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"Die Zeitmaschine" von Thet Htun (Hsay Theippan)

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Ich werde zu Ende reden: Es ist schon erstaunlich, dass es noch Leute gibt, die die Zeit, als das ganze Land von den Beschimpfungen und Flüchen der Japaner widerhallte und selbst die Angehörigen des Mönchsordens schallend geohrfeigt und mit heißem Wasser übergossen wurden, als sie am ganzen Körper die Krätze hatten und sich ständig kratzen mussten, in angenehmer Erinnerung haben und sich danach zurücksehnen.
„In unserer Jugend mochten wir keine Fernseher, Videos und VCDs. Uns gefiel, wenn sich das ganze Dorf im Haus des Dorfvorstehers versammelte, um auf den Sandalen sitzend dem einzigen Radio zuzuhören“, erinnern sie sich. „E-Mail, Satellitenfernsehen, Internet? Daran hätten wir nie geglaubt. Aber wir hätten geglaubt, wenn uns jemand gesagt hätte, dass morgen der mythische Hintha-Vogel im Dorfteich landet, und hätten ihm mit der Zwille aufgelauert. Und wir glaubten Vorhersagen, dass in diesem Jahr der Gott Indra auf dem Rücken einer Kuh reitet und eine Fackel trägt. Einmal eins ist eins, zweimal eins ist zwei – dafür musste man nicht mal einen Kurs besuchen. Das war schneller als ein Computer.“
Also, das war nicht schwierig? Ich bin auch so wie sie. Als ich klein war, habe ich Chorgesänge wie „Mithazu Kado Pwe“, „Tha-ngechin tou zani maung hnan“ oder „Kyun Shwei Wa“ gehasst. Sonntag Mittag um zwölf kam im Radio immer „Märchen-Geschenk“. Wenn das vorbei war, dann kam „Geschichten zum Zuhören“ und danach kamen besagte Chorlieder. Was ich sagen will, ist, dass in diesem Moment der Sonntag mehr als zur Hälfte um war. Abends musste ich dann wieder für die Schule lernen. Deshalb war mir immer zum Weinen zu Mute  wenn ich diese Lieder hörte.
Jetzt aber möchte ich sie hören. Es ist so schön, dabei in Erinnerungen an die Schulzeit zu schwelgen. Manchmal aber ist es, als ob mir diese Lieder meinen eigenen Sonnenuntergang ankündigen, und mir ist wie früher als Kind zum Weinen. Dann haben diese Lieder wieder für mich die Bedeutung des Omens, das das Ende einer angenehmen Zeit ankündigt.
Damals wurden zum Neujahrsfest thankya’ vorgetragen, satirische Wechselgesänge. Es wurde gesungen und getanzt. Heutzutage singt man auch genauso „Maung you, Maung you“ und „Tu-po, tu-po“. Mit modernen Instrumenten spielen, singen und tanzen sie, aber, obwohl die Reime der thankya’ voll von noch treffenderem Spott sind, macht es mir nicht mehr so viel Spaß wie früher. Ich habe den Geschmack daran verloren.

Viele Jahre lang hatte ich eine eigene Praxis und habe Patienten behandelt. Nicht wenigen Menschen habe ich das Leben gerettet. Aber am liebsten erinnere ich mich an die kleine, schäbige Praxis imKyo Kone Viertel, die ich als frischgebackener junger Arzt zuerst eröffnet hatte.
Während ich als Arzt arbeitete, wurde ich bestimmt so oft mit „Herr Doktor“ angesprochen, wie es Sandkörner am Strand von Ngapali gibt. Aber soviel Freude wie die Worte meiner ersten ernsthaft kranken Patientin Myin Khin: „Herr Doktor, ich verdanke Ihnen mein Leben!“, hat es mir seitdem nie wieder bereitet. Ich habe inzwischen zahlreiche Artikel, Geschichten und Bücher geschrieben. Zu Hause haben wir zwei Autos. Zu welcher Magazinredaktion, welchem Verlagshaus soll das Manuskript? Kein Problem. Ich muss mich nicht mal anstrengen.
Tatsächlich brauche ich meine Manuskripte nicht selbst abzuliefern. Ich gehöre zu den etablierten Schriftstellern, zu denen die Verleger kommen, um einem mit Bitten um neue Manuskripte in den Ohren zu liegen. Ein Anruf genügt. Aber das Gefühl ist schal. Ich bin lange nicht mehr so aufgeregt wie damals, als ich als junger Mann unter der heißen Sonne zu Fuß die Straßen auf und ab lief, von Redaktion zu Redaktion, um mich zaghaft in die Zimmer der Chefredakteure zu trauen und vor ihren Schreibtischen stehend voller Respekt zu fragen, ob sie meine Manuskripte angenommen oder abgelehnt hätten.

 

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