Suche innerhalb von reisebuch.de

"Der Notfall" von Gyo Zaw

<<< Vorherige Seite

Sie war auf einen Weg geraten, der sie nicht wirklich interessierte. Aber da sie ihn schon länger beschritten hatte, war es auch nicht mehr möglich umzukehren. „Wer taucht, tauche bis auf den Grund, wer Ausdauer hat, kommt auch ganz oben an.“ Also musste Htet Htet wohl wie in dem Sprichwort durchhalten, bis sie am Ziel war. Htet Htet seufzte tief, während sie den Schädel aus ihrer Hand auf den Tisch legte. Vom Tisch aus grinste sie die knapp fünfzehn Zentimeter dicke Anatomie von Gray an. Und die kleineren Anatomiebücher von Grant, Gardner, Cunningham und so weiter schienen gemeinsam mit ihren Vorlesungsmitschriften dazu zu applaudieren. Als sie die zehnte Klasse als Allerbeste mit mehreren Auszeichnungen abschloss, hatte sie nicht gewusst, dass sie sich jetzt dafür den Kopf so zermartern müsste. Sie hatte nur die Ärzte in ihren schönen weißen Kitteln, die mit elegant umgehängtem Stethoskop und weißen Schnürschuhen so erhaben in den Stationen auf und ab schritten, vor Augen gehabt.
Jetzt aber kamen sie sich vor wie Geier, weil sie sich das ganze Jahr über im Seziersaal mit nach Formalin stinkenden Leichen befassen mussten. Ob an der medizinischen Hochschule das zweite Jahr das anstrengendste war? Also der Kopf und Halsbereich, bei dem sie jetzt gerade waren? Den ganzen großen Schädel, von den Augen- und Nasenhöhlen bis hin zu den nicht weniger als 40-60 Öffnungen, durch die die haarfeinen Nerven und Blutgefäße verlaufen, ihre Namen, Verläufe und Verbindungen musste sie bis ins Detail kennen und erläutern können.
„Ach…“. Zum zweiten Mal entfuhr ihr ein langer, tiefer Seufzer. Sie nahm den Schädel wieder in die Hand. „Htet Htet Schätzchen“.
Ihre Mutter drückte die Tür auf und kam herein. Hinter ihr drang das Gelächter der Familie ins Zimmer. Sie sahen nebenan fern und amüsierten sich über etwas. Das werden wohl Zargana und seine Comedyleute von der Moe Nat Thuzar Show sein, die da ihr Können unter Beweis stellen.
„Hier, trink mal einen heißen Horlicks-Malztrunk und iss etwas. Ich habe dir ein Ei weich gekocht, wie du es gerne magst.“ Ihre Mutter wusste nicht, wo sie das Tablett abstellen sollte. Auf dem Tisch lagen chaotisch viele Bücher und Knochen durcheinander. Und Htet Htets Haare sahen genauso chaotisch aus, weil sie sie beim angestrengten Nachdenken kräftig gerauft hatte. „Ach Mama, das mag ich jetzt nicht essen. Ich will nur eine Dose Cola.“

„Aber Töchterchen, der Onkel hat es dir doch auch gesagt, dass du etwas Vernünftiges essen sollst, damit du genug Energie hast. (Der „Onkel“ war Htet Htets leiblicher Onkel und gleichzeitig auch der Arzt der Familie.) Sie zog einen Stuhl heran und stellte das Tablett darauf ab. Dann strich sie mit der Hand über Htet Htets zerzausten Kopf. „Schätzchen, seit Tagen schon isst du nicht mehr vernünftig und schläfst auch nicht genug. Wie lange geht das denn schon? Du wirst am Ende noch krank werden. Nun iss schon, bitte.“ „Hhm-hhm. Ich will jetzt nichts essen. Sonst wird es mir noch übel. Am Nachmittag habe ich schon eine „Mauriya Min“ genommen.“ „Dann trink aber wenigstens den Horlicks, damit du zu Kräften kommst. Komm, sei ein braves Mädchen, trink schon“, murmelte ihre Mutter, während sie hinter Htet Htet stand und über ihre weißen, zarten Oberarme strich. Als sie sich umdrehte, um wieder aus dem Zimmer zu gehen, umfasste Htet Htet von hinten die Taille ihrer Mutter und schob sich hinter ihr mit aus dem Zimmer. „He, was ist denn los?“

Nächste Seite >>>