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"Sehnsucht" von Maung San Win (Bhamo)

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Mit Einverständnis meiner Frau quittierte ich den Staatsdienst. Wir beide nahmen jede Arbeit an und hielten uns so mehr schlecht als recht über Wasser. Mein armer Vater aber wusste nicht, dass ich meine Karriere als „großer Beamter“ aufgegeben hatte. Still und heimlich arrangierten wir auch alles so, dass er nie davon erfahren würde. Er wäre nicht glücklich darüber gewesen.

Zufall? Wohl kaum. Kurz nachdem ich meine Stelle gekündigt hatte, bekam Vater in der Hitze des Sommers die Malaria, die das Gehirn befällt. Ziemlich lange lag er bewusstlos im Krankenhaus. Alle gingen davon aus, dass es mit ihm vorbei sei. Als er wieder zu sich kam, hatte sein Gehirn Schaden genommen. Von diesem Zeitpunkt an wurde Vater langsam verrückt. Aber trotz Geistesverwirrung erkannte er uns alle wieder. Nicht nur seine Familie, keinen aus dem Dorf hatte er vergessen. Traf er alte Freunde und Bekannte, war er wie früher.
Das Seltsame aber war, dass er sich alle vier, fünf Minuten wiederholte, als ob er betrunken wäre. Ob man ihm zuhörte oder nicht, er erzählte, ohne auch nur Luft zu holen, in einem fort, was ihm gerade in den Sinn kam. Vater, der sich früher sehr schwer tat, auch nur ein Wort über die Lippen zu bringen, glich nun einem Papagei. Wenn auch Vater wirr im Kopf war, an alles, was mich betraf, erinnerte er sich bis ins kleinste Detail. Für ihn war ich noch immer der wichtige Beamte. Wenn ich ihn an Wochenenden besuchte, sagte er „Heute hat deine Behörde geschlossen, nicht wahr, mein Sohn?“
Dann verspürte ich jedes Mal eine unausdrückbar tiefe Traurigkeit in meinem Herzen. Und während ich dieses Gefühl hinunterschluckte, musste ich Vater auch noch belügen, damit er nicht merkte, wie es tatsächlich um mich bestellt war: „Genau, Vater. Ich kann bei Dir vorbeikommen, weil heute geschlossen ist.“
„Und wie geht’s mit der Arbeit? Kommst du zurecht?“
„Ja, Vater. Ich habe so gut wie keine Schwierigkeiten.“
„Das wollte ich hören, dass du zurechtkommst. Ich bin alt geworden und will nur noch Freude an meinen Söhnen und Enkeln haben.“ Obwohl ich Vater die gewünschten Antworten auf seine Fragen gab, hätte ich am liebsten geweint und fühlte mich schlecht. Vater, dem sein Sohn die wahre Lage verheimlichte und Lügen erzählte, tat mir so Leid.

Wenn ich manchmal am frühen Nachmittag bei ihm vorbeisah, stichelte Vater „Na, hast du nicht heute etwas zu früh Feierabend gemacht?“ Eine Antwort darauf blieb mir im Halse stecken. Würde sein Verstand weiteren Schaden nehmen, wenn ich ihm jetzt die Wahrheit erzählte? Würde er am Ende vollends verrückt? „Von meinen drei Söhnen ist einer ein richtiges Musterkind, und ich bin sehr zufrieden. Seit er ein wichtiger Beamter ist, wirkt alles an ihm, von der Art zu sprechen bis hin zu seinem Äußeren, richtig vornehm“, brüstete sich Vater nach wie vor mit mir. Jene Menschen im Dorf, die die Wahrheit kannten, lächelten dann über ihn. Aber er tat ihnen auch Leid. Sie begegneten ihm auf angemessene, respektvolle Weise. Enkel, Neffen und die Kinder im Schulalter mussten sichauch von ihm ermahnen lassen: „Strengt euch an in der Schule. Wenn ihr die 10. Klasse abschließt und studiert, werdet ihr Beamte wie mein Sohn San Win. Wünscht euch nicht ein Leben, bei dem ihr euch hier auf dem Dorf abrackernmüsst!“

 

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