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"Der zu viel wollte" von Hpe Myint

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„Als du nach Yangon zur Universität gegangen bist, habe ich auch viel nachgedacht, wenn ich im Nachrichtenbüro Zeitungen gelesen habe. Darin stand oft, dass gebildete Leute gebraucht werden, die aufs Land gehen, damit sich die ländlichen Regionen entwickeln können. Das hat mich interessiert. Und ein Leben lang im Kloster bleiben wollte ich auch nicht. Also bin ich nach Hngettaw gegangen.
Da gibt es einen älteren Onkel zweiten Grades von mir. Als Kind war ich einmal dort. In dem Dorf existiert keine Schule. Ein Kloster gibt es in Letpan-pin, einem Dorf in der Nähe. Aber ein Ort mit Schule ist ziemlich weit weg. Da muss man lange durch den Dschungel und über die Berge laufen. Als ich mich entschloss, in Hngettaw Entwicklung zu betreiben, hat der Abt unseres Klosters noch: „Na, ob das wohl gut geht?“, zu mir gesagt. Als ich antwortete: „Das wird es, Ehrwürden . Ich werde dieses Dorf in religiöser und sozialer Sicht auf den richtigen Weg führen“, meinte er: „Du hast ja große Pläne. Wenn’s gut geht, alle Achtung! Und wenn nicht, komm’ halt zurück ins Kloster!“, und gab mir noch zehn Kyat mit. Der Mönch U Sumana hat mir seine große Sonnenbrille geschenkt. Die hatte ich mir oft von ihm geliehen. Und vom Nachrichtenbüro habe ich mir noch eine alte Zeitung erbeten. Als ich in die Nähe des Dorfes kam, traf ich drei Mädchen, die dabei waren, aus einem Bach Wasser zu schöpfen. Etwa neun oder zehn Jahre waren die alt. Als sie mich mit der Sonnenbrille sahen, haben sie gleich losgeschrien: „Da kommt ein Mann mit ausgestochenen Augen!“, haben ihre Wasserkrüge fallen lassen und sind weggelaufen. Die Kinder aus diesem Dorf waren ja noch nie in der Stadt oder einem anderen Dorf gewesen.“ „Ziemlich abgelegenes Dorf, was?“

„Ja, ziemlich. Als ich dort ankam, habe ich nach dem Haus meines Onkels gefragt und bin zu ihm gegangen. Einen Hut hatte ich auf, die Sonnenbrille im Gesicht, eine Tasche umhängen und eine zusammengerollte Zeitung in der Hand. Als dann die Dorfältesten alle im Haus meines Onkels versammelt waren, erhielt ich den Ehrenplatz an der Kopfseite des Hauses, breitete meine Zeitung aus, zeigte ihnen die Bilder und las den Text vor. Und da jetzt Dorfentwicklung zu betreiben sei, erklärte ich ihnen, würde ich eine Schule hier im Dorf eröffnen. Das gefiel ihnen allen. Im Dorf gab es vier, fünf alte Leute, die etwas lesen konnten. Und das auch nur, weil sie es als Kind in einem Kloster gelernt hatten. Aber da das schon lange her war, erinnerten sie sich nicht einmal mehr genau an die Reihenfolge des Alphabetes. Auch ihre Augen waren trüb geworden. Und der Dorfälteste konnte nicht mal die Schlagzeilen der Zeitung mehr entziffern. Dass ich eine Schule eröffnen wollte und alle Kinder lesen lernen würden, freute sie. „Aber einem Lehrer müssen wir ja auch ein Gehalt zahlen“, meinte der Dorfälteste. „Ach was, wenn ich genug für Essen und eine Unterkunft habe, reicht das schon“. „Nein, so geht das doch nicht! Wie viel Gehalt bekommt denn ein Lehrer in der Stadt?“

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