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Prag Reiseführer / Klassiker



Der Wenzelsplatz im Zentrum der Prager Neustadt. © peto23 - Pixabay.com

Václavské náměstí/Wenzelsplatz

Der Wenzelsplatz, oder „Václavák“, wie ihn die Einheimischen liebevoll nennen, ist der bekannteste Platz in Prag. Hier residieren gefühlt 27 McDonald’s, 73 Starbucks und 39 Wechselstuben. Im Neo Luxor kann man Bücher kaufen und es gibt auch eine ordentliche Auswahl an internationaler Presse. Die Baťa-Filiale ist das größte Schuhgeschäft Prags und vielleicht sogar ganz Tschechiens. Die Fabrikate des mährischen Schuhmachers werden mittlerweile überall auf der Welt verkauft.

Die Grünflächen in der Mitte des Platzes wurden einst zur Zeit des Kommunismus in den 80er Jahren angelegt, um Demonstrationen zu verhindern. Am höhergelegenen Kopfende des 750 Meter langen Platzes steht eine Bronzestatue des Heiligen Wenzel, dem Schutzpatron von Böhmen und Mähren. Dahinter befindet sich das Nationalmuseum, das allerdings schon seit 2011 grundrenoviert wird und deshalb derzeit nicht zu besichtigen ist. Die Statik des Gebäudes hat durch die davor liegende Stadtautobahn arg gelitten. Die Straße wurde zu kommunistischen Zeiten errichtet, damit Einsatzkräfte und Polizei schnell vor Ort sein können, wenn eine ungewünschte Demonstration stattfindet. Vor den Treppen des Bauwerks befindet sich in die Pflastersteine eingelassen ein unscheinbares Denkmal mit einem großen Hintergrund: Es ist ein Kreuz; zu brennen scheint es und zwei Namen befinden sich darauf. Zu Beginn des Jahres 1969 hatte der sogenannte Prager Frühling (die Periode einer etwas freieren Politik unter Alexander Dubček in der damals kommunistischen ČSSR) durch den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes sein abruptes Ende gefunden.

Auch auf dem Václavák rollten die Panzer. In der Fassade des Nationalmuseums finden sich noch heute Einschusslöcher. Ernüchterung in der Bevölkerung. Jan Palach, Student an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität, war so enttäuscht, dass er sich am 16. Januar 1969 auf den Treppen des Museums selbst entzündete. Drei Tage später starb er im Krankenhaus. Als „lebendige Fackel“ wollte er die Bevölkerung aufwecken. Es folgten ihm etliche junge Männer aus verschiedenen Gründen nach, sogar bis in unser Jahrtausend hinein. 



Immer neue Bilder in mehreren Farbschichten zieren die John-Lennon-Mauer. © jusa2000 - Pixabay.com

John Lennon Wall

Die Mauer auf der Prager Kleinseite war in der ČSSR schon länger als „Klagemauer“ bekannt. Es war das Jahr 1980. John Lennon wurde ermordet und irgendjemand kam auf die Idee, die Wand mit ein paar Beatles-Zitaten und einem Lennon-Portrait zu besprühen. Die Geschichte nahm ihren Lauf… Die Wand wurde voller. Den kommunistischen Stadtoberen missfiel dies und sie ließen die Wand überstreichen. Von den jungen Pragern wurde sie wieder übersprüht. Und dann wieder überstrichen. Und wieder übersprüht. „Freiheit! Kommunismus wollen wir nicht!“ Es wurde ein Wachposten postiert, der dafür sorgen sollte, dass die Mauer weiß blieb. Dann fiel im Nachbarland eine Mauer und so ist die John Lennon Wall nun heute im Besitz des Malteserordens, der gleich nebenan seine Botschaft hat, und darf besprüht und bekritzelt werden, wie man auch immer will. Politische Meinungen finden sich auf der Wand noch immer und dazwischen kleine Verewigungen von Touristen mit ihren Eddings. Man kann die John Lennon Wall täglich besuchen, sie wird jedes Mal anders aussehen. Übermalt wurde die Wand trotzdem noch einmal. 2014 war ein Künstler der Meinung, auf der Wand müsse wieder Platz für neue Gedanken sein. „Wall is over!“ prangte eines Morgens in Blockbuchstaben auf den kahlen Steinen. Das erste, was geschah? In die Ecke oben links wurde ein Lennon-Portrait gemalt. Und im Wort „Wall“ wurden die zwei „L“ durch ein „R“ ersetzt. War is over!

Die Prager Botschaft - Hier wurde deutsche Geschichte geschrieben. © redschi - Pixabay.com

Prager Botschaft

Die deutsche Botschaft in Prag ist ein Ort der jüngeren deutschen und tschechischen Geschichte. Herbst 1989: Die DDR-Bürger wollten raus aus ihrem maroden sozialistischen Staat. So schwangen sie sich zu Hunderten in ihre Trabbis und fuhren in die Hauptstadt der Tschechoslowakei, wo ein Weg in den Westen über die Botschaft der BRD führen sollte. Die Autos ließen sie, nachdem sie in Prag angekommen waren, einfach mit steckendem Schlüssel am Straßenrand stehen. Innerhalb weniger Wochen kamen bis zu 4000 Menschen zusammen, die im Garten der Botschaft hausten. Zelte wurden errichtet, mobile Toiletten aufgestellt, für die Kinder gab es sogar Schulunterricht. Der Botschaftsbetrieb der BRD wurde in ein Hotel verlegt. Einige Prager reichten Essen durch den Zaun oder halfen anderswie und machten sich damit eigentlich strafbar. Es regnete, der Garten wurde zum Schlammfeld, die Zustände auf dem Botschaftsgelände waren alles andere als schön.

Am 30. September 1989 betritt Hans-Dietrich Genscher, der Außenminister der BRD, den Balkon der Botschaft und erklärt: „Liebe Landsleute, wir sind zu ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise…“ – weiter kommt er nicht. Jubel brandet auf. In verschiedenen Zügen werden die „Republikflüchtlinge“ in den kommenden Tagen durch die DDR hindurch in die BRD gefahren, insgesamt reisen 17.000 DDR-Bürger über die Prager Botschaft aus. Kurze Zeit später fällt die Berliner Mauer und in Folge der „Eiserne Vorhang“ in ganz Europa.

Den „Genscher-Balkon“ und auch eine an die Ereignisse erinnernde Trabbi-Skulptur von David Černý kann man heute sehen, wenn man die Vorderseite der Botschaft in der Vlašská-Straße 19 passiert und an der nächsten Möglichkeit links einbiegt. Man kommt an einem Kinderspielplatz vorbei, geht links auf den schlammigen Waldweg und gelangt dann zu der Stelle im Zaun, wo der Blick nicht durch Bäume und Sträucher verdeckt ist. Heute englische Gartenkunst, gestern Zeltlager für tausende hoffende Menschen.

Hauser Prag Reisebuch Verlag

 

 

 

Ferdinand Hausers Reiseführer Prag: Am Puls der Stadt enthält weitere Reiseinformationen sowie viele Tipps und Adressen zu Hotels, Restaurants, Bars und Freizeitaktivitäten, zum Teil von Prager Stadtbewohnern selbst empfohlen.