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"Der Ruf des Tokkeh" von Pain Soe Way

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An einem Tag hatte er im Le’pe’yei-hsain gesessen und mit einem Freund über Amulette, die Gewehrkugeln abwehren, gesprochen und war darüber auf das Kawaythara-Traktat über die Essenz der Magie gekommen. Davon ausgehend waren sie zur Art und Weise gelangt, wie nach dem Adikappa Dvadarasi die Symbolreihen in dem Quadrat für astrologische Berechnungen angeordnet werden sollten. Bei der Frage welche Silben in die fünfte Reihe einzutragen wären, kam es zum Streit zwischen ihnen. Als er sagte, man müsse „hno – zan – thi – kha – hme – u – dha“ schreiben, sagte der Freund, er habe unrecht. Voller Überzeugung behauptete der, es müsse „wa – u – hme – kin – thi – hsan – kin“ heißen. So ging es, bis alle Leute, die in dem Le’pe’yei-hsain saßen, auf ihren Streit aufmerksam geworden waren. Weil aber niemand etwas von diesem Thema verstand, beteiligte sich auch niemand an der Diskussion. Obwohl ihre Diskussion immer lautstärker wurde, warf sie der alte Herr, dem der Laden gehörte, nicht hinaus. Er fand sogar Gefallen daran und sorgte sich, dass sie mit dem Diskutieren aufhören könnten. Als sie aufstanden, um jeder für sich nach Hause zu gehen, weil das Thema zur Gänze ausdiskutiert war und es nichts mehr zu sagen gab, war es mittags um zwölf. Erst da fiel ihm ein, dass er morgens um sieben aus dem Haus gegangen war, weil ihn seine Frau „mal eben schnell“ Reis kaufen geschickt hatte. Nachdem er den Tee bezahlt hatte, reichte das Geld nicht mehr für die zwei Pyi Reis, die er mitbringen sollte, sondern nur noch für anderthalb.
Gestern Nacht aber konnte er nicht schlafen. Er dachte hin und her über Geld nach, bis er ganz wirr im Kopfe war. Er saß auf der Treppe an der Rückseite des Hauses und grübelte. Zu dieser Zeit war im Nat-Schrein unter dem Pipal-Baum hinter dem Haus eine Kerze, die jemand geopfert hatte, kurz geworden, aber noch nicht erloschen.
Hell brannte und flackerte sie noch. Dieser Kerzenstumpf und der Nat-Schrein zogen seine Aufmerksamkeit an. Er sah das Steinhaus der Nachbarn, die diesen Baum-Nat verehrten, eindrucksvoll und prächtig in den Himmel aufragen. Hm, wenn ich ihn gläubig und voller Inbrunst verehre, wird mir dieser Nat bestimmt auch zu etwas verhelfen, dachte er. Und während er so dachte, bewegte er sich Schritt für Schritt auf den Nat-Schrein zu. Obwohl viele Leute den Baum-Nat verehrten, wussten doch alle, dass er nicht daran glaubte. Außerdem hatte er das auch neulich erst zu seiner Frau gesagt. Aber, wer würde denn jetzt sehen, wenn er sich vor dem Nat verbeugte? Sie schlafen doch alle. Und selbst wenn jemand es sähe, was wäre denn dabei? Er tat es eben, weil er es tun wollte. Vor dem Nat-Schrein kniete er nieder, verneigte sich, indem er sich vorbeugte, um dreimal mit der Stirn den Boden zu berühren, und betete:
„Oh Herr, Wächter des Pipal-Baumes, steht mit bei. Gewährt mir Eure Gnade. Gebt mir in Eurer Güte ganz viel Geld. Ich habe so viele Schulden. Bei aller Welt habe ich so viele Schulden. Und auch was ich meinen ins nächste Leben hinübergegangenen Eltern schulde, konnte ich noch nicht erfüllen. Auch den Pflichten meinen Kindern gegenüber kann ich nicht nachkommen. Oh Herr des Pipal-Baumes, auch meinem Heimatdorf schulde ich noch Geld. Meiner Verwandschaft und meinen Freunden schulde ich Geld. Oh Herr, macht, dass ich in der Lotterie oft den Hauptgewinn von hunderttausend Kyat ziehe!“

 

Während er so ins Gebet versunken war, hörte er nicht, wie die ersten Hähne krähten, und merkte nicht, dass der Himmel sich im Osten zu röten begann. In diesem Moment drang aus der Krone des Pipal-Baumes ein Geräusch in sein Ohr.
„Tock…tock…tock“.
Na so was,ein Tokkeh. Richtig, daran war er früher einmal sehr interessiert gewesen. Unvermittelt begann er genau zu horchen. Gleich wird er rufen. Gleich ruft er… Mit klopfendem Herzen wartete und horchte er, wie der Tokkeh seine Stimme zum zweiten Mal testete und wieder verstummte.
„Tokkeh“ … eins, „Tokkeh“ … zwei, „Tokkeh“ …drei, „Tokkeh“ … vier, „Tokkeh“ …fünf, „Tokkeh“ … sechs, „Tokkeh“ … sieben, „Tokkeh“ …acht, „Tokkeh“ …neun. „Ha! … Genau! Endlich!“
Als ob ihn die Freude von allein hochgerissen hätte, sprang er auf.
„Frau … Frau!“, rief er, während er ins Haus rannte. Er rannte bis ans Bett seiner Frau, um sie zu wecken. Sie war jedoch bereits von seinem ersten Ruf aufgewacht. Stürmisch umarmte er seine Frau, die schon unter dem Moskitonetz hervorgekrochen war.
„Genau neunmal hat er gerufen! Ha, endlich ist es passiert!“ jubelte er.
„Wirklich?“
Seine Frau freute sich genauso sehr wie er. Wie könnte es auch anders sein? Sie wusste ja auch, wie viele Jahre er schon darauf gehofft und gewartet hatte.
„Mensch, ist das ein Glück. Was für einen Gegenstand hast du denn in der Hand gehalten? Zeig doch mal her …!“
„Oh…“.
Erst jetzt bemerkte er, dass er nichts in der Hand hatte.

 

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