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"Mein Vater und ich" von Maung Aye Mya

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Von Yangon aus kehrte ich ungefähr einmal im Jahr in unser Dorf zurück. Ich ging damals auf die Dreißig zu. Meine Eltern waren schon fast sechzig. Die Leute im Dorf jenseits der Fünfzig mieden für gewöhnlich die jungen Leute und ihre Unterhaltungen. In den Gesprächen der Älteren ging es vorwiegend um ernsthafte, religiöse Themen. Mutters Bruder, Onkel Nyunt Maung, fing schon mit knapp über vierzig an, in die religiöse Richtung zu tendieren, so dass man ihn oft in solchen Runden antraf. Er kam manchmal zu uns nach Hause, um meinen Eltern seine Predigten zu halten. Vater erwiderte nie etwas. Er hörte sich Onkel Nyunt Maungs Weisheiten aufmerksam von Anfang bis Ende an, sagte aber nie, ob er sie für gut hielt oder nicht. Wenn ich nach Hause kam, brachte ich außer den üblichen Mitbringseln zum Essen immer auch ein paar Bücher über Religion und Philosophie mit. Vater nahm solche Bücher nur kurz in die Hand, blätterte ein wenig darin herum, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass er ernsthaft darin lass. Auf sein kleines Bücherregal kamen nur seine Astrologie-Bücher.
Im Dorf wurden von Zeit zu Zeit religiöse Festlichkeiten veranstaltet, zu denen man Mönche von verschiedenen Klöstern einlud. Vaters Bekannte versuchten ihn zu überreden, dorthin mitzugehen, aber soweit ich mich erinnern kann, ist Vater niemals zu solchen Veranstaltungen gegangen oder hat sich Predigten angehört.
Es hat seine Gründe, dass ich Vaters Desinteresse an religiösen Veranstaltungen und Themen so hervorhebe. Denn daraus ist letztlich diese Geschichte entstanden. Sie ist über meinen Vater, aber es geht auch um mich. Oder richtiger vielleicht – mehr noch um einen von meinem Wunsch geleiteten Umstand.

 

Nachdem ich nach Yangon gezogen war, habe ich alles Möglichegelesen und am Ende festgestellt, dass die buddhistische Literaturfür mich am besten war, mir am meisten geben konnte. Dabei binich zuerst auf den Abhidhamma gestoßen. Er ist für jeden einfach zuverstehen, ist eine Wahrheit, die sich nicht leugnen lässt. DenBewusstseinsprozess nennt der Abhidhamma „withi“ – Erkenntnisweg. Dafür müssen vier Dinge zusammenkommen. Nur sie gemeinsamkönnen das Bewusstsein hervorbringen. Diese vier Elementesind zum Beispiel: der visuelle Wahrnehmungssinn, die Klarheit desAuges, das Element Licht und schließlich die Aufmerksamkeit,Manasikaya. Wenn eines dieser vier Elemente fehlt, kann es keinenProzess des Sehens, kein sehendes Bewusstsein geben. Wie natürlich!Man ziehe diese vier Dinge in Betracht. In der Tat kommt Sehennur zustande, wenn alle vier da sind. Jeder Mensch, egal aus welchemLand, kann das einsehen, ohne ein Geistesriese sein zu müssen.Man braucht nur darüber nachzudenken.Ich habe alles, was der Buddha zu diesem Thema gelehrt hat,gründlich studiert.Vaters 1-3-7-Theorie hingegen ist sinnlos und unlogisch. Wer sollteetwas verinnerlichen, was bar jeder Vernunft, unlogisch und widersinnigist, für das sich kaum Beweise finden lassen? Das ist meinstärkstes Argument.Was nicht heißen soll, dass ich mein Verständnis des Buddhismusfür das einzig wahre und ausnahmslos richtige halte. Auch Vaterwird wohl aus seiner Sicht genauso von der Richtigkeit seinerAuffassungen überzeugt gewesen sein.

 

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