Suche innerhalb von reisebuch.de

"Die Früchte der Bosheit" von Thu Maung

<<< Vorherige Seite

Das ist unwichtig. Wenn Pauk Kyaing genesen ist, werden sie nach Yangon fahren. Natürlich, er wollte Frau und Kind sehen. Das Problem lag bei Than Nyunt. Sie war unschlüssig wegen dieser vermaledeiten Inkarnation. So ein Kind lacht oder weint doch von sich aus. Vielleicht ist es gar keine Wiedergeburt. Man redet davon. Was ist schon passiert?
Dahingeschieden ist sie. – So konnte sie nicht denken. Sie empfand die Konfrontation mit dem Kind, als ob eine Schuld bestünde. Solche Überlegungen sind schon begründet. Die in jungen Jahren verstohlene Unverträglichkeit der Schwägerinnen ist im Alter offenkundig geworden. So wusste das ganze Haus, dass Bu Di und Than Nyunt miteinander lebten, ohne sich leiden zu können. Auch die Arbeiter wussten es. Wenn nun nach der Heimkehr das Kind sie anstarrt und weint …! Dann wäre völlig sicher, dass es eine Reinkarnation ist. Tja, man kann nur beten, dass es keine ist. Wie auch immer – nicht heimzufahren, war unmöglich.
Schau an! Schon im Flugzeug war sie angsterfüllt. In so hohem Alter einem Winzling von Kind gegenüberzustehen, ist schwierig. Eigentlich wollte sie ja ihre geliebte Schwiegertochter und ihre Enkelin sehen. Der Mensch ist schon was Schwieriges! Je älter man wird, desto mehr glaubt man, dass man im Leben immer Schuld auf sich lädt, für die man büßen muss. „Für nichts und wieder nichts mache ich mir einen Kopf, dass dieses Kind Rache üben wird. Schließlich habe ich bis zur Erschöpfung gebetet, dass es keine Reinkarnation sein möge! Habe sogar vergessen, Schutzverse für die Reise aufzusagen. Wie lange muss ich mich denn bei diesem Kind aufhalten?
Eine so gewaltige Schuld habe ich doch zu Lebzeiten Bu Dis gar nicht auf mich geladen. Schlimmstenfalls – sollte das Kind Probleme machen, kann ich mich als Großmutter noch immer ungeschlagen zurückziehen. Schimpfen und mit den Füßen stampfen aber geht nicht. Immerhin ist das Kind vom Fleische Pauk Kyaings.
Oje oje, ist das schwierig! Dass ich als gereifter Mensch über Zwist mit einer Neugeborenen nachdenken muss!“ Als sie auf dem Flughafen ankamen und die Abholer sahen, befiel sie schreckliche Angst. Sie hatte gehofft, dass sie das Kind nicht mitbringen, dass nur Erwachsene zur Begrüßung kommen. Aber nein, die waren mit Kind und Kegel erschienen! Da war nichts zu machen. Nachdem die Kontrollen durchlaufen und die Gepäckstücke geholt waren, wandte sie sich von all den

Abholern zuerst der hübschen Schwiegertochter zu. Das Gesicht des Kindes an ihrer Brust konnte sie noch nicht sehen, war hinter einer Stoffwindel verborgen. Es schreckte sie, jetzt etwas sagen zu müssen. Aber egal – der Erwachsene muss auf das Kind zugehen, oder? Zuerst hob sie ein wenig den Rand der Windel vom Gesicht. O weh, wenn es jetzt gleich zu schreien anfängt, das wäre gar zu beschämend. Trotzdem zog sie die Windel zaghaft beiseite. So ein Glück, das Kind schlief, und ihr fiel ein Stein vom Herzen. Natürlich, wenn es wach wäre, würde es weinen oder lachen. Ja, sowohl das Weinen als auch das Lachen wäre eine Reaktion, oder? Wenn es weint, zeigt es sich unversöhnlich. Lacht es aber, ist es, als ob es sagt: „Ich verzeihe dir, Schwester!“

Schau nur, wie es schläft! Ganz seine Oma Bu Di, die kleine Oberlippe vorgestülpt. Genau, wenn Bu Di schlief, hat sie auch immer die Oberlippe so vorgeschoben. Die Haut zartbraun. Eh, es willwohl gleich an den Fingern saugen, der kleine Daumen liegt auf der Unterlippe. Es nützt nichts. Ein Kind muss man animieren, nicht wahr? Than Nyunt stupste den Daumen des Kindes mit ihrem Zeigefinger an. He, guckt mal, im Schlaf ergriff das Kind den Zeigefinger Than Nyunts. Ach du Schreck, nicht aufwachen, nicht die Augen öffnen! Großer Gott!
Da passierte etwas Unerwartetes: Das Kind zog Than Nyunts Zeigefinger heran. Und als sie mitging, brabbelte es „pjäpjä“ und steckte ihn in sein Mündchen. Hat wohl Milch erwartet. Sie gab weiter nach, und das Kind fing an, kräftig am Finger zu saugen, ohne die Augen zu öffnen und ohne aufzuwachen. Die arme Than Nyunt aber schrie verwirrt auf: „Aua, es beißt!“ Was mag wohl Maung Than in den Sinn gekommen sein, als er lachend sagte: „Aber Schwester, die Kleine hat doch noch gar keine Zähne! Du reagierst über!“ Than Nyunt aber liefen völlig unvermittelt die Tränen übers Gesicht. Noch nie in ihrem Leben hatte sie solche Tränen geweint. Bu Dis Güte war zurückgekehrt.

 

<<< Zum Anfang der Geschichte