisiert übrigens nicht nur die Sangha; es ist auch typisch für die burmesische Familie, in der die Rangordnung vom Alter abhängt und die jüngeren Geschwister immer verpflichtet sind, die älteren zu ehren. Min Min erzählte mir von einem bestimmten Tag im Jahr, an dem seine jüngeren Brüder und Schwestern ihm förmlich ihre Hochachtung und Dankbarkeit bezeigen.

Fast alle buddhistischen Männer verbringen zumindest einen Teil ihrer frühen Jugend im Kloster, wobei das Leben, das sie dort erwartet, nicht einfach ist. Novizen und ordinierte Mönche stehen vor dem Morgengrauen auf und gehen hinaus, jeder mit einer Schale, um schweigend von den Gläubigen Reis und anderes Essen entgegenzunehmen. Für manche bleibt es bei einer einzigen Mahlzeit am Tag, andere bekommen Frühstück und ein Mittagessen. Win Win, mein Kutscher in Bagan, der acht Jahre lang Novize war, sagte mir, das Schwierigste für die Jungen sei der Hunger.
In Burma kann ein Knabe mit neun Jahren sein Noviziat im Kloster antreten. Er bekommt einen alten Pali-Namen und seine Aufgabe besteht darin, Pali-Schriften zu studieren und auswendig zu lernen. Im übrigen wird erwartet, daß er die Grundregeln des buddhistischen Verhaltens befolgt. Die meisten von denen, die einer Mönchsgemeinschaft beitreten, bleiben nur einige Wochen oder Monate. Für diejenigen, die sich ordinieren lassen wollen, ist zwanzig Jahre das Mindestalter, um diesen Schritt zu tun. Sie scheren sich den Kopf, entfernen alles Körperhaar, verpflichten sich, die 227 Ordensregeln zu befolgen, und weihen ihr ganzes Leben der Meditation und Lehre der heiligen Schriften. Drei Grundregeln gelten gleichermaßen für Novizen und für ordinierte Mönche:

• Sie dürfen über keinen weltlichen Besitz verfügen, außer den folgenden acht Dingen: Drei Roben, ein Rasiermesser, eine Nähnadel, ein Sieb, damit kein Lebewesen in das Trinkwassergerät, einen Gürtel und eine Almosenschale.
• Sie geloben, nichts und niemanden zu verletzen oder zu beleidigen.
• Sie geloben Keuschheit (was für Frauen bedeutet, daß sie angemessenen Abstand halten sollten, damit sie weder einen Mönch noch dessen Almosenschale berühren).

Anders als die Situation der Mönche, ist die der burmesischen Nonnen ein trauriges Kapitel. Sie werden weniger geachtet, und man gibt ihnen nicht viel. Arm, in rosa Roben und mit geschorenen Köpfen, führen sie ein hartes Leben, indem sie um Nahrung und Almosen bettelnd durch die Straßen ziehen. Der Lehre des Buddha gemäß ist die Wiedergeburt in Gestalt einer Frau die Strafe für schlechtes Verhalten in einem früheren Leben. Westliche Besucher mögen diese Lehre verurteilen, aber die burmesischen Frauen scheinen sie zu akzeptieren, und in anderen Bereichen gewährt Myanmar den Frauen mehr Gleichberechtigung als irgendeine andere asiatische Gesellschaft. Frauen führen Läden, schließen Geschäfte ab, und in den grundlegenden Rechten sind sie den Männern gleichgestellt. Auch das Scheidungsrecht ist unkompliziert, so daß Frauen schlechte Ehen nicht hoffnungslos ertragen müssen.
Wie gesagt, ist der Buddhismus nicht die einzige Religion in Myanmar. Andere Glaubensbekenntnisse reichen von den Baptisten über die römisch-katholische und die anglikanische Kirche bis zum Hinduismus und dem Islam. Man kann wohl von Glück sprechen, daß der Buddhismus eine tolerante Religion ist, und solange die Regierung nicht den verhängnisvollen Fehler wiederholt, den Buddhismus – wie der frühere Premierminister U Nu im August 1961 – zur Staatsreligion zu machen, bestehen gute Aussichten auf eine Fortsetzung der friedlichen Beziehungen zwischen den verschiedenen religiösen Gruppen. Burma hat genug Kriege, Aufstände, Rebellionen und Erhebungen erlebt. Hoffen wir nur, daß der Glaube an ihre jeweilige Religion den Menschen in Myanmar helfen wird, den Kulturschock zu überwinden, der sie erwartet, wenn ihr Land sich vollständig der Außenwelt öffnet.

 

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