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"Ein lebender Leuchtturm" von Thwin Hsan Maung

Das schwülheiße Wetter war – unter dem Decknamen „Winter“ – wieder da, in enger Gemeinschaft mit König Thuriya, der Sonne. Und man sorgte sich weiter um die Grünpflanzen, die nach Regen lechzten. Für die armen Leute aber war es ein Geschenk, dass sie sich keine warmen Sachen kaufen mussten.
Vom unteren Ende des Dorfes her kamen Mönche und Novizen und machten ihre Almosenrunde. Das Rufen eines Schuljungen durchdrang den Zaun und erinnerte daran, dass es Zeit war, religiöse Verdienste zu erwerben.
„Mama, sie sind da! Ich spende ihnen das Essen!“
Durch der Worte Waing Chits wurde Nyo Ma, die eine Zigarre nach der anderen rollte, aus ihren Gedanken gerissen.
„O je, es ist noch kein Reis gekocht. Geh’mal irgendwohin spielen! Diese Zigarren müssen heute noch fertig werden.“
Seit fünf Tagen konnte Nyo Mas Ehemann nicht auf Fischfang gehen, da er Fieber hatte. Die Überreste von Malariaerregern, die er vom Feuerholzsuchen im Dschungel als „Geschenk der Berge“ mitgebracht hatte, waren erneut zum Angriff übergegangen.
„Mama, heute ist in der Schule das Fest zur Ehrung der Lehrer. Wir haben der Lehrerin noch kein Geld geschenkt. Ich möchte auch hingehen.“
„Wir brauchen kein Geld zu geben. Du brauchst auch nicht zur Schule zu gehen. Wenn ich diese Zigarren wegbringe, werden sie mir womöglich noch meine Schulden vom Lohn abziehen. Ich würde dich am liebsten aus der Schule nehmen und Büffel hüten lassen. Wegen dieses Halbtoten da…“
Der in einer Ecke des Raumes zusammengerollt schlafende Soe Chit war momentan noch unbehelligt von dem Problem seiner Frau und seines und Sohnes.
„Huhuuu, ich will keine Büffel hüten, ich will zur Schule gehen! Huhuuu…“
„Heul’ doch nicht gleich los, du machst dich ja lächerlich! Du kennst mich doch, Waing Chit!“
Fast alle Lehrerinnen und Lehrer hatten Mitleid mit Waing Chit. Meinte es ein ungerechtes Kamma so schlecht mit diesem aufgeweckten Kind? Er war jetzt in der dritten Klasse. Seine Eltern gaben sich sehr wenig Mühe und dachten kaum ernsthaft über die Zukunft des Kleinen nach.
„Waing Chit, … Waing Chit!“

Aye Thidar, seine Lehrerin, stand im Hauseingang. Sie stützte sich auf Krücken, weil ihr rechtes Bein von Geburt an gelähmt war.
„Kommen Sie, Frau Lehrerin, kommen Sie ins Haus! Ich hätte heute früh schon kommen sollen. Seinem Vater geht es nicht gut, deshalb haben wir wenig Geld…“
„Was…? Nein, liebe Frau Nyo Ma, ich komme wegen einer anderen Sache. Nicht wegen des Geldes für Waing Chits Bücher.“
Durch das Gespräch zwischen der Lehrerin und Nyo Ma wurde Soe Chit langsam wach. Er tat aber, als ob ihn das nichts anginge, und schlief wieder ein.
„Sie sind zu uns gekommen. Wollen Sie das Geld haben?“
„Nein, mein Junge. Ich will dich abholen, damit du in der Schule ein Märchen vorträgst.“
Waing Chit sah erwartungsvoll zu seiner Mutter hoch. Er war sehr gescheit wie ein kleiner Erwachsener.
„Junge, mach dich frisch dich und zieh dich um, wir gehen in die Schule. Deine Freunde warten auf dich.“
„Frau Lehrerin, nehmen Sie meinen Sohn nicht mit! Er ist ziemlich bedrückt, weil er Ihnen das Geld nicht geben kann. Ich möchte nicht, dass er sich unglücklich und verletzt fühlt. Frau Lehrerin, irgendwie kriege ich das hin und bringe Ihnen morgen ganz bestimmt das Geld für die Bücher!“

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