Kai Born | Reisebuch Verlag 2026 | 242 Seiten | ISBN 978-3-947334-84-1
Bewertung: ★★★★★ (5 von 5)

Weit weg vom Camino-Rummel
„Wandern wie Gott in Frankreich“ ist dabei kein klassischer Wanderführer mit Etappenprofilen, Höhenmetern und Unterkunftslisten. Es ist ein persönliches Reisebuch über das lange Gehen, über Frankreich abseits der touristischen Hauptachsen und über die besonderen Begegnungen, die auf stilleren Wegen möglich werden. Gerade darin liegt seine Stärke: Born protokolliert nicht nur, er erzählt.
Vier Routen durch ein anderes Frankreich
Das Buch gliedert sich in vier große Teile.
Die Via Gebennensis führt von Genf nach Le Puy-en-Velay, rund 350 Kilometer in 14 Tagen. Für viele deutsche Leser dürfte diese Strecke echtes Neuland sein: Hochsavoyen, Rhône-Tal, Auvergne, kleine Orte, einfache Unterkünfte, wenig Pilgerbetrieb.
Es folgt der von Born so bezeichnete Jakobsweg ohne Namen von Strasbourg nach Le Puy-en-Velay. Diese Route durch Elsass, Burgund und Zentralmassiv ist mit rund 830 Kilometern und 34 Wandertagen die längste im Buch – und vielleicht die ungewöhnlichste. Sie führt durch Gegenden, die man touristisch kennt, aber selten als zusammenhängende Pilgerlandschaft wahrnimmt.
Die Via Podiensis von Le Puy-en-Velay nach Saint-Jean-Pied-de-Port bildet anschließend den bekanntesten Abschnitt des französischen Jakobswegenetzes. Hier verdichtet sich das Pilgergefühl.
Den Abschluss bildet die Via Tolosana von Arles nach Toulouse, 440 Kilometer in 18 Wandertagen, mit besonders schönen Passagen in den südlichen Cevennen sowie entlang der Rigole zum Canal du Midi.
Zusammen ergeben diese vier Wege eine eindrucksvolle, gut lesbare Gesamtschau der französischen Jakobsweg-Landschaft. Das Buch zeigt unser Nachbarland nicht als dekorative Kulisse, sondern als Wanderraum mit regionalen Eigenheiten, langen Distanzen, Gastfreundschaft und gelegentlicher Zumutung.
Tipp: Das E-Book enthält als Bonus noch lohnende Wanderungen auf dem Schweizer Jakobsweg!
Persönlich, selbstironisch, genau beobachtet
Borns Ton ist entschieden persönlich, aber nie selbstverliebt. Er schreibt wie jemand, der erzählen kann, ohne sich dauernd in den Vordergrund zu drängen. Selbstironische Passagen – etwa die Rückblicke auf frühe Wandererfahrungen zwischen Bullenkoppel, Müritz-Tour und verpasster Jugendherberge – wirken nicht wie bloßes Beiwerk. Sie erklären, warum dieser Autor überhaupt unterwegs ist, was ihn am Gehen interessiert und weshalb seine Frankreich-Wanderungen mehr sind als sportliche Etappenleistungen.
Besonders überzeugend sind die Begegnungen. Jean-Marie und Raymond aus Lyon, die abends mit beinahe wissenschaftlichem Ernst den Wein verkosten; Cornelia alias „Speedy Bonsai“, deren Gesang in einer Dorfkirche plötzlich eine ganze Szene verwandelt; die resolute Martine, die nach langer Wartezeit zunächst schimpft und dann eines der schönsten Zimmer des Weges vermietet – solche Figuren tragen das Buch. Sie sind keine dekorativen Anekdoten, sondern zeigen, was auf wenig frequentierten Wegen möglich ist: Offenheit, Überraschung, Nähe auf Zeit.
Gerade weil Born nicht jeden Moment überhöht, bleiben diese Szenen glaubwürdig. Das Buch romantisiert das Pilgern nicht. Es kennt müde Beine, organisatorische Unsicherheiten, unspektakuläre Orte und die gelegentliche Frage, warum man sich das alles eigentlich antut. Aber es zeigt auch, warum man am nächsten Morgen trotzdem weitergeht.
Frankreich mit Tiefgang
Wandern wie Gott in Frankreich ist auch ein Buch über das Verhältnis eines deutschen Reisenden zu Frankreich. Born blickt auf frühe Frankreich-Erfahrungen seit den späten 1970er-Jahren zurück, reflektiert seine Sprachbiografie zwischen Volkshochschulkurs und Sprachaufenthalt in Aix-en-Provence und beobachtet aufmerksam, wie sich die deutsch-französische Wahrnehmung über die Jahrzehnte verändert hat.
Kulinarik spielt dabei eine wichtige Rolle, aber nicht im üblichen Genussprospekt-Ton. Born interessiert sich für die Sorgfalt, mit der selbst einfache Mahlzeiten in Gîtes zubereitet werden, für gemeinsame Abende und lokale Gewohnheiten. Frankreich erscheint hier nicht als Schlaraffenland, sondern als Land, in dem Essen, Gespräch und Gastlichkeit oft noch eine an vielen Orten erlebbare soziale Funktion haben.
Auch das meditative Moment des langen Wanderns beschreibt Born überzeugend. Die innere Ruhe, die sich nach Stunden auf gleichförmigen Wegen einstellen kann, wird nicht esoterisch aufgeladen. Sie entsteht aus Bewegung, Wiederholung, Landschaft und Erschöpfung. Das ist präzise beobachtet und gehört zu den stärksten Qualitäten des Buches.
Praktischer Nutzen ohne Handbuch-Ton
Das abschließende Kapitel „Nützliches“ ist mehr als eine Pflichtzugabe. Born behandelt Streckenauswahl, An- und Abreise, Unterkünfte, Ausrüstung, Kleidung, Proviant und Orientierung aus der Erfahrung des eigenen Gehens heraus. Besonders hilfreich sind die Hinweise zu unterschiedlichen Quartiertypen – von der Gîte bis zum Accueil jacquaire.
Dieser praktische Teil erhebt keinen Anspruch auf enzyklopädische Vollständigkeit. Gerade das macht ihn aber brauchbar. Er liefert keine abstrakte Checkliste, sondern verdichtete Erfahrung: Was braucht man wirklich? Was hat sich bewährt? Wo sollte man vorher genauer hinsehen? Wer eigene Wege durch Frankreich plant, wird hier verlässliche Orientierung finden, ohne von Daten und Detailtabellen erschlagen zu werden.
Für wen sich dieses Buch lohnt
Wandern wie Gott in Frankreich richtet sich an Leser, die ihren Camino-Horizont erweitern wollen. Es ist geeignet für künftige Pilger, für erfahrene Wanderer, für Frankreich-Liebhaber – und für alle, die Reisebücher schätzen, in denen Beobachtung, Erfahrung und Erzählfreude zusammenkommen. Das Buch ist ein kluger, unterhaltsamer und zugleich sehr praktischer Begleiter.
Erhältlich für 17,80 € im Buchhandel und direkt beim Reisebuch Verlag: reisebuch-verlag.de.
