40 Streifzüge durch die coolsten Metropolen
Lonely Planet Deutschland / MAIRDUMONT
288 Seiten | Hardcover | Format 20,7 × 26,7 cm | 2. Auflage Oktober 2024 | 29,95 € | ISBN 978-3-575-01082-7

Zwischen Entdeckerlust und Serienformat
Das Konzept funktioniert auf den ersten Blick erstaunlich gut: Filmkulissen in Venedig, Wasserwelten in Tallinn, Zukunftsarchitektur in Rotterdam oder Subkultur und Techno in Tiflis. Der Band versucht bewusst, Städte nicht über Sehenswürdigkeiten zu definieren, sondern über Perspektiven und narrative Zugänge. Das ist mehr als bloß eine kosmetische Modernisierung klassischer Reiseführerlogik. Tatsächlich entsteht dadurch stellenweise ein deutlich zeitgemäßeres Reiseverständnis: weniger „abhaken“, mehr entdecken.
Allerdings zeigt sich relativ schnell auch die strukturelle Grenze dieses Ansatzes.
Das Format: inspirierend, aber zwangsläufig oberflächlich
Das Buch gliedert sich in vier geografische Kapitel:
- Nordeuropa
- West- und Südeuropa
- Südosteuropa
- Osteuropa
Jede Stadt erhält exakt sechs Seiten. Hinzu kommen kompakte Wegweiser mit Angaben zu Reisedauer, Anreise, bester Reisezeit und Unterkunft sowie die Rubrik „Was noch“, die weitere Ideen für Ausflüge oder Stadtviertel liefert.
Genau hier liegt die Achillesferse des gesamten Projekts. Sechs Seiten reichen für atmosphärische Verdichtung — nicht jedoch für echte Orientierung. Für Städte wie Sarajevo, Vilnius oder Thessaloniki entsteht dadurch eher ein feuilletonistischer Eindruck als ein belastbarer Reisezugang. Wer konkret buchen oder planen möchte, wird zusätzliche Quellen benötigen.
Das muss kein Mangel sein. Problematisch wird es erst dann, wenn Inspirationsband und praktischer Reiseführer optisch fast identisch auftreten. Genau hier bewegt sich der Band in einer gewissen Grauzone des modernen Reisebuchmarktes: schön produziert, hochwertig bebildert, emotional aufgeladen — aber funktional begrenzt.
Positiv hervorzuheben ist dagegen die konsequente Betonung nachhaltiger Anreiseformen. Bahn- und Busverbindungen werden selbstverständlich mitgedacht. Das ist in der Kategorie großformatiger Städtereisen-Bücher noch keineswegs Standard.
Die Städteauswahl: angenehm mutig — und teilweise erstaunlich lückenhaft
Die Redaktion vermeidet erfreulicherweise die reine Postkartenlogik. Neben etablierten Destinationen wie Paris oder Venedig finden sich weniger offensichtliche Ziele wie:
- Sarajevo
- San Sebastián
- Vilnius
- Tiflis
Gerade die Aufnahme von Tiflis verdient Anerkennung. Die georgische Hauptstadt entwickelt sich seit Jahren zu einem der interessantesten urbanen Kultur- und Nachtlebensräume Europas, wird im deutschsprachigen Reisebuchmarkt aber noch immer vergleichsweise randständig behandelt.
Umso auffälliger wirken manche Auslassungen. Amsterdam fehlt komplett. Ebenso Oslo, Athen und vor allem Istanbul — eine der prägendsten Metropolen zwischen Europa und Asien. Alle nicht „cool“ genug für einen „legendären Citytrip“?
Natürlich lässt sich argumentieren, dass gerade diese Städte (wie übrigens auch andere der hier vorgestellten) bereits umfassend dokumentiert sind. Dennoch hätte dem Band eine kurze editoriale Erläuterung der Auswahlkriterien gutgetan. Ohne sie wirkt die Zusammenstellung stellenweise inspirierend mutig, an anderer Stelle jedoch beinahe zufällig.
Hier die Übersicht sämtlicher vorgestellter „cooler Destinationen“:
| Region | Städte |
|---|---|
| Nordeuropa | Reykjavík, Helsinki, Stockholm, Kopenhagen, Tallinn, Riga, Vilnius |
| West- und Südeuropa | Berlin, Brüssel, Wien, Madrid, Glasgow, San Sebastián, Venedig, Bordeaux, Lissabon, Rotterdam, Zürich, London, Rom, Belfast, Valletta, Luxemburg, Paris |
| Südosteuropa | Teheran, Sofia, Thessaloniki, Prizren, Skopje, Istanbul, Zagreb, Sarajevo, Bukarest |
| Osteuropa | Warschau, Brünn, Tiflis |
| Donau-/Mitteleuropa | Budapest, Bratislava, Ljubljana, Danzig |
Das klassische Problem großer Gemeinschaftsproduktionen
An dem Band arbeiten insgesamt 23 Autoren mit — darunter erfahrene Reisejournalisten aus renommierten Medienumfeldern. Genau daraus entsteht jedoch eine gewisse Uneinheitlichkeit.
Einige Kapitel entwickeln echten erzählerischen Sog und vermitteln spürbare Ortskenntnis. Andere bleiben auffallend routiniert und wirken eher wie professionell abgearbeitete Magazinaufträge. Der Band hätte von einer stärkeren redaktionellen Klammer profitiert — stilistisch ebenso wie dramaturgisch.
Das Problem ist nicht ungewöhnlich. Gerade bei groß angelegten Reiseanthologien gehört es fast zum System. Dennoch fällt es hier stärker auf, weil das Buch emotional aufgeladen wird: „legendär“ ist schließlich ein großes Versprechen.
Die Marke „Legendär“ als Serienmechanik
Der Begriff „legendär“ ist inzwischen weniger Qualitätsurteil als Serienarchitektur. Unter demselben Label erscheinen mittlerweile:
- Wanderrouten
- Roadtrips
- Zugreisen
- Van-Trips
- Radtouren
- Schiffsreisen
Damit verändert sich zwangsläufig auch der Charakter der Marke. Der frühe Entdeckergeist des klassischen Lonely Planet — kleine Teams, improvisierte Recherche, unmittelbare Erfahrung — ist längst einem hochprofessionellen Inspirationsprodukt gewichen.
Das muss man nicht nostalgisch beklagen. Aber man sollte es einordnen. Dieses Buch ist kein Gegenentwurf zum modernen Reisebuchmarkt, sondern ein aktuell sehr typisches Produkt desselben: hochwertig produziert, emotional zugänglich, stark visuell gedacht und darauf ausgelegt, Fernweh effizient zu erzeugen.
Bildsprache und Ausstattung
Die visuelle Gestaltung bewegt sich auf professionellem Niveau. Die Fotografien sind atmosphärisch, aktuell und sauber redigiert. Große Panoramen wechseln mit Detailaufnahmen und urbanen Szenen.
Was allerdings weitgehend fehlt, ist fotografische Eigenständigkeit. Seltene Perspektiven oder wirklich überraschende Bildideen sucht man eher vergeblich. Das Buch illustriert hervorragend — entdeckt aber visuell nur selten Neuland.
Das großzügige Hardcover-Format funktioniert dagegen sehr gut. Der Band eignet sich gleichermaßen als Inspirationslektüre auf dem Wohnzimmertisch wie als Geschenk für urbane Reisende.
Einordnung für Reisebuch.de-Leser
Für Leser von reisebuch.de liegt die eigentliche Stärke des Bandes weniger in den klassischen Westeuropa-Zielen als vielmehr in den osteuropäischen und südosteuropäischen Kapiteln. Gerade Städte wie Sarajevo, Vilnius oder Tiflis werden im deutschsprachigen Mainstream-Reisemarkt noch immer vergleichsweise unterrepräsentiert behandelt.
Hier liefert das Buch tatsächlich einen gelungenen ersten Zugang — atmosphärisch, modern und mit erkennbarer Lust auf urbane Entdeckung jenseits der üblichen Europa-Klassiker.
Das Wichtigste im Überblick
| Bereich | Einschätzung |
|---|---|
| Konzept | Thematische Citytrips statt klassischer Sehenswürdigkeiten |
| Stärke | Inspirierende Perspektiven auf bekannte und unbekanntere Städte |
| Schwäche | Sehr begrenzte Tiefe durch nur sechs Seiten pro Stadt |
| Besonders gelungen | Osteuropa- und Balkan-Kapitel |
| Weniger überzeugend | Uneinheitlicher Stil durch viele Autoren |
| Zielgruppe | Reisende auf Ideensuche |
| Weniger geeignet für | Konkrete Reiseplanung |
Bewertung
3,5 von 5 Sternen
Geeignet für
- Leser mit Lust auf urbane Inspiration
- Coffeetable-Reisebuch-Fans
- Europa-Reisende mit Interesse an weniger offensichtlichen Städten
- Bahn- und Slow-Travel-orientierte Städtereisen
Weniger geeignet für
- Reisende mit konkretem Planungsbedarf
- Leser, die tiefgehende Städteanalysen erwarten
- Nutzer klassischer praktischer Reiseführer mit hoher Detailtiefe
