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"Mitgefühl von 59 nach 13" von U Tin Oo (Tuition)

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Hunt hingegen habe ein Zyklin genanntes Protein entdeckt. Durch die Kenntnis des Reproduktionsprozesses von Zellen und der Umstände, unter denen dieser zum Erliegen kommt, werde man erfahren, wie die Ausbreitung gefährlicher Krebszellen zum Stillstand gebracht werden kann. So könne man dann Medikamente zur Bekämpfung von Krebs entwickeln, hieß es. Nach dem Auftreten von Krebszellen im Körper könne deren Verbreitung verhindert und die Zellen mit Medikamenten zersetzt werden. Dann besteht keine Lebensgefahr mehr für Menschen wie meine Tochter. Daher hatte man den drei Wissenschaftlern, deren Forschungsergebnisse der Entwicklung von Medikamenten gegen Krebs dienen, den Nobelpreis verliehen.
Jetzt aber gab es diese Medizin noch nicht. Am 22. Mai aß meine Tochter die Hpe’htou’-Suppe, die ihre Freundin mitgebracht hatte, und sagte: „Hm, lecker“, um ihr eine Freude zu machen. Am nächsten Tag aber konnte sie nichts mehr zu sich nehmen. Voller Lebenswillen und nicht bereit zu sterben, erinnerte sie ihre Mutter: „Mama, Zeit für die Medizin“, denn sie wollte sie unbedingt nehmen, aber die Muskeln in ihrer Kehle arbeiteten nicht mehr. Als ich ihr mit einem Löffel Wasser zu trinken gab, griff sie selbst nach dem Löffel, konnte ihn aber nicht mehr heben. Am nächsten Tag musste ich ihr Wasser mit einem kleinen Teelöffel einflößen. Am Tag darauf musste ich kleine Wattebäuschchen mit Wasser tränken und auf ihre Lippen ausdrücken. Auch sprechen konnte sie nicht mehr. Als am 25. Mai meine ältere Tochter zu Besuch kam, sammelte sie alle verbleibende Kraft, um noch ein freudiges „Schwester!“ herauszubringen. Als am 27. Mai mein großer Sohn zu Besuch kam, konnte sie nur noch verzweifelt schauen. Er sagte: „He Schwesterchen, ich bin da, dein Bruder Htun Htun, weißt du?“, doch sie konnte nicht mal mehr mit einer Geste ihrer Hände reagieren. Ihr Bewusstsein mochte ihn wohl erkannt haben. Aber die Muskeln ihres Körpers hatten aufgehört zu funktionieren.

Es war beeindruckend, wie sie einer derart schlimmen Krankheitstand hielt. Im Krankenhaus hatte sie nur zweimal geweint. Zu Hause, als der Tag ihres Todes immer näher rückte, beschwerte sie sich nur ein einziges Mal: „Oh Papa, wenn ich tot bin, verbrenn’ dieses Bein, dasmir soviel Ärger gemacht hat“, hatte sie zorn entbrannt gesagt.
Da es ihr schlecht ging, gaben wir ihr fünf Valium, und sie schlief. Dann half auch das nicht mehr. Wir gaben ihr zehn. Als auch das nicht wirkte, rezitierten wir immer wieder das Bojjhanga Sutta. Wir predigten ihr den Dhamma und erklärten ihr, wie sie ihr Bewusstsein fokussieren müsste, um meditative Konzentration zu erlangen. Sie hörte zu: „Papa, ich achte auf meinen Atem. Aber es geht nicht.“
Buddha hatte gepredigt, dass Gesundheit eine der Voraussetzungen für die Meditation sei. Da half auch das Bojjhanga Sutta nicht mehr. „Ich habe schon Situationen erlebt, in denen ich leicht eine Verfehlung mit anderer Leute Ehefrau oder Tochter hätte begehen können, habe mich jedoch durch Achtsamkeit beherrschen können. Möge dieser Treue wegen das Leiden meiner Tochter gelindert sein und sie ruhig schlafen können!“, schwor ich. Anfangs ging es noch, und sie schlief tatsächlich. Später gewann ein mächtigeres Kamma die Oberhand, und sie konnte nicht mehr schlafen. Während sie nicht zur Ruhe kam und es kaum mehr aushielt, biss sie die Zähne zusammen und sagte aus Sorge um den Schlaf ihrer Mutter: „Mama, schlaf … schlaf!“ Dann konnte sie auch das nicht mehr sagen.

 

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