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Was ist typisch schweizerisch? II *

Direkte Demokratie und Meinungsäußerungsfreiheit sind die wichtigsten Grundsäulen der Schweiz. Nur gehen manchmal auch andere Prinzipien vor. Dies musste eine Holländerin erfahren, welche sich gegen Kuhgeläute gewehrt hatte, weshalb ihr in der Gemeinde zweimal die Einbürgerung verwehrt wurde. Daraus abzuleiten, Kuhglockengeläute gehe den erwähnten Grundprinzipien vor, wäre allerdings zu vermessen.

Zum besseren Verständnis der schweizerischen Eigenart seien folgende geschichtlichen Ereignisse hervorgehoben:

Die verlorene Schlacht bei Marignano am 14. September 1515 in der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den Eidgenossen und dem Königreich Frankreich um das Herzogtum Mailand, das von den Eidgenossen zeitweise beherrscht wurde, beendete die Expansionsbestrebungen der Eidgenossenschaft. Deren Doktrin war fortan, sich „nicht mehr in fremde Händel“ einzumischen.

1803 wurden im Zuge der Napoleonfeldzüge durch die Schweiz alle Untertanengebiete zu gleichberechtigten Kantonen erhoben.

1815 wurden im Wiener Kongress die äußere Grenze der Schweiz und deren Neutralität anerkannt.

1848 erhielt die Schweiz eine Bundesverfassung, welche erst vor einigen Jahren erneuert wurde.

Föderalismus, Neutralität und die Doktrin, sich nicht in fremden Ländern einzumischen und sich bis zu einem gewissen Grad zu isolieren, sind die Doktrin der Schweizer Politik bis zum heutigen Tag geblieben. Die Schweiz ist ein Mehrvölkerstaat. Deutsch-, Französisch-, Italienisch- und Romanischsprachige leben in einem Staat zusammen. Gemeinden und Kantone sind relativ autonom. Kontinuität und Stabilität zeichnen die Schweiz seit 1848 aus. Erst 1971 wurde das Frauenstimmrecht eingeführt.

Vor diesem Hintergrund sind viele Eigenarten erklärbar, so, dass die Schweiz außenpolitisch neutral bleiben will, dem „principe de l’oportunité“ treu bleibt, der EU fernblieb und teils langwierige Entscheidprozesse erleiden muss, weil die einzelnen Regionen und die sprachlichen Minoritäten Entscheidungen mitzutragen haben. Sie ist relativ bewahrend und konservativ – Eigenschaften, welche ihre Stärken und zugleich ihre Schwächen ausmachen. So ist sie absolut kein Experimentierlabor und Neues darf sich durchaus vorerst im Ausland bewähren, bevor es in der Schweiz für gut befunden wird. Andererseits sind die Verlässlichkeit der Schweiz, ihre Kontinuität und Stabilität und die Tatsache, dass sie vor Unruhen und Kriegen verschont blieb, Hauptgründe für den sprichwörtlichen Wohlstand dieses ursprünglich sehr armen Landes ohne Bodenschätze. Dabei mag ihre geostrategische Lage im Zentrum Europas ebenso eine Rolle für ihre Prosperität gespielt haben, wie auch eine hohe Produktivität und das verhältnismäßig reibungslose Funktionieren von Staat und Wirtschaft. Es darf aber nicht heruntergespielt werden, dass in der Schweiz debattiert und gestritten wird wie in anderen Ländern auch.

Bei alledem ist festzustellen, dass das Klima dieses Landes durchaus fruchtbar ist für das Wachstum von freiem Geist, Kreativität und Entdeckertum. So hat schon die Reformation wesentliche Impulse durch den Genfer Calvin und den Zürcher Zwingli und die Französische Revolution durch Jean-Jacques Rousseau erhalten. Henry Dunant war der Gründer des Roten Kreuzes. 28 Nobelpreisträger vorwiegend aus Chemie und Medizin waren Schweizer. Das Land rangiert laut Statistik des EPA bei den Patentanmeldungen weltweit auf dem sechsten Platz, nach den viel größeren Nationen USA, Deutschland, Japan, Frankreich und China. Piccard war der erste Weltumfahrer mit einem Heißluftballon, sein Großvater Träger des Tiefseetauchrekordes, und Bertarelli hat mit seiner Alinghi einige Male den America’s Cup, die prestigeträchtigste Hochseeregatte der Welt, gewonnen, obwohl die Schweiz ein Binnenland ist. Sie produziert mithin nicht nur „Kuckuck clocks“, aber auch solche nebst Rolexuhren und Swatches. Die chemische und die Präzisionsindustrie sind Weltspitze. Der längste Eisenbahntunnel der Welt führt durch den Gotthard, ist 57 km lang und in nur 17 Jahren, ein Jahr früher als geplant, fertiggestellt worden. Die Schweiz ist in Sachfragen sowie im administrativen Bereich durchaus zupackend und pragmatisch. Deutsche Politiker haben angesichts der Probleme mit dem neuen Flughafen Berlin oder dem Bahnhof Stuttgart 21, mittlerweile heißt es Stuttgart 25, die Eröffnung des Gotthardtunnels wehmütig zu Kenntnis genommen.

All dies sind die Gründe, weshalb die Schweiz im Ausland manchmal bewundert, mitunter aber auch belächelt wird. Hin und wieder spürt man auch einen gewissen Neid durchschimmern.

Schilder © Markus Dreher-pixabay.com
Schilder auf Rätoromanisch, wie man es in Graubünden spricht. © Markus Dreher-pixabay.com

Die Deutschschweizer sind ähnlich wie die Deutschen und doch anders. Sie sind Südalemannen und sprechen Schweizerdeutsch, einen südalemannischen Dialekt. Die französischsprechenden Welschschweizer verwenden ein Französisch wie die Franzosen jenseits des Jura, allerdings mit gewissen Abweichungen im Wortgebrauch, die Tessiner sprechen wie die Italiener in der Lombardei und im Piemont, wobei selbst ihr Dialekt jenen Mundarten gleicht. Im Rätoromanischen gibt es vier Hauptdialekte, die alle mit den Dialekten im Friaul und den Dolomiten verwandt sind. Doch im Gegensatz zu jenen in Italien sind sie als vierte offizielle Landessprache der Schweiz, Rätoromanisch, anerkannt, werden in der Schule unterrichtet und haben eine eigene Presse, eigenes Radio und Fernsehen. Diesbezüglich ist die Schweiz das Land der feinen Unterschiede und dies streichen ihre Bewohner auch gerne hervor. „Es ist in jedem Kanton verschieden“, erklären Schweizer als Erstes auf die Frage, wie etwas in der Schweiz läuft.

Vereinfacht gesagt ist das Land eine direkte Demokratie auf drei Stufen, Gemeinden mit relativer Gemeindeautonomie, Kantonen und Bund. Gewählt werden auf Bundesebene nur die zwei Legislativkammern des Parlamentes, nicht aber die Minister, oder ein Präsident. Erstere werden von den zwei Bundeskammern gewählt. Den Bundespräsidenten wählen die Minister unter sich im Einjahresturnus. Die Minister, Bundesräte genannt, werden proportional zu den Parteistärken gewählt, möglichst aus allen Regionen der Schweiz, aus möglichst allen Sprachgebieten und neu sollen möglichst gleich viele Frauen wie Männer Bundesrätinnen und -räte werden, was bei sieben Mitgliedern allerdings nicht gelingen kann. So lautet die sogenannte Zauberformel. Damit sollen jede Partei, jedes Sprachgebiet, jede Region und jedes Geschlecht an der Regierung beteiligt sein und es soll zur Zufriedenheit aller regiert werden. Populistische Regierungen werden somit faktisch verunmöglicht. Aber es gibt auch keine starke Oppositionspartei. Widerstand erfolgt meist nur von kleinen, nicht an der Regierung beteiligten Splitterparteien. Das Schweizervolk stimmt auf kommunaler, kantonaler und selbst auf Bundesebene über viele Sachfragen direkt ab. Auf Bundesebene ist in der letzten Zeit über „Grundlohn für alle“, das „Recht der Kühe, Hörner zu tragen“, den Bundesbeschluss über die Velo- sowie Fuß- und Wanderwege, die „Fairfoodinitiative“, über „für Schweizer Recht statt fremde Richter“ usw. abgestimmt worden. Man sieht, es geht dabei nur zum Teil um Weltbewegendes.

Meist funktioniert der Staat so gut wie die Schweizerischen Bundesbahnen oder eine Omega Uhr. Sand im Getriebe scheut der Schweizer wie der Teufel das Weihwasser. Und das wissen auch viele Ausländer zu schätzen. Sie betrachten die Schweiz als „safe haven“, für sich und ihr Geld. Arbeitnehmer aus dem Ausland sehen, dass die Schweizer Lohntüte, oder das „Lohnsäckli“, wie der Schweizer sagt, besser gefüllt ist als jene in ihrem Heimatland. Später, nach der Übersiedlung merken sie dann, dass die Lebenskosten auch viel größere Löcher ins „Säckli“ hineinreißen als da, wo sie herkommen. Trotzdem bleibt die Schweiz auch ein Immigrationsland. Sie hat weltweit einen der höchsten Ausländeranteile überhaupt. Hier wohnen bei einer Totalbevölkerung von neun Millionen über zwei Millionen Ausländer, das sind gegen 25 Prozent, wovon auch ein guter Teil aus Deutschland stammt.



Hüüsli © Roland Mettler-pixabay.com
Ein Hüüsli auf dem Berggipfel © Roland Mettler-pixabay.com

Für Deutsche erscheint die Schweiz besonders attraktiv, weil sie sprachlich und kulturell sehr ähnlich ist. Der Einwanderer aus Deutschland darf aber die Unterschiede doch nicht unterschätzen. Zwar spricht jeder Schweizer einigermaßen Schrift-, wenn auch nicht Hochdeutsch, aber selbst sprachlich gibt es Missverständnisse. Wenn der Schweizer sich der Schriftsprache bemüht und bei seiner samstäglichen Einkaufstour in Konstanz oder Lörrach (D) die Verkäuferin fragt: „Könnt ich noch en Sack haben?“, weiß diese nicht, was gemeint ist, und antwortet nach langem Zögern und Zaudern: „Ach so, ne Tüte.“ Für den Schweizer gibt es mehr Säcke als für den Deutschen, so ist das Taschenmesser ein „Sackmesser“, die Hosentasche „dä Hosesack“. Deutsche in der Schweiz verstehen am Anfang nichts, wenn der Schweizer sagt: „I gang go poschte“, oder sie meinen, der Schweizer gehe auf die Post, aber dieser will sagen, er gehe einkaufen. „Kittel“ ist für den Schweizer kein Übergewand für die Arbeit, sondern ein Sakko. Aber das sind noch die kleineren Probleme, die dem Deutschen in der „Diaspora“ widerfahren. Viele Deutsche mögen ihre neue Wahlheimat, aber häufig hört man sie auch klagen, die Schweizer seien nicht so offen und direkt, sie seien verklemmt, duckmäuserisch und sie laden Gäste aus dem Ausland nicht schnell zu sich ein, sie seien nicht großzügig und blieben lieber unter sich. Dies mag zum Teil zutreffen. Sicher sind die Schweizer nicht so direkt wie die Deutschen, sie sind vielleicht auch sprachlich gehemmter, weil Deutsch für sie fast so etwas wie eine Fremdsprache ist und sie sich auf Hochdeutsch schwerfälliger ausdrücken. Sie sind oftmals auch eher bescheiden und zurückhaltend, was negativ aufgefasst werden kann. Dafür zeigen sie, wenn sie das nötige Kleingeld dafür besitzen, ihre extravertierte Seite am Sonntagmorgen, beim Ausführen der Pferde ihrer Kutschen auf den nicht temporegulierten süddeutschen Autobahnen oder bei ihren samstäglichen Einkaufsorgien in deutschen Supermärkten zum Leidwesen der Einheimischen. Seit einiger Zeit nimmt die Kaufkraft des Schweizer Frankens allerdings wieder etwas ab, die Schweizer sind endlich weg, aber schon vermissen die Deutschen sie.

Schweizer duzen sich schnell und manch ein Deutscher ist überrascht, wenn ihm plötzlich das Du angetragen wird. Richter und Anwälte duzen sich, manchmal selbst in Gerichtspausen. Allgemein ist der Umgang mit Ämtern eher formloser als in Deutschland. Ämter sind oft kooperativer und kundenfreundlicher und entwickeln häufig einen Helferinstinkt, was bei Übersiedlern gut ankommt. Besondere Ämter, wie die Wirtschaftsförderungs- und Steuerämter, welche Steuererleichterungen für Neuinvestoren gewähren, leisten dazu einen wesentlichen Beitrag.

Der Schweizer liebt, vielleicht, weil sein Land so klein ist, den Diminutiv: „Hüüsli“ für Toilette; „Gärtli“ für Garten; „mini Chli“, meine Kleine, benannten sie früher oft ihre Freundin.

In den Halbkantonen Appenzell besteht ein Nacktwanderverbot. Der Straftatbestand ist „unanständiges Benehmen“. Der Kanton Appenzell-Innerroden ist gut katholisch und eben kein FKK-Strand.

Bis vor Kurzemkurzem musste in jedes neugebaute Einfamilienhaus ein Atombunker eingebaut werden.

Der militärpflichtige Schweizer nimmt nach dem jährlichen Wiederholungskurs sein halbautomatisches Sturmgewehr mit Munition in einer bierdosenähnlichen Verpackung nach Hause und stellte bis vor einigen Jahren beim Warten auf den Zug sein Gewehr vor das Bahnhofbuffet, während er drinnen mit Kollegen sein Bier genoss.

Wanderwege werden mit Luftgebläse gereinigt.

Auf dem Land ist in Hofläden der Selbstzahlungsverkauf ohne Kontrolle basierend auf Vertrauensprinzip üblich.

Die Schweizerfahne ist quadratisch und nicht rechteckig wie die Flaggen sonst überall in der Welt.

Die Schweiz ist verbunden mit dem weiblichen Artikel, wie z. B. die Türkei und die Mongolei.

Volksabstimmungen auf Gemeindeebene und in einigen Kleinkantonen erfolgen in der Vollversammlung des Volkes durch Handerheben.

Im Kanton Appenzell-Innerrhoden weist sich der Stimmbürger für die sogenannte Landsgemeinde, die auf dem Dorfplatz in Appenzell stattfindet, mit dem Säbel (Degen) aus.

Diese anekdotische Kurzliste zeigt vieles über den Charakter dieses Landes und dessen Bewohner auf, es gäbe darüber noch vieles zu berichten. Hier wurde nur ein kurzer Überblick gegeben.

Der einleitend beschriebenen Holländerin ist die Einbürgerung in der Schweiz dann doch noch gelungen. Sie feierte ihren Sieg gegen die Engstirnigkeit, indem sie sich, jetzt Schweizerin, eine Kuhglocke umhängte und an ihrem Hals baumeln ließ und stolz den Schweizerpass in der Hand hielt. Sie wurde damit zur richtigen Schweizerin. Ihre Meinungsäußerungsfreiheit war also doch gewährleistet.

(Jürg Kugler)



 

Typisch schweizerisch! ist ein Auszug aus:

Länderklischees
Alle Iren haben rote Haare

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