Hamburger Hafen Tour: Containerhafen und Mega-Schiffe hautnah

| von Hartmut Ihnenfeldt

Man steht an den Landungsbrücken in St. Pauli, der Wind trägt Salz und Diesel, irgendwo kreischen Möwen – und bevor man auch nur einen Schritt Richtung Anleger gemacht hat, ist klar: Das hier ist kein Stadtspaziergang. Der Hamburger Hafen gehört zu jenen Orten, die man nicht besichtigt, sondern bei denen man unweigerlich klein wird. Er ist der größte Seehafen Deutschlands, einer der größten Europas, und anders als viele Häfen dieser Größenordnung ist er mitten in der Stadt geblieben – wenige Kilometer vom Rathaus entfernt, erreichbar mit der U-Bahn.

Hamburger Hafen Tour: Containerhafen und Mega-Schiffe hautnah
Die typischen Ladekräne im Containerhafen; Foto: if/reisebuch.de

Von den Landungsbrücken bzw. der Hafencity direkt zu den Contaunerterminals

Wer den Hamburger Hafen wirklich erleben will, muss zunächst aufs Wasser und anschließend direkt hinein auf das Gelände der Containerterminals.

Erst die Rundfahrt mit dem Schiff

Die klassische Hafenrundfahrt startet an den Landungsbrücken, wo sich ein halbes Dutzend Anbieter um die Passagiere bewerben. Der Unterschied zwischen ihnen ist weniger die Route als die Qualität der Kommentierung – ein sachkundiger Guide macht aus derselben Strecke ein anderes Erlebnis. Die Fahrt mit einer der großen Barkassen dauert je nach Variante ein bis zwei Stunden; ich empfehle die längere, weil man erst nach einer Weile wirklich im Containerhafen ankommt.

Zunächst passiert man die neue HafenCity, und die Elbphilharmonie zieht den Blick unweigerlich auf sich – dieser gläserne Aufbau über dem roten Backsteinwellenbrecher, ein Gebäude, das je nach Licht entweder triumphiert oder trotzt. Dahinter öffnet die Speicherstadt ihre rotbraunen Fassaden über den Fleeten, der älteste Freihafen der Welt, seit 2015 UNESCO-Weltkulturerbe. Hier wurde über Jahrhunderte Kaffee, Kakao und Teppiche gelagert; die Gebäude stehen noch, darin sitzen heute meist Agenturen und Museen – (Orient-)Teppiche werden dort aber immer noch deponiert.

Dann, nach einer langen Kurve der Elbe, verändert sich alles.

Die Stadt fällt zurück. Was kommt, ist eine andere Welt: breite Fahrrinnen, graue Kais, und an den Kais Schiffe, die einem die Verhältnisse neu kalibrieren. Ein Containerschiff der neuesten Generation – die sogenannten Ultra Large Container Vessels – ist über 400 Meter lang und kann mehr als 24.000 TEU laden, also Standardcontainer in 20-Fuß-Einheiten. Das klingt abstrakt, bis man daneben schwimmt. Das Schiff ragt so weit über einem auf, dass man den Horizont dahinter nicht mehr sieht. Die Bordwand ist eine WAND!

Über dieser Wand arbeiten die Portalkräne – riesige Stahlkonstruktionen, die die Silhouette des Hamburger Hafens prägen wie nichts sonst. Sie heißen im Volksmund „Giraffen“, und der Spitzname passt: lange, nach vorn abknickende Auslegenarme, die sich über die Schiffsdecks beugen. Jeder Kran ist in der Lage, einen Container in zwei Minuten vom Schiff auf ein Fahrzeug zu setzen; in Spitzenzeiten arbeiten mehrere davon gleichzeitig an einem einzigen Schiff. Das Geräusch dabei – ein tiefes Brummen, überlagert vom metallischen Klicken der Greifer – ist einer dieser Sounds, die man nicht vergisst.

Besonders konzentriert sich das Geschehen an den großen Terminals im Waltershofer Hafen und am Burchardkai (CTB), wo HHLA und EUROGATE gemeinsam Millionen Container pro Jahr umschlagen. Was da an Waren durchläuft, ist schwindelerregend: Elektronik aus China und Südkorea, Kraftfahrzeuge und Maschinenteile aus deutschen Werken, Kaffee aus Brasilien und Kolumbien, Textilien aus Bangladesch und Vietnam. Der Hafen ist kein Ort, er ist ein Knotenpunkt – der Punkt, an dem die globale Lieferkette anhand von bunten Containern mit eindeutigen IDs sichtbar wird, bevor sie sich wieder ins Unsichtbare auflöst.


Dann die „Tour der Giganten“ mit dem Bus

Die Rundfahrt zeigt den Hafen vom Wasser. Wer ihn von innen sehen will, braucht eine Sondergenehmigung – und die bekommt man am einfachsten über die dreistündige Bustour „Tour der Giganten“ von Reisering Hamburg. Personalausweis mitbringen: Der Sicherheitscheck am Eingang ist kurz, aber notwendig.

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Die Elbtower-Ruine, der „Kurze Olaf“, am Rande der Hafencity; Foto: if/reisebuch.de

Die Tour beginnt nach einem Schlenker Richtung Speicherstadt, den alten „Hafenterminals“ aus dem frühen 20. Jhd., vorbei am „Kurzen Olaf„, der Elbtower-Ruine, mit einem Abstecher zur Köhlbrandbrücke, dem markanten Bogen, der seit 1974 zwei Teile des Hafengebiets verbindet und mittelfristig ersetzt werden muss. Von der Brücke aus, rund 60 Meter über dem Wasser, eröffnet sich ein Panorama, das man so schnell nicht vergisst: das gesamte Hafenareal, die Kräne, die Terminals, die Schiffe – alles liegt da wie ein Modell, und man begreift erst jetzt, wie weitläufig das Gelände wirklich ist. Hamburg ist einer der größten Häfen Europas, nach Rotterdam und Antwerpen-Brügge der drittgrößte

Dann fährt der Bus exklusiv durch die Tore

Containerberge warten tagein – tagaus im Terminal: Foto: if/reisebuch.de

Das Container Terminal Altenwerder (CTA) ist das jüngste und in gewisser Weise radikalste der Hamburger Terminals – 2002 eröffnet, seitdem mehrfach als eines der modernsten der Welt ausgezeichnet. Hier arbeiten weitgehend fahrerlose Fahrzeuge: die AGVs (Automated Guided Vehicles), flache Transportplattformen, die Container nach einem computergesteuerten Plan über das Gelände bewegen, ohne dass ein Mensch am Steuer sitzt. Dazu kommen vollautomatische Containerbrücken und Automated Stacking Cranes in den Stellflächen – Maschinen, die Container stapeln und entnehmen, koordiniert von Softwaresystemen, die Tausende von Variablen gleichzeitig verwalten.

Es ist ein seltsames Schauspiel: ein Terminal, das sich fast menschenleer anfühlt und trotzdem ununterbrochen in Bewegung ist. Die wenigen Menschen, die man sieht, sitzen in Überwachungskabinen oder kontrollieren von außen. Der Betrieb selbst läuft durch.

Dazwischen – auf anderen Terminalabschnitten, die noch konventionell betrieben werden – sieht man die Van Carrier: hohe, auf Stelzen fahrende Fahrzeuge, die einzelne Container greifen und tragen können. Sie sind in ihrer Beweglichkeit das Gegenteil der großen Kräne: wendig, schnell, und in der Masse einschüchternd. Mehrere Dutzend davon gleichzeitig auf einem Terminalgelände zu sehen, alle in verschiedene Richtungen unterwegs, ohne dass Chaos entsteht – das ist Logistik in ihrer reinsten Form.

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Der „Duckdalben“ im Hamburger Containerhafen, eine Oase für Seeleute aus aller Welt; Foto: if/reisebuch.de

Duckdalben Seemannsheim – kurzer Stopp auf der „Tour der Giganten“

Das Duckdalben Seemannsheim in Hamburg fungiert auf der dreistündigen Hafenrundfahrt als zentraler knapp halbstündiger Pausenpunkt im sonst nicht öffentlich zugänglichen Containerhafen. Er dient u.a. als_

  • Kaffeepause und Toilettenstopp
  • kurze Bewegungspause im Tourverlauf
  • Einblick in die Lebenswelt internationaler Seeleute

Betrieben von der Deutsche Seemannsmission, ist der Ort kein touristisches Ziel im engeren Sinne, sondern ein funktionaler und zugleich authentischer Kontaktpunkt zur realen Arbeitswelt der Schifffahrt und deren Menschen. Gerade dieser Kontrast zur hochtechnisierten Hafenlogistik macht den Halt inhaltlich so bereichernd..

Ein guter Guide erzählt auf dieser Tour nicht nur, was man gerade sieht, sondern auch, was man nicht sieht: z.B. die Tiefenwasserpolitik der Elbe, die jahrzehntelangen Auseinandersetzungen um die Fahrrinnenvertiefung, den Wettbewerb mit Rotterdam und Antwerpen, die Frage, wie der Hafen mit dem wachsenden Schiffsverkehr Schritt hält. Der Hamburger Hafen hat ein strukturelles Problem: Er liegt tief im Binnenland, 100 Kilometer von der Nordsee entfernt, und die Elbe ist nicht tief genug für die allergrößten Schiffe bei vollem Tiefgang. Das erklärt einiges über die Spannungen, die hier unter der Oberfläche schwelen.


panorama hamburger hafen
Blick vom Containerhafen auf die Stadt mit Elbphilharmonie; Foto: if/reisebuch.de

Was bleibt

Der Hafen läuft. Er läuft (fast) täglich, rund um die Uhr, 24/7, 360 Tage im Jahr, ob man dort ist oder nicht, ob man davon weiß oder nicht. Er ist das Rückgrat eines Versorgungssystems, das so selbstverständlich geworden ist, dass man es erst wahrnimmt, wenn es stockt – wie in den Jahren der Pandemie, als plötzlich Container an falschen Orten standen und Häfen verstopft waren und auf einmal jeder über Lieferketten redete.

Eine Besichtigung hier ist insofern keine touristische Erholung im üblichen Sinn. Es ist eher eine Erinnerung: daran, dass die Dinge, aus denen unser Alltag besteht, irgendwo produziert, irgendwo verladen, irgendwo entladen und transportiert wurden – und dass das alles an Orten wie diesem passiert. Unauffällig, effizient, unvorstellbar groß.

Blicke auf die Museumsschiffe Cap San Diego und Rickmer Rickmers, die unweit der Landungsbrücken liegen, runden den Besuch ab: zwei großartige Zeugen einer Zeit, als Seefahrt noch etwas anderes bedeutete als Containerlogistik. Zwischen diesen Schiffen und dem CTA liegen keine hundert Jahre – aber Welten.


Praktische Hinweise:

  • Klassische Hafenrundfahrt (ca. 1 Stunde): guter Einstieg, mehrere Anbieter an den Landungsbrücken; auf erfahrene Guides achten.
  • XXL-Hafenrundfahrt (ca. 2 Stunden): führt weiter in den Containerhafen, lohnt sich.
  • Tour der Giganten (ca. 3 Stunden, Bus mit Fahrer und Guide): die intensivste Option mit Zugang zum gesperrten Terminalgelände – Personalausweis erforderlich, Buchung im Voraus empfohlen. Treffpunkt ist die Bushaltestelle in der HafenCity gegenüber der U‑Bahn‑Station Universität. Ein Teil der Tour führt über den Duckdalben, wo eine Kaffeepause eingeplant ist. Die Tour ist nicht günstig, zählt aber zu den eindrucksvollsten Hafenerlebnissen Hamburgs.

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