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"Ein Sitzplatz" von Lai Twin Thar Saw Chit

Die Bahn kam. Maung Kyaw schloss das Buch, in dem er gelesen hatte, und steckte es in die Tasche. Er musste jeden Tag von Mingaladon mit der Stadtringbahn in die Innenstadt zur Arbeit fahren. Meistens musste er morgens und abends in der Bahn stehen.
Heute aber hatte er sich besonders angestrengt: Da man am Hauptbahnhof kaum einen Sitzplatz bekam, war er bis zur entfernteren Station „Pagodenstraße“ gelaufen, wo die Bahn noch vor dem Hauptbahnhof hielt.

Der Zug fuhr ein. Maung Kyaw wartete nicht auf dem Bahnsteig, wo die meisten Leute einsteigen wollten. Dort kam man nur schwer durch das Geschiebe der Ein- und Aussteigenden hindurch, und es dauerte zu lange, bis man im Zug war. Und wenn er zu spät in das Innere des Zuges gelangte, würde er auch keinen Platz mehr bekommen.
Deshalb wartete er auf der anderen Seite des Gleises, wo es keinen Bahnsteig gab. Einige andere hatten die gleiche Idee gehabt. Aber so viele wie auf der Bahnsteigseite warteten hier nicht. Um seine Chancen zu verbessern, wagte er sich vor, griff, noch bevor der Zug gehalten hatte, nach der Geländerstange des Einstiegs und schwang sich hinauf. Als der Zug zum Stehen kam, war er schon oben. Die anderen begannen erst jetzt zu drängeln und sich in den Zug hineinzuzwängen. Mit seinen Augen suchte er hastig das Abteil nach einem freien Sitzplatz ab. Es waren genau so viele Menschen wie Sitzplätze im Zug. Er war der einzige, der stand.
Zwar waren viele ausgestiegen, aber dafür hatten sich die Leute, die vorher gestanden hatten, noch vor ihm auf die freiwerdenden Plätze gesetzt. Verdammt… So ein Mist. Wenn nur ein Platz übrig geblieben wäre, könnte ich jetzt einen sitzen.
Bald waren auch andere Leute in den Zug eingestiegen. Es waren viele geworden, die wie Maung Kyaw stehen mussten. Sie waren seine Konkurrenz. Er musste es schaffen, vor ihnen einen der Sitzplätze zu ergattern, die am Hauptbahnhof freiwerden würden. Das Gute war, dass viele Leute aufstehen und aussteigen würden, das Schlechte aber , dass es auch viele waren, die nur darauf warteten, einen Sitzplatz zu erobern. Wie auch immer, er war guter Hoffnung, am Hauptbahnhof einen Platz zu bekommen.
Er wollte unbedingt einen Sitzplatz. Wenn er einen Sitzplatz hätte … könnte er weiter in seinem Buch lesen, …könnte die am Fenster die vorbeihuschende Landschaft betrachten … könnte die anderen Passagiere studieren. Von links würde die sinkende Sonne hereinscheinen. Rechts wäre also besser. Maung Kyaw stellte sich auf die rechte Seite des Waggons. Der Zug fuhr jetzt sehr schnell. Bald würden sie den Hauptbahnhof erreichen.

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