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"Der Fluch" von Nay Win Myint

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Lassen wir erst einmal die Frage beiseite, ob Tante Mai Gyote wirklich eine Hexe war oder nicht. Niemand wagte es, ihren Groll auf sich zu ziehen oder mit ihr zu streiten. Aber niemand traute sich, etwas zu essen, das sie ihm anbot. Niemand aß etwas, dass sie schon angefasst hatte. Schwangere wichen ihr aus, wenn sie Tante Mai Gyote auf der Straße sahen, aus Furcht, sie könnte ihren Bauch berühren.
Das war schon vorgekommen. Einmal war Tante Mai Gyote auf dem Dammweg Frau Kyi begegnet, die einen Ballon von Bauch vor sich her trug. Wie üblich grüßte Frau Kyi und Tante Mai Gyote grüßte zurück. Aber dann legte Tante Mai Gyote ihre Hand auf Frau Kyis Bauch und sagte: „Das sieht ja ganz nach Zwillingen aus bei dir, so ausladend wie dein Bauch ist“. In dem Moment, als Tante Mai Gyote Frau Kyis Bauch berührte, war es, als ob ein Blitz in sie einschlug. Als sie zu Hause ankam, schmerzte Frau Kyis Bauch so sehr, dass sie sich vor Schmerzen wand. Schweißperlen, groß wie Hsipyu-Beeren, standen auf ihrer Stirn. Erst als eine ganze Schar von Ärzten und traditionellen Heilpraktikern sie behandelt hatte, wurde es besser. Später hieß es, Frau Kyi hätte einmal, als Tante Mai Gyote Geld von ihr leihen wollte, behauptet, sie habe keins. Und weil Frau Kyi viel schlechtes Kamma hatte, hätte Tante Mai Gyote gemacht, dass sie sterben würde. Erst als Frau Kyi an jenem Nachmittag Tante Mai Gyote das gewünschte Geld gebracht hatte, sei Linderung eingetreten.

Ein anderes Mal hatte es Frau Saw Hla getroffen. Frau Saw Hla verkauft Zwiebeln, Kartoffeln und getrocknete Hülsenfrüchte auf dem Markt. Irgendwie war sie entfernt mit Tante Mai Gyote verwandt. Eines Tages hätten sie das Essen miteinander geteilt. Tante Mai Gyote habe von Frau Saw Hlas saurem Enteneiercurry bekommen und habe ihr dafür einen Teller der verschiedenen Gerichte gebracht, die sie anderweitig erhalten hatte. In der Nacht, nachdem sie diese in Obermyanmar „Verwandschaftscurry“ genannte bunte Mischung verschiedener Essensreste verspeist hatte, bekam sie so heftigen Brechdurchfall, dass sie am Morgen, als es hell wurde, nur noch ein Häufchen Elend war. Da kein Krankenhaus in der Nähe war, wurde sie auf traditionelle Weise behandelt. Da das Erbrechen und der Durchfall nicht aufhörten, gab man auf. Aus Kokochin wurde ein Experte geholt. Kaum war dieser in den Eingang des Hauses getreten, verkündete er, dass die Kranke großes Glück gehabt habe, weil er noch rechtzeitig gekommen sei. Sie sei nämlich mit einem tödlichen Fluch belegt worden. Der Fluch sei durch ein Haar auf sie gekommen; von jemandem aus Frau Saw Hlas Verwandtschaft, stellte er fest. Eine Frau, die an diesem Tag im Haus gewesen sei und dick Thanakha aufgelegt gehabt habe. Den Namen würde er besser nicht nennen. Die Umstehenden sahen einander an. Jetzt war es also sicher:
Tante Mai Gyote! Der Experte erklärte weiter: „Als Frau Saw Hla sich übergeben hat, sind auch reichlich Haare herausgekommen!“ und zeigte es jedem, der das sehen wollte.

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