"Traum auf einer Hängebrücke" von Ju

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„Liebe Schwester Win, wenn du uns das nächste Mal besuchst, bring uns bitte das Buch ‚Eine Nacht im Sommer’ mit, ja?“, schrieben sie. Die Häuser in meinem Traum sehen aus wie vor zwanzig Jahren. Auf der sandigen Fläche in der Mitte der Stadt gibt es einen Flohmarkt und abends einen Nachtmarkt. Ein kleines Mädchen in einem roten Kleid zieht seine Mutter an der Hand zu den Süßigkeitenständen hin und zeigt mit dem Finger auf verschiedene Leckereien, um die es seine Mutter anbettelt. Die Kinder, die dort rutschen und auf der Wippe spielen, sind meine Geschwister und ich.
Die Samstagspagode am Südwestende der Stadt sieht so aus wie früher. Von klein auf bin ich oft zu dieser nahe unserem Haus gelegenen Pagode hinaufgestiegen, weil es so schön war von dort oben aus über die ganze Stadt hinweg zu sehen. Wenn der Wasserstand anstieg, waren beim Anleger am Ufer unterhalb der Pagode viele Motorkähne, kleine Boote, Arbeiter, die die Kähne be- und entluden sowie einige Reisende zu sehen. Als Kind freute ich mich, ihre Gesichter zu sehen, auch wenn ich sie nicht kannte.

 

Als in meinen Traum der Geruch der hübschen Niemblüten eindringen, die damals, als ich Schülerin war, so geduftet hatten, war ich immer noch wie benebelt. Das Schulgebäude ist noch nicht, wie heute, aus Ziegeln, sondern aus Holzbalken und Bambusmatten gebaut und verströmt einen intensiven Holzgeruch. Dieser Klassenraum ist der der Klasse 9G, an die ich oft zurückdenke. In meiner ganzen Schulzeit war das Jahr in dieser Klasse die schönste Zeit. In meinem Traum gilt unser Raum auch wieder als „Klassenzimmer der unartigen Jugend“. In Wirklichkeit besteht die Schuld unserer Klasse wohl darin, dass sie zu fröhlich ist. Schule schwänzen, den Klassenraum während des Unterrichts heimlich durch ein Fenster verlassen, auf die Niembäume in der Umgebung klettern, heimlich während des Unterrichtes essen und dass die ganze Klasse regelmäßig vergisst, die Mathematikaufgaben zu machen – das sind die fröhlichen Ungezogenheiten, deren die Neuntklässler sich schuldig machen.
Die Frische dieses unschuldigen Alters, in dem wir gar keine Zeit hatten, gegenseitig auf unsere Bildung, Besitztümer, Eltern oder unsere Kleidung neidisch zu sein, weil wir zu sehr damit beschäftigt waren, von den Lehrern unbemerkt Liedtexte voneinander abzuschreiben oder heimlich Süßigkeiten zu essen, vermisse ich heute. Die liebenswerten Neuntklässler von damals sind heute vielleicht gar nicht mehr in der Stadt.
Nur in meinem Traum funkeln die silbern angestrichenen Metallkessel auf unserem Berg. Die durcheinander über die Berge verlaufenden Ölpipelines und die eindrucksvoll hohen Bohrtürme sind auch ständig Teil meiner Träume. Das protzig am Südrand der Stadt liegende große Gebäude ist das College, das ich nicht mehr besuchen konnte.

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