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"Traum auf einer Hängebrücke" von Ju

 

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Obwohl in meinen Träumen von der Stadt neben meinem Liebsten auch ihre Gesichter vorkommen, sind sie nie sehr deutlich. Ich erinnere mich nur noch daran, dass im Traum die glänzenden Metallhelme sich alle an einem Ort sammeln, in den sie sich hineindrängen. Und dieser Ort ist eine Grube.
Manchmal waren meine Familie und ich wieder in der Zeit von Thakhin Bo Hla Gyi, der die Erdölarbeiter in den Streik gegen die britischen Kolonialherren geführt hatte. In einer kleinen, krummen Hütte saßen wir dicht um ein Feuer gedrängt, weil es so kalt war. Meine kleinen Schwestern lernten im Schein des Herdfeuers. Sicher würde meine häufig an Husten leidende Mutter wie ich nachts zwischendurch aufwachen. Wenn ich nachts aufwachte, war immer ihr Husten zu hören, nahe bei mir, oder weiter weg.
Wenn ich aus der Ferne meine Mutter herbeisehnte, war mir, als ob ich das Feuerzeug ein-zweimal klicken hörte. Dann erschien mir das Bild meiner betagten Mutter, wie sie auf dem Bauch liegend, auf die Ellbogen gestützt, eine Zigarre der Marke „May Hla Shin“ paffte.
Mutter, die immer, wenn ihre Kinder sie baten, nicht so viel zu rauchen, heiter mit „Ja, ja…“ zuzustimmen pflegte, wird bestimmt über mich, ihre viele Meilen entfernte Tochter, nachdenken, während sie nachts den gedämpften Geräuschen der Stadt lauscht.
Einige Städte sinken nachts still in tiefen Schlaf. Aber unsere Stadt ist auch nachts mit leisen Geräuschen immer in sachter Bewegung. Man hört die Geräusche der Maschinen, der Fahrzeuge, die Gerätschaften und Ersatzteile transportieren, der Lastwagen, die zur Zeit des Schichtwechsels die Arbeiter nach Hause bringen, die Stimmen der auf den Bohrtürmen arbeitenden Arbeiter, die sich gegenseitig etwas zurufen, die Geräusche der Förderpumpen an den Ölquellen, man hört das Klappern der Webstühle aus der Textilfabrik oder die Geräusche der Generatoren aus dem städtischen Elektrizitätswerk, die Maschinen der Reparaturwerkstätten, Rufen und Laufen aus den verschiedenen Sperrbezirken, oder manchmal auch vom Ufer des Ayeyarwady her die Signalhörner abfahrender Öltanker. Obwohl wir Einwohner der Stadt schlimme Nachrichten von der Explosion einer Ölquelle oder über von den Bohrtürmen gestürzte Arbeiter oft zu hören bekamen, waren wir jedesmal untröstlich betroffen, wenn jemand sein Leben verloren hatte.

Eine weitere Art von Grauen hing mit den Autos zusammen. Während es in anderen Städten weit öfter zu Zusammenstößen zwischen zwei Autos oder mit Personen kommt, sind in unserer Stadt Fälle, in denen ein Fahrzeug abstürzt und sich überschlägt, sehr häufig. Wie es auf abschüssiger Strecke vorkommt, dass einem Wagen die Bremsen versagen und er den vor ihm liegenden Abhang herunterstürzt, passiert es ebenso oft, dass der Motor an der Steigung ausgeht und das Fahrzeug rückwärts in den Abgrund rollt. Oder sie prallen an einer der steilen Kurven auf und überschlagen sich seitlich. Wo auch immer sie abstürzen – was hinterher geborgen wird, kann man nicht einmal mehr Fahrzeug nennen – Räder, Karosserie, alles auseinandergerissen. Die Brücke, die die beiden gegenüberliegenden Abhänge miteinander verbindet, ist Teil der Hauptstraßen der Stadt. Das Tal unter der Brücke ist gefüllt mit kleinen Häusern. Eines Tages – es mag vielleicht fünf Jahre her sein – saß in einem dieser Häuser eine Familie am Esstisch. Ein Fahrzeug rollte zurück und stürzte ab. Was für ein grauenhaftes, schreckliches Ereignis wie in einem Alptraum: Die ganze Familie wurde von dem herabstürzenden Auto erschlagen und bis zur Unkenntlichkeit zermalmt.
Unvorstellbar. Wenn man sieht, wie heute die Leute wieder sorglos in ihren Häuschen unter der Brücke leben, können einem schon Zweifel kommen. Die Kraft, vor der Gefahr die Augen fest zu verschließen, scheint eine besondere Eigenschaft der Menschen aus dieser Stadt zu sein.

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