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"Der zu viel wollte" von Hpe Myint

Als ich ihm vor über zwanzig Jahren zum ersten Mal begegnete, war ich sechzehn, die Schulabschlussprüfungen waren gerade beendet, und es waren Ferien. Er war zwanzig Jahre alt, dabei nicht männlich oder kräftig, machte nichts her und hatte auch nicht die Art von Körperbau, die den Frauen gefällt. Er war recht klein, hatte die Haare kurz geschoren, und seine Figur wirkte etwas schwächlicher als die der meisten anderen.
Kurz gesagt, er hatte die typische Erscheinung eines Schülers in einem buddhistischen Kloster. Tatsächlich war er das auch. Aber mit zwanzig war er natürlich kein gewöhnlicher Klosterschüler, sondern hatte unter den Schülern seines Klosters eine führende Position erreicht. Obwohl Klosterschüler, erwies er sich nicht als so schlicht wie die meisten anderen, sondern war sehr an Allgemeinbildung und Lektüre interessiert. Jeden Nachmittag ging er zum Leseraum des Nachrichtenbüros, um Zeitung zu lesen. Ich wohnte in demselben Viertel, wo sein Kloster war. Und da ich auch jeden Abend Zeitung lesen ging, lernte ich Hla Htun kennen. Aber nie diskutierten wir miteinander über die Inhalte. Das mag daran gelegen haben, dass ich, der ich mich mit Hilfe meines kleinen Collins-Wörterbuches bemühte, die englischsprachigen Zeitungen „The Nation“ und „Guardian“ zu verstehen, den Klosterschüler Hla Htun, der nur auf die myanmarischen Zeitungen angewiesen war, nicht als ebenbürtigen Diskussionspartner wahrgenommen hatte.
Wie dem auch sei, dennoch freundete ich mich mit Hla Htun an. Er interessierte mich. Ich erfuhr, was seine Pflichten als ältester der Schüler seines Klosters und was seine Vorrechte und Vollmachten gegenüber den anderen Klosterschülern waren. Er erzählte mir von der im Umgang mit dem Abt, den Mönchen und den Novizen notwendigen Etikette.
Im Kloster kam er gut zurecht und vertrug sich mit allen, die dort lebten. Nur mit einem, dem alten Novizen Thawbita, verstand er sich nicht so gut. Dieser war ungefähr sechzig Jahre alt und seit vierzig Jahren Novize. Vorher hatte er schon als Schüler lange im Kloster gewohnt. Aber weil sein Verstand zu dumpf war, konnte er bis heute nicht einmal die bei einem Wasseropfer zu rezitierenden Verse auswendig und würde wohl den Rest seines Lebens nur Novize bleiben.

Hla Htun erzählte mir, warum er sich nicht mit dem Novizen verstand: „Jeden Abend nach der Andacht flehe ich, dass ich das Los des Prinzen Siddhatta teilen möchte. Das kam einmal in der Predigt unseres Abtes vor: Als Prinz Siddhatta jung war, genoss er sein Leben nicht nur mit seiner Gemahlin Yasodhara Devi, sondern auch mit zahlreichen Konkubinen in den Ramma, Subha und Suramma genannten Gemächern des königlichen Harems. Erst später erblickte er die vier Zeichen – einen Alten, einen Kranken, einen Toten und einen Asketen, gelangte zur Einsicht, zog aus dem Palast in den Wald, um ein Buddha zu werden, und erreichte schließlich das Nibbana. Wir Buddhisten sollen das Nibbana anstreben, stimmt’s? Aber wie könnten wir sofort ins Nibbana gelangen, während wir noch auf einer niedrigen Stufe der spirituellen Entwicklung sind? Wir müssen uns ja noch über viele Leben hinweg vervollkommnen! Denk’daran, wie Prinz Siddharta, der zukünftige Buddha, über zahlreiche Existenzen die Reife erlangte. Die großen letzen zehn Jatakas, ja alle 550 Jatakas erzählen doch davon. Als Mensch war er König, und wurde er als Tier geboren, dann war er König der Tiere. Ist das nicht beneidenswert?
Deshalb bete ich auch jeden Abend: „Oh, Herr Buddha, lass mich auch als Prinz Siddhatta in den Gemächern Ramma, Subha und Suramma, umgeben von all den Hofdamen, wiedergeboren werden!“ Man kann sich doch auch als einfache  Mann Buddhaschaft wünschen, nicht wahr?“

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