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Typisch indisch!



Taj Mahal Indien © dmz-pixabay.com
Besuchermagnet Taj Mahal © dmz-pixabay.com

Was ist typisch indisch? *

Kurz nach Mitternacht stehen meine Mutter und ich in einer Schlange vor der Passkontrolle am Indira Gandhi International Airport in New Delhi. Vor uns wartet eine vierköpfige Familie. Der Vater dreht sich um und beginnt das Gespräch. Er erzählt, dass sie ursprünglich aus Indien stammen, doch mittlerweile amerikanische Staatsbürger seien. Der freundliche Mann möchte wissen, ob meine Mutter das erste Mal in Indien ist. Sie nickt. „Welcome to India, Mam, have a wonderful journey through my country“, sagt er und strahlt sie an. Meine Mutter ist entzückt von seiner herzlichen Begrüßung.

Nur wenig später schieben wir unseren beladenen Gepäcktrolley in Richtung Ausgang. Als sich die Glastüren öffnen, verlassen wir die gewohnte Hochglanzumgebung eines internationalen Flughafens und tauchen ein in eine andere Welt. Dichte, feuchtheiße Luft schlägt uns ins Gesicht, das Hupkonzert des indischen Verkehrs ertönt. Begleitet von einer Traube aus plappernden Taxidrivern, bahnen wir uns den Weg an den Straßenrand. Die Verzückung meiner Mutter weicht dem Stress. Erste Schweißperlen rinnen über unsere Gesichter. Wir wählen aus der Traube und steigen in ein Taxi: ein Kleinwagen, dessen Zustand Zweifel weckt, ob er überhaupt noch fahren kann. Für unsere Rucksäcke ist im Kofferraum kein Platz, dort liegt eine riesige Gaskartusche. Wir klettern auf die Rückbank, die Säcke auf den Beinen, das Handgepäck im Rücken. Durch das Seitenfenster sammelt meine Mutter erste Eindrücke der fremden Welt – bewaffnete Patrouillen, Rudel kläffender Hunde, hupende und buntgeschmückte Lastwagen, schlafende Obdachlose am Straßenrand, ein Elefant samt Reiter.

Wer zum ersten Mal Indien besucht, ist nicht vorbereitet. Keine Lektüre, keine Fernsehdoku vermag das Gefühl zu transportieren, wie es ist, in diesem Land aufzuschlagen, oder gar das Wissen zu vermitteln, wie man sich in Indien bewegt. Ähnlich ergeht es dem Nichtschwimmer. Auch ihm hilft keine Theorie. Nur mit dem Sprung ins Wasser wird er Schwimmen lernen.

Indien ist anders – heiß, voller Menschen, Lärm, Gerüche und Schmutz. Auf offener Straße begegnet man hier gnadenloser Armut, verstümmelten Menschen und einer maßlosen Verschmutzung. Ungewohntes für behütete europäische Augen. Hinzu kommt, dass die Armut sich hier nicht höflich zurückhält. Sie streckt sich den Touristen direkt entgegen in Form von bittenden Kinderhänden, fehlenden Gliedmaßen oder gar offenen, eitrigen Wunden.



Indien Heilige Kuh © mirkosaikov-pixabay.com
In Indien haben Kühe Vorfahrt © mirkosaikov-pixabay.com

Meine Mutter ist nach den ersten Stunden in Indien völlig erschöpft von der Flut an Reizen und entsetzt von Armut und Chaos. Eine zufällige Begegnung rettet jedoch unseren Tag und vielleicht sogar die gesamte Reise. An der Rezeption unseres Hotels „Bloomrooms“ in Delhi treffen wir zufällig den Inhaber. Er stammt aus Deutschland. „Wie schaffen Sie es nur, in diesem Land zu leben?“, fragt ihn meine Mutter ganz direkt. Der Mann lächelt, er hört diese Frage wohl nicht zum ersten Mal. „Ich kann verstehen, warum Sie das fragen“, antwortet er. „Wer es schafft, in Indien den Blick von Dreck und Armut auf den Straßen zu heben, der sieht ein wundervolles Land, voller Herzlichkeit, Farben und faszinierender Kultur.“ Seine Worte helfen beim Schwimmen lernen. Nach nur wenigen Tagen bewegt sich meine Mutter geschmeidig durch Indien, wie ein Fisch im Wasser. Sie hebt den Blick, entdeckt die Farben, genießt das Essen, bestaunt die Andersartigkeit und erfreut sich an der herzlichen Gastfreundschaft. Und trotzdem: Abends in den Hotelbetten diskutieren wir viel und kritisch über die Armut, die Unterdrückung der Frau, die Hierarchie des Kastensystems. Indiens Gesellschaft ist streitbar, wie jede Gesellschaft. Es gibt tiefdunkle Seiten in diesem Land.

Indien hat 1,3 Milliarden Einwohner, 29 Bundesstaaten und eine Fläche von über drei Millionen Quadratkilometern. Deutschland würde neun Mal hineinpassen. Landschaftlich bietet Indien alles, was das Reiseherz begehrt – Traumstrände, Palmen und Meeresrauschen in Goa, die Wüste Thar in Rajasthan, pulsierende Megastädte wie Delhi, Mumbai oder Kolkatta, Dschungel samt vielfältiger, einzigartiger Tierwelt im zentralen Indien sowie das höchste Gebirge der Welt – den Himalaya im Norden. Indien ist die größte Demokratie der Welt und eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Hier leben unzählige Religionen überwiegend friedlich zusammen. Indien ist ein Land der Superlative und in jeder Hinsicht erlebenswert. Der Hinduismus, dem die meisten Inder angehören, ist eine ausdrucksstarke Religion mit unzähligen Göttern, ebenso vielen Festen und noch viel mehr Ritualen, die in ihrer farbenprächtigen Ausübung einen Augenschmaus für Touristen bieten. Die indische Küche eröffnet eine einzigartige Geschmackswelt, die es wie kaum eine andere Küche auf der Welt versteht, Gewürze miteinander zu kombinieren.



Am Ganges © balouriarajesh-pixabay.com
Der Ganges ist Indiens Lebensader ©balouriarajesh-pixabay.com

Indien beherbergt zahlreiche Weltkultur und -naturerbe, Tempel, Paläste, das Ganges-Flussdelta sowie eine kaum fassbare Vielfalt an Menschen, Tieren, Pflanzen und Landschaften, Fortbewegungsmitteln und Kuriositäten.

Für mich ist Indien mein Sehnsuchtsort. Wie kein anderes Land versetzt es mich in Staunen, regt meine Fantasie an und stellt mich als Journalistin vor die größten Herausforderungen. Indiens Schönheit und seine herzlichen Menschen zu genießen, bedeutet für mich höchstes Glück. Die harten Gegensätze der indischen Kultur und Gesellschaft zu spüren, verursacht gleichzeitig schlimmstes Leid in mir. Trotz dieser Widersprüchlichkeit, oder vielleicht gerade deshalb, zieht Indien mich seit meinem ersten Besuch magisch an.

(Reisebuch Verlag)

Kumbh Mela © balouriarajesh-pixabay.com
Kumbh Mela ist für die Hindus das größte religiöse Fest. © balouriarajesh-pixabay.com

Gewusst? Der typische (Hollywood-)Stereotyp eines Inders mit Vollbart und Turban führt auf die Volksgruppe der Sikhs zurück – diese machen allerdings nur zwei Prozent der indischen Bevölkerung aus. Die indische Eisenbahn ist der größte Arbeitgeber weltweit: Insgesamt 1,6 Millionen Mitarbeiter kümmern sich darum, dass der indische Zugverkehr mit 11 Millionen Reisende pro Tag abgewickelt wird. Auch die größte Veranstaltung der Welt findet sich in Indien: 100 Millionen Besucher zelebrieren jährlich das hinduistisch Fest Kumbh Mela. Und auch die größte Familie weltweit lebt in Indien: Ein einziger Mann hat mit 39 Frauen 94 Kinder gezeugt – er lebt dort auf 37.000 Quadratmetern im größten Einfamilienhaus weltweit. Außerdem ist Indien, gemessen an der Einwohnerzahl, die größte Demokratie der Welt. Im Zentrum von Amritsar hat weltweit die erste vegetarische Filiale von McDonald’s eröffnet. Im Goldenen Tempel derselben Stadt verköstigt man täglich etwa 80.000 Menschen kostenlos. Mit einem durchschnittlichen indischen Einkommen muss man rund sechs Stunden arbeiten, um sich einen Big Mac kaufen zu können. 70 Prozent aller Gewürze der Welt stammen aus Indien: darunter Bhut Jolokia, mit 1. 000.001.304 Scoville eine der schärfsten Chilis der Welt – verzehren Ungeübte sie, kann sie das in Ohnmacht fallen lassen. Das Rauchen von 100 Zigaretten hat dieselbe Belastung wie einen Tag lang die Luft in Mumbai einzuatmen. Die Erderwärmung hat einen Konflikt zwischen Indien und Bangladesch beigelegt: Die zwei Länder stritten sich um eine Insel, die inzwischen im Meer versunken ist. Seit über 10.000 Jahren hat Indien außerdem kein Nachbarland angegriffen. In Delhi sorgt die nicht rostende Eiserne Säule für wissenschaftliche Fragen: Das Monument befindet sich dort gemäß Untersuchungen seit etwa 1.600 Jahren ohne Spuren von Rost. Im 5. Jahrhundert war in Indien bereits die Lichtgeschwindigkeit bekannt, allerdings hatte man sich um eine Minute verrechnet. Heute gibt es in Indien mehr Mobiltelefone als Toiletten. Und „Anal“ ist eine Sprache, die von 23.000 Menschen in Indien und Myanmar aktiv verwendet wird.

 

Typisch indisch! ist ein Auszug aus:

Alle Iren haben rote Haare