Suche innerhalb von reisebuch.de

"Hoffnungswolken" von Myu Myu

<<< Vorherige Seite

Sein Häuschen hob sich länglich vom dunklen Hintergrund ab. Einst war es sehr geräumig gewesen. Mit seinen Flechtwänden aus Bambus, dem Dach aus Wedeln der Nipa-Palme und dem Bambusfußboden sah aus wie ein typisches Dorfhaus. Die im Lauf der Zeit aufgetretenen Probleme und Engpässe forderten Großvater heraus. Der Ausweg war, Stück um Stück Bauteile des Hauses zu verkaufen. Am Ende blieb ihnen nur dieses lange, schmale Häuschen, wie es nun zu sehen war. Während er nachdachte, seufzte Großvater.
„Schläfst du denn noch nicht? Es ist doch kalt geworden draußen…“ Die besorgte Stimme drang aus dem Schlafzimmer durch die Bambuswände.
„Ich hab nur überlegt, ob ich morgen zu unserem mittleren Sohn gehe… Gleich komme ich dann auch schlafen.“
„Es ist aber kalt geworden!“
Die zugleich mit dem Knarren des Bambusfußbodens zu ihm dringende Stimme der alten Dame traf den alten Mann schmerzlich. Oh, wir hängen nicht wenig aneinander. Den Lebensweg sind wir zusammen gegangen. Mit Verbundenheit, mit Liebe haben wir die Widrigkeiten des Lebens gemeistert und sind nun beinahe achtzig. Gewiss werde ich auch mit den Schwierigkeiten fertig, vor die das Leben mich jetzt stellt.
„Tja, ich weiß nicht, ob überhaupt ein Schiff am Hafen angelegt hat. Ich geh mich mal umhorchen. Von unseren Kindern geht es dem mittleren Sohn noch am besten. Wo er doch Schiffsführer ist, kann er davon leben. Ich nehme nur etwas von ihm an, wenn ich ihm wenigstens mit ein paar Kleinigkeiten auf dem Kahn helfen kann. Ich will ihm nicht auf der Tasche liegen, ohne wenigstens eine Gegenleistung zu erbringen. Der Gute, wenn ich komme, wird er sein Geld zusammenkratzen und mir geben.“ Er konnte nur hoffen.
„Ob sein Kahn überhaupt in Ufernähe liegt?“, ging es dem alten Mann sorgenvoll durch den Kopf.
Das Boot des mittleren Sohnes war ein Frachtschiff, das Holz, Sand und Steine transportierte. Früher konnte es einmal alle fünfzehn Tage anlegen. Jetzt allerdings machte es nur noch einmal im Monat Halt. Der alte Mann schätzte immer die Zeit ab, zu der sein Sohn kommen könnte, ging zum Ufer und wartete. Manchmal legten die Schiffe wegen der Wasserstände nicht zur erwarteten Zeit an. Dann angelte er und wartete auf das Boot. Wenn er mit ein oder zwei Fischen an einer Sisalschnur nach Hause ging und unterwegs die alten Leute erblickte, die aus dem Kloster strömten, wo sie am Uposatha-Tag Einkehr hielten und meditierten, sah er scheu weg und wich ihnen aus. In Augenblicken wie diesen war er, der am Ufer geangelt hatte, ziemlich beschämt. An großen Feiertagen widmete sich Großvater genauso ruhigen Gemütes im Kloster der Lehre und meditierte, soweit es sich machen ließ. Aber meist gewann die Plackerei des Alltags die Oberhand.
An seinem Lebensabend wollte der alte Mann kammisch heilsam leben und dem Tod bewusst gegenübertreten. Er wollte nicht unvorbereitet von einem plötzlichen Tod überrascht werden, weil er um des Überlebens willen so viel arbeiten musste, dass er keine Zeit hatte, seinen Geist zu läutern.
Die Brise der Winternacht wurde kälter. Er hatte das abgetragene Flanellhemd über der Brust geschlossen. Obschon seine Kräfte nachgelassen hatte, stand er mit der Kraft der Hoffnung mühsam auf und ging ins Haus.

 

„Also, gibt’s denn was Neues wegen des Jobs, nach dem ich gefragt hatte…?“, sagte der alte Mann und beobachtete dabei prüfend den Gesichtsausdruck des Mädchens. Weil sie nicht wagte, das Aufleuchten seiner matten Augen beim Thema Arbeit zu sehen, starrte sie auf seinen Unterarm. Er folgte ihrem Blick. Die Adern an seinen Unterarmen traten dick hervor, und die Haut hing in schlaffen Falten herab. Die Stimme des Mädchens wurde so leise, dass er ganz genau hinhören musste. Als das Mädchen zu Ende gesprochen hatte, lächelte er:
„He, sie haben gesagt, man wolle keinen Alten einstellen? Das weiß ich doch. Aber schmerzhaft ist es schon. Ja, ja … na, ich gehe dann mal runter zur Anlegestelle.“
Das Mädchen sah ihn unsicher an. Mit kraftlosen, müden Schritten ging er zum Ufer. Als die alte Dame ihren Mann erblickte, erhob sie sich schwankend und stützte sich dabei auf der Bambuspritsche ab. In diesem Augenblick tauchten oben am Himmel ein paar dünne Wolkenfetzen auf und zogen vorüber. Für einen kurzen Moment sahen die beiden Alten einander an. Er reichte der alten Dame das, was er inder Hand hielt. Die Worte, die sie nur zu sich selbst leise murmelte, drangen brennend wie Feuer in sein Ohr und er spürte einen Stich im Herzen.
„Alter, schon wieder bist du am Ufer angeln gewesen…“

<<< Zum Anfang der Geschichte