
Der Titel klingt vielversprechend, die ersten Seiten lesen sich ebenso flüssig. Kein Wunder bei diesem Thema – und bei diesem Autor schon gar nicht.
Jaroslav Rudiš schreibt mit einer Mischung aus Nähe und Leichtigkeit, oft beinahe lyrisch, aber nie abgehoben. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er – neben seiner bekannten Leidenschaft für die Eisenbahn – das Bier liebt und mit ihm eine besondere Bindung verbindet. Beim Lesen entsteht der Eindruck, Rudiš lebt und zelebriert das Bier. Reisen, Eisenbahnfahrten und Biergenuss lassen sich für ihn mühelos verknüpfen: Mit der Bahn in Bierstädte reisen, im Speisewagen ein frisch gezapftes trinken – so entstehen Geschichten, die fast von selbst ein neues Buch ergeben.
Das Werk folgt einer klaren Struktur: Nach dem Vorwort mit dem schönen Titel Das erste Bier (dessen Auflösung hier nicht verraten sei) führt Rudiš durch die Kapitel Bier in Tschechien, Bier in Österreich und auf dem Weg nach Südosteuropa, Bier im Norden und im Westen, Bier in der Schweiz, Bier in Deutschland (das umfangreichste Kapitel) sowie als Nachwort Das letzte Bier.
Kenntnisreich nimmt er die Leser mit auf eine Reise durch einen großen Teil Europas, beginnend in seiner Heimat Tschechien. Schritt für Schritt erklärt er den Entstehungsprozess des Bieres und die Details, die Brauereien und Biertypen voneinander unterscheiden. Häufig kommen Braumeister selbst zu Wort, ergänzt durch Episoden aus der Geschichte der jeweiligen Braustätten.
Bemerkenswert ist seine diplomatische Haltung: Er vermeidet Wertungen und nennt kein Bier namentlich schlecht. Selbst beim Vergleich zwischen dem tschechischen Budweiser Budvar und dem US-amerikanischen Budweiser bleibt er höflich. Auf Seite 49 heißt es dazu lediglich: „Es war … Wie soll ich es sagen? Einfach anders. ‚Wenn es jemand mag, soll er es trinken‘, würde mein Vater sagen.“
Jede Brauerei, die er besucht, wird von einer kleinen Geschichte begleitet. Daraus entsteht keine trockene Auflistung, sondern eine vergnügliche Erzählung von Stadt zu Stadt, durchzogen von persönlichen Beobachtungen und einer Fantasie, die viele tschechische Autoren auszeichnet. Natürlich erhebt das Buch keinen Anspruch auf Vollständigkeit – manche bekannte Brauerei, etwa Krušovice oder die slowakische Pivovar Šariš mit ihrem Exportbier Smädný Mních, fehlt. Aber das schmälert den Lesegenuss nicht. Vielleicht hebt er sich diese für einen zweiten Band auf.
Viele Biere werden liebevoll beschrieben, ihre Besonderheiten hervorgehoben. Kritik bleibt zurückhaltend, denn Geschmack ist Geschmackssache. Reichlich geboten wird dagegen Hintergrundwissen, Anekdoten und Empfehlungen für Wirtshäuser und Lokale. Das Buch ist kein Reiseführer im klassischen Sinn, aber ein echter Lustmacher – und das wiegt in einer oft übersättigten Zeit umso schwerer. Man möchte sofort die nächste Reise nach Franken oder nach Pilsen planen.
Literarische Bezüge durchziehen das Werk: In Tschechien zu Kafka und Hašek (Der brave Soldat Schwejk), in Bayreuth zu Jean Paul. Solche Einflechtungen verleihen den Kapiteln zusätzliche Tiefe.
Ein Index fehlt zwar, doch das stört kaum. Schließlich ist es keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern eine poetische Annäherung. Im Zweifel blättert man einfach im Kapitel Ein Bier in XX noch einmal nach – und stößt dabei auf weitere lesenswerte Passagen.
Selten liest man ein derart vergnügliches Buch über ein Lebensmittel, das nebenbei auch noch Wissen vermittelt. Es macht Lust, alte Bierstädte wieder aufzusuchen, Rudiš’ Kneipenempfehlungen zu testen – und vielleicht selbst die nächste Bahnreise in Richtung einer Brauerei zu unternehmen.
Mögen die Bierheiligen Jaroslav Rudiš die ewige Leber verleihen!
Jürgen G. Marzi
Jaroslav Rudiš – Gebrauchsanweisung für Bier. Poetische Liebeserklärung an den goldenen Gerstensaft, Piper, 2025, Tb 256 Seiten, 16 €