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"Das ist doch nicht Vater" von Nu Nu Yi (Innwa)

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„Onkel, ich mach ihnen das Auto sauber, okay, Onkel?“
„Gar nichts machst du. Ihr verdammten Bengel! Ich brauch euch nicht, Schluss jetzt! Und wagt euch nicht noch einmal, in meiner Nähe herumzuschreien. Mann, ist die Fähre denn noch nicht da?“
Der Fahrer knallt die Wagentür zu und geht weg. Na toll! Keine Chance mehr, die fünf Kyat zu verdienen. Ich gehe zu den Reisenden, die hinten ausgestiegen sind. Es sind nicht besonders viele. Haben wahrscheinlich das Auto vorher geordert. Oh, dort! Da ist einem älteren Herrn, der sich neben dem Auto den Staub abschüttelt, sein Tuch heruntergefallen. Er hat es nicht bemerkt. Ich gehe zum Auto und hebe es heimlich auf. Ich verstecke es unter meinem Wischlappen und gehe weg.
„Oh, sieh nur! Sieht das nicht schön aus. Der Thanlwin-Fluss, und der Zwegabin, sieh nur!“
„Ja. Der Berg da drüben ist der Zwegabin, nicht wahr?“
„Ja, genau.“
Als ich das höre, weiß ich Bescheid. Diese Reisenden waren noch nie zuvor hier gewesen. Ganz unschuldig gehe ich in die Nähe, wo das große Mädchen mit der schicken Sonnenbrille steht. Sie blickt zum anderen Ufer und sieht dann zu mir herunter.
„Auf dieser Seite, das ist Myaingalay, nicht wahr?“
„Ja. Und das da drüben ist Hpa-an.“
„Muss man normalerweise lange auf die Autofähre warten?“
„Hm, das dauert immer. Wenn sie schneller rüber wollen, dann nehmen sie doch ein Personenboot. Es gibt Motorboote. Der Bootsanleger ist da drüben. Ich zeig’s ihnen, wenn Sie wollen.“
„Warte, einen Moment, nicht jetzt gleich. Ich weiß nicht, wie unser Papa sich das gedacht hat.“
Dann eben nicht. Ist hier denn nirgendwie Geld zu machen? Mit dem Essen wird es jetzt schwer werden. Bleibt nur noch, auf die herüberkommende Fähre zu hoffen. Hoffentlich wird es mit dem Auto von meinem Stammkunden klappen und er ist auch wirklich dabei.
„Wie heißt du?“
„Pazun.“
„Pazun, wirklich? Toller Name. Und wie alt bist du?“
„Neun.“
„Wo wohnst du denn? Arbeitest du hier am Fähranleger?“
„Genau. Wohnen tue ich in der Thanlan-Siedlung. Da drüben, die Häuser neben den Bahnschienen. Da wohne ich bei meinem Onkel. Das heißt, früher hab ich da gewohnt. Jetzt kaum noch. Jetzt wohn’ ich hier am Anleger.“
„Und deine Eltern?“
„Mutter ist gestorben. Und mein Vater ist weggegangen, woanders Arbeit suchen, haben sie gesagt. Der kommt nicht mehr zurück.“
„Ach je, du Armer! Und hast du keine Geschwister?“
„Nein. Ich bin allein.“
„Wirklich?“
Jetzt tue ich dem Mädchen mit der Brille richtig Leid. Das weiß ich. Also hab ich sie jetzt im Griff.
„He, Pazun! Was machst du denn da?“

 

Ach du je, so ein Mist! Meine große Schwester. Die kommt zum Baden an den Fluss. Den Longyi unserer Tante unordentlich um die Brust gebunden, kommt sie in meine Richtung gelaufen. Das Mädchen dreht sich auch schon nach ihr um. Verflixt.„Du, geh schon, brauchst nicht herzukommen. Du kannst alleinebaden gehen. – Das ist die Tochter meines Onkels, meine Cousine.“ Ich rufe zu meiner Schwester hinüber, dass sie ja nicht herkommt, und erkläre es dem Mädchen, was meine Schwester hoffentlich nicht hört. Wenn sie das hört, kapiert sie bestimmt überhaupt nichts und sagt, dass das gar nicht stimmt, und es kommt heraus, dass wir Geschwister sind, und alles ist im Eimer. Und wenn dann auch nochrauskommt, dass Mutter mit dem Baby nach Yangon zu Verwandtengezogen ist, das wäre Mist. Wenn alle meine Lügen auffliegen, werd’ ich dem Mädchen natürlich nicht mehr Leid tun. Und Geld würde sie mir auch keins mehr geben. Hier am Anleger erzählen alle Jungs solche Geschichten, wenn sie die Reisenden nicht kennen. Nur so kann man deren Mitleid erregen, und sie geben einem Geld.“

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