Hampton Sides über James Cooks Tragödie
Sides konzentriert sich auf die Jahre 1776 bis 1779, die dritte Pazifikexpedition, an deren Ende Cook in der Kealakekua-Bucht auf Hawaii getötet wird. Sichtbar wird dabei weniger das Scheitern einer einzelnen Mission als das Ende eines Denkmodells: der Glaube, die Welt lasse sich mit Vernunft, Disziplin und Kartografie dauerhaft ordnen.
Der klinische Blick: Die Veränderung des Kapitäns
Im Zentrum von Sides’ Analyse steht die Frage, warum der einst für vergleichsweise humane Führungsprinzipien bekannte Kapitän auf seiner letzten Reise zu drakonischen Strafen, impulsiven Entscheidungen und offener Gewalt neigt. Der Autor nähert sich dieser Frage nicht moralisch, sondern analytisch.
Er stützt sich auf zeitgenössische Berichte ebenso wie auf moderne medizinische Deutungen. Im Fokus stehen Hinweise auf eine chronische Magen-Darm-Erkrankung Cooks – vermutlich ein massiver Parasitenbefall – sowie die Folgen eines daraus resultierenden Vitamin-B-Mangels. Dieser körperliche Verfall ist bei Sides kein beiläufiges Detail, sondern ein handlungsbestimmender Faktor.
So erklärt sich nicht nur Cooks zunehmende Gereiztheit, sondern auch die wachsende Distanz zwischen ihm und seinen Offizieren. In den Bordtagebüchern von James King und Charles Clerke treten Zweifel an Cooks Urteilsfähigkeit immer deutlicher hervor – zunächst vorsichtig, später kaum noch verhohlen.
Die Arktis-Illusion und der kartografische Zwang
Ein weiterer Schwerpunkt des Buches liegt auf der vergeblichen Suche nach der Nordwestpassage. Sides schildert detailliert, wie Cook die Resolution und die Discovery durch die gefährlichen Gewässer der Beringstraße steuert – angetrieben von einem nahezu obsessiven Vermessungsdrang.
Der Kontrast zwischen dem Ordnungsanspruch der Royal Society und der Realität des Packeises bildet hier den analytischen Kern. Die exakte Kartierung der Küsten Alaskas und Russlands erscheint nicht als wissenschaftlicher Triumph, sondern als Ausdruck eines Zwangs, der rationale Risikoabwägung zunehmend verdrängt. Mehrfach wird deutlich, dass Offiziere das Vorgehen ihres Kapitäns als lebensgefährlich und sinnlos empfanden.
Hawaii: Ritual, Ordnung und Eskalation
Der stärkste Teil des Buches ist Sides’ Rekonstruktion der Ereignisse auf Hawaii. Er löst sich konsequent vom vereinfachten Narrativ, Cook sei als Gott Lono verehrt worden und später einem tragischen Missverständnis zum Opfer gefallen.
Stattdessen zeigt Sides, dass Cook zwar in bestehende rituelle Deutungsmuster eingeordnet wurde, seine unerwartete Rückkehr nach nur wenigen Tagen – verursacht durch einen Mastbruch der Resolution – jedoch als schwerer Bruch der kosmischen Ordnung des Makahiki-Festes galt. Damit war die zuvor gewährte Sonderstellung entwertet.
Die Eskalation ergibt sich aus einer klar nachvollziehbaren Abfolge von Provokationen:
- Respektlosigkeit: Zweckentfremdung eines heiligen Zauns als Brennholz
- Entmystifizierung: Tod des Seemanns William Watman, der die Sterblichkeit der Europäer offenbarte
- Kulmination: Cooks Versuch, den greisen König Kalaniʻōpuʻu als Geisel zu nehmen, um ein gestohlenes Beiboot zurückzuerhalten
Sides macht deutlich, dass Cooks Tod weder zufällig noch unvermeidlich war, sondern das Resultat einer bewussten Entscheidung der Hawaiianer, ihre soziale Ordnung gegen einen zunehmend unberechenbaren Eindringling zu verteidigen.
Quellentechnische Tiefe und Perspektivwechsel
Die besondere Stärke des Buches liegt in der Erweiterung der Quellenbasis. Sides beschränkt sich nicht auf britische Logbücher, sondern integriert indigene Überlieferungen, insbesondere die Schriften des hawaiianischen Historikers Samuel Kamakau.
Dieser Perspektivwechsel verleiht der Darstellung ihre analytische Schärfe. Die Gewalt in der Kealakekua-Bucht erscheint nicht als tragisches Missverständnis, sondern als historisch nachvollziehbare Handlung innerhalb eines eigenständigen politischen und kulturellen Systems.
Bibliografische Angaben
- Autor: Hampton Sides
- Titel: Cooks letzte Reise
- Originaltitel: The Wide Wide Sea
- Übersetzung: aus dem amerikanischen Englisch von Rudolf Mast
- Verlag: Mare Verlag
- Erscheinung: Februar 2026
- Umfang: 512 Seiten, gebunden
- ISBN: 978-3-86648-756-7
- Preis: 32,00 €
Einordnung für reisebuch.de
Cooks letzte Reise ist keine Abenteuergeschichte, sondern eine nüchterne, quellennahe Analyse über das Scheitern einer Expedition und eines Weltbildes. Hampton Sides zeigt, wie körperliche Erschöpfung, kulturelle Ignoranz und koloniale Machtlogik eine wissenschaftlich motivierte Reise in eine historische Katastrophe verwandelten.
