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"Sein Horoskop" von Ma Wint (Myit Nge)

 

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Schon lange hat Aung Thein das Dorf nicht mehr verlassen. Wenn er morgens mit Htun Thaung, Ba Gyi und den anderen im Le’pe’yeihsain saß, konnten sie sich endlos unterhalten. Und wenn es Zeit war, ging er nach Hause, nahm das für ihn bereitete Mittagessen ein und ließ es sich gut gehen. Tin Mi und die Kinder schimpften auch nie mit ihm. Er war so pflichtvergessen, dass er sogar vergaß zu fragen, wie ihr Geschäft lief.
Auf Dauer aber schmeckte ihm das Essen, das nur immer andere für ihn verdient hatten, nicht mehr. Einige seiner Freunde aus dem Le’pe’yei-hsain gingen arbeiten, andere zogen in ein anderes Dorf, und langsam ging ihm die Gesellschaft aus.
Irgendwas wollte er auch arbeiten. Seltsam, an diesem Morgen hatte ihm Tin Mi da etwas vorgeschlagen. „Geh doch als Nachtwächter in die Fabrik, wo unser Großer arbeitet“, sagte sie. „Wenn es dir nicht gefällt, kannst du ja wieder aufhören“, versuchte sie ihn sanft zu überzeugen. Erst da kam er auf den Gedanken zu fragen, in welcher Fabrik denn sein Sohn arbeite. „Ist es nun die Seifenfabrik oder die Milchpulverfabrik?“ „Das darf doch wohl nicht wahr sein. Weißt du etwa nicht, in welcher Fabrik dein Sohn arbeitet?“
„Na, die werden doch gerade erst gebaut“, sagte Tin Mi mit einer Miene, als ob sie ein unartiges Kind erziehen müsse.
„Komm heute mit mir mit. Dann siehst du wenigstens mal unseren Betelstand. Unser Dorf ist jetzt zur Stadt geworden. Pyi-gyi Dagun, „Chinas Vorhut“ oder so.
Tin Mi nahm ihn wie ein kleines Kind an der Hand und zog ihn hinter sich her. Als sie vor das Dorf kamen, traute er seinen Augen kaum – da wurden Fabriken neu gebaut und große Asphaltstraßen angelegt. Tin Mi und ihre zwei Töchter hatten am Straßenrand einen Betelstand aufgemacht. Außerdem vermieteten sie auch noch Zetau’spielbretter zu einem Kyat pro Runde an die Jugendlichen. Damit kamen jeden Tag zusätzlich vierzig, fünfzig Kyat zusammen. Neben ihrem Stand war einer, der geflochtene Bambuswände verkauft, auf der anderen Seite ein Le’pe’yei-hsain, ein Stand mit frittierten Snacks, ein Fahrradreparateur, ein Stand, der Moun-hinga verkaufte …
„Das ganze Dorf ist ja hier, alle sind Händler geworden!“ Aung Thein musste laut lachen. In den reißenden Strom war ein Tröpfchen gefallen und wurde mitgerissen. Währenddessen kam sein Ältester auf dem Sozius eines Motorrades angefahren. Der hellhäutige Fahrer wird wohl der Chef der Fabrik sein, in der sein Sohn arbeitete, dachte Aung Thein.
„Vater, das ist unser Boss. Boss, das ist mein Vater. Er wäre ein guter Nachtwächter für die Fabrik.“
Der Chef lächelte, so dass sich seine Schlitzaugen fast schlossen, und grüßte mit deutlich chinesischem Akzent.
„Sehl gut, Sehl gut. Wenn du loyal, wilst du bei mil gut haben.“ Aung Thein wusste nicht, was er sagen sollte. Er lächelte, um zu verbergen, wie schmerzhaft der Stich war, den er in seiner Brust spürte. Erst als der chinesische Gast weg war, wandte er sich an seinen Sohn:

„Als was arbeitest du denn in seiner Fabrik?“ – „Oh, als Bürokraft natürlich, Vater. Er kann nicht gut Myanmarisch schreiben. Als die zuerst hierher kamen, um die Fabrik zu bauen, kannten die hier ja kaum jemand. Ich habe ihnen dann  da ein bisschen geholfen und dafür das ein oder andere Taschengeld bekommen. So haben sie mich dann schließlich eingestellt.“
Sein Sohn wollte sich auf den Heimweg machen, um zu Mittag zu essen. Aber Aung Thein hatte noch Fragen.
„Sein Name Bo’, heißt das sowas wie Ball? Einer, der, wenn man kräftig draufhaut, noch höher springt als vorher, noch reicher wird?“ „Ach Vater, mit der Zeit wirst du schon auch noch zum Stadtmenschen werden. „Boss“ ist englisch und heißt „Arbeitgeber“. Dabei ist der noch nicht mal der richtige Boss. Der richtige kommt nur manchmal in seinem Wägelchen mit dunkel getönten Scheiben. Und der spricht noch schlechter Myanmar. Da würdest du gar nichts mehr verstehen, Vater.“ Wie betäubt starrte er seinem Sohn hinterher. Tin Mi sah ihn ahnungsvoll an.
„Also, als Nachtwächter zu arbeiten, ist überhaupt nicht anstrengend. Du machst das doch, oder?“ stammelte sie. Schweren Herzens nickte er.

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