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"Die Nacht im Kanal" von Zeyya Linn

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Mit dem Öffnen des Fensters waren die Regen- und Sturmgeräusche näher und lauter geworden. Durch den kühlen Wind und die Regentropfen, die ihm aufs Gesicht fielen, wurde es ganz kalt. Er fing ganz plötzlich zu zittern an, als ob er fröre. Gegen die hereinwehenden Tropfen suchte er in der Ecke neben dem Fester Schutz.
Draußen konnte er unter den Straßenlaternen den Kanal sehen. Unter einer Laterne war der Kanal erleuchtet, etwas weiter wurde er dann dunkel, unter der nächsten Laterne wieder hell und dann wieder dunkel. Von einer beleuchteten Stelle hörte er durch Regen und Sturm hindurch wieder das Muhen der Kuh. Er hörte und sah, wie die Regentropfen auf die Straße peitschten. Niemand war mehr auf der Straße. Wegen des Windes klemmte er das Fenster mit einem Keil fest.
Er starrte auf die Straße. Es war das erste Mal, dass er sie bei Nacht sah. Niemand war unterwegs, auch kein einziges Auto. Auf der einsam daliegenden Straße waren nur Regen und Wind zu hören. Staunend blickte er auf die vom Regenwasser überschwemmte Straße. Die Äste der großen Bäume auf der anderen Straßenseite wogten im Wind. Im Licht schimmerten die fallenden Tropfen in den Farben eines Regenbogens. Wo sie auf den Asphalt fielen, sprangen sie wieder hoch und zerbarsten in winzige Spritzer. Dort bildeten sich kleine Regenbogen. Man hörte das Rauschen des abfließenden Wassers aus dem Kanal. Die Kuh würde sich bestimmt erkälten. Und bald würde sie im Wasser ertrinken. „Muuhhh, muuhh“, rief sie traurig. Er wusste nicht, was er tun sollte. Gern würde er Vater wecken. Hinterm Haus hatten sie ein paar Seile. Er hatte auch schon ein wenig Kraft. Vielleicht konnten Vater und er zusammen es schaffen, die Kuh zu retten.

Aber er wagte nicht, Vater aufzuwecken. Wenn Vater etwas merkte, würde er ihn anbrüllen und verhauen. Aber er wollte auch nicht wieder schlafen gehen. In Gedanken sah er auf die Straße. Und die Kuh im Kanal muhte. In den Häusern auf der anderen Straßenseite war auch kein Licht mehr. Die um die Straßenlaterne herum fallenden Regentropfen waren schön anzusehen. Die großen Palmenwedel bewegten sich wie eine riesige Spinne.
Für einen Moment hatte er die Kuh vergessen und blickte gedankenverloren von der Straße auf zum Himmel. Plötzlich ließ der Regen nach. Eine große, schwarze Wolkenbank zog am Himmel vorbei, und hinter ihr kam strahlend der weiße Mond zum Vorschein. Und von der weiterziehenden schwarzen Wolkenbank löste sich wie eine kleine Wolke ein schwarzes Etwas. Gebannt sah er zu, wie dieses schwarze Etwas sich ganz langsam wie fliegend auf die Erde zu bewegte. Strahlend schien nun der Mond.
Der Regen hatte ganz aufgehört. Dann erblickte er etwas, das wie mit den Flügeln schlagend angeflogen kam. Waren das Fledermäuse? Die Vögel schliefen doch schon. Als es in die Nähe der Straßenlaterne kam, murmelte er ganzerstaunt mit offenem Mund: „Oh …!“
Strahlend cremefarben-weiß, eine große Kuh, die Mutterkuh. Mit ihren riesigen Flügeln schlagend schwebte sie herab. Der ganze Körper war blütenweiß. Sein Herz sprang vor Freude. Er war noch glücklicher als damals, als Mutter ihm die Eisenbahn geschenkt hatte,die er sich so sehnlich gewünscht hatte. Die Kuh war gekommen, um ihr Kind zu retten. Sieh, da ist es! Sieh doch! Mit rosaroter Nase, mitklaren, braunen Augen wie die Mutter und mit den taubenweißen Flügeln schlagend und schlagend …

 

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