Ein Pastor im Doppeldeckerbus
Im Mittelpunkt steht Michel Malcin, der 16 Jahre als evangelischer Pastor tätig war, bevor ihn ein Burn-out ausbremste. Anstatt zurück in die gewohnte Laufbahn zu gehen, entscheidet er sich für einen ungewöhnlichen Schritt: Er erwirbt einen Berliner Doppeldeckerbus von 1959 und baut ihn zum Café auf Rädern um. Unter dem Motto „Love. Peace. Coffee.“ entsteht ein Projekt, das Begegnung in den Mittelpunkt rückt.
Die zweite Stimme des Buches ist Helene Volkensfeld, eine Grundschullehrerin aus Mainz, die den Bus zunächst als Gast betritt und wenig später als Mitautorin und Begleiterin bleibt. Auch sie bringt Erfahrungen von Überlastung mit. Gemeinsam dokumentieren Malcin und Volkensfeld den Weg entlang des Jakobswegs – weniger in Kilometern, sondern in Begegnungen.
Reisealltag zwischen Panne und Begegnung
Das Buch zeichnet ein Bild des mobilen Lebens: Reparaturen, organisatorische Schwierigkeiten, Regenstürme und bürokratische Hürden gehören ebenso dazu wie Gespräche mit Fremden, gemeinsame Mahlzeiten oder stille Momente. Gerade diese Mischung verleiht der Erzählung Glaubwürdigkeit. Die Stationen in Frankreich und Spanien – vom Eiffelturm bis zu entlegenen Orten des Jakobswegs – bilden den geografischen Rahmen, sind aber nie Selbstzweck. Entscheidend sind die Menschen, die in den Bus kommen, ihre Geschichten erzählen und Teil der Chronik werden.
Dass das Projekt „Doppellecker“ auch in der Öffentlichkeit Beachtung fand, unter anderem durch eine ARD-Dokumentation, zeigt: Die Verbindung von persönlicher Krise, alternativer Lebensgestaltung und ungewöhnlichem Reiserahmen hat Resonanz weit über das Private hinaus.
Gestaltung und multimediales Konzept
Das Gütersloher Verlagshaus hat das Werk durchgehend vierfarbig ausgestattet. Zahlreiche Fotografien – teils künstlerisch verfremdet – begleiten den Text. Ergänzt wird die Lektüre durch QR-Codes, die zu Musikstücken, Videos und Audioaufnahmen führen. Damit wird das Buch zu einem multimedialen Produkt, das Print und digitale Inhalte eng verknüpft. Für Leser eröffnet sich so eine Erfahrung, die über das reine Lesen hinausgeht.
Einordnung im Literatur- und Gesellschaftskontext
„Abgefahren“ bewegt sich zwischen autobiografischer Reportage und Reiseliteratur. Es bietet keine touristischen Informationen im engeren Sinne, sondern dokumentiert einen Neuanfang, der aus einer persönlichen Krise herausführt. Damit steht das Buch auch im gesellschaftlichen Kontext einer Zeit, in der Burn-out, Überlastung und die Suche nach alternativen Lebenswegen prägend sind. Es reiht sich ein in eine Reihe von Erzählungen, die das Reisen nicht als Konsum, sondern als Lebensform verstehen.
Einladung zum Aufbruch
Das Besondere an „Abgefahren“ ist nicht die Route, sondern die Haltung: Die Bereitschaft, bekannte Wege zu verlassen, und die Offenheit, unterwegs auf Menschen und ihre Geschichten einzugehen. Wer sich für biografisch geprägte Reiseliteratur interessiert, die nicht nur beschreibt, sondern Fragen stellt, findet hier ein Beispiel für eine gelungene Verbindung von persönlichem Bericht, spiritueller Dimension und experimentellem Buchformat.
Michel Malcin, Helene Volkensfeld, Abgefahren. Vom Mut, aufzubrechen und anzufangen: Geschichten aus dem Café-Bus, 352 Seiten broschiert, 22€
