Condor 70 Jahre: Krisen, Flotte, Zukunft der Urlaubsairline

| von Hartmut Ihnenfeldt

Der deutsche Urlaub beginnt nicht am Strand. Er beginnt auf dem Flughafen. Und jahrzehntelang begann er dort mit einem Blick auf ein Flugzeug mit einem stilisierten Vogel am Leitwerk. Für viele Deutsche ist der Name Condor weniger eine Fluggesellschaft als eine Erinnerung: der erste Flug nach Mallorca, der Geruch des Flugzeugs in der Hitze von Palma, der Blick aus dem Fenster auf die Kanaren oder später auf die Karibik. Abseits solcher Erinnerungen lohnt ein Blick auf die Rolle von Condor in der deutschen Tourismusgeschichte. Condor ist nicht nur eine Airline – sie ist ein Stück Tourismusgeschichte der Bundesrepublik und Teil einer breiteren Entwicklung: der Demokratisierung des Reisens.

Condor 70 Jahre: Krisen, Flotte, Zukunft der Urlaubsairline
Condor musste in ihren 70 Jahren durch manche Turbulenzen fliegen; Foto: uwemini, pixabay CC4

Der Ferienflieger, der den deutschen Urlaub geprägt hat – und sich heute im europäischen Luftverkehr neu behaupten muss

Infokasten: Zwei mögliche Jubiläumsdaten

Bei Condor lassen sich zwei unterschiedliche „70-Jahre“-Termine anführen – je nachdem, worauf man sich bezieht.

21. Dezember 1955 – Gründung der Gesellschaft
An diesem Tag wird die Deutsche Flugdienst GmbH gegründet, aus der später Condor hervorgeht. Dieses Datum gilt als offizielles Firmenjubiläum (70 Jahre am 21.12.2025).

29. März 1956 – erster Flug
Der operative Flugbetrieb beginnt mit einem Pilgerflug von Frankfurt nach Jerusalem. Zählt man diesen Startpunkt, liegt das 70-jährige Jubiläum des Flugbetriebs am 29.03.2026.

Gleichzeitig zeigt die Geschichte der Airline, wie schwierig das Geschäftsmodell des klassischen Ferienfliegers heute geworden ist – eingequetscht zwischen Billigairlines, großen Netzwerkgesellschaften und veränderten Reisegewohnheiten.

Wie eine Airline den Pauschalurlaub möglich machte

Als die Deutsche Flugdienst GmbH 1955 gegründet wird, steckt der Flugtourismus noch in den Kinderschuhen. Die Bundesrepublik erlebt das Wirtschaftswunder, und mit wachsendem Wohlstand entsteht eine neue Nachfrage: Reisen in den Süden.

Hinter der Gründung stehen große Verkehrsunternehmen der jungen Republik, darunter Lufthansa und mehrere Reedereien. Ziel ist es, Charterflüge für Reiseveranstalter zu organisieren und so ein neues Massengeschäft zu erschließen.

Der erste Flug startet 1956 von Frankfurt nach Jerusalem – ein Pilgerflug ins „Heilige Land“. Wichtiger für die spätere Entwicklung sind jedoch die Urlaubsziele, die kurz darauf folgen: Mallorca, die Kanaren mit Teneriffa und Gran Canaria, später auch Rhodos und andere Mittelmeerinseln.

Damit beginnt ein Prozess, der den europäischen Tourismus verändern wird. Flugreisen werden schrittweise erschwinglich, Reiseveranstalter schnüren Flug, Hotel und Transfer zum Paket. Der Pauschalurlaub entsteht als Massenprodukt, und Condor wird zum Transportmittel dieser neuen Reisekultur.


Infokasten: Condor in Zahlen

Condor gehört heute zu den größten Ferienfluggesellschaften Europas. Einige Kennzahlen geben einen Eindruck von der Dimension des Unternehmens.

Gründung: 1955
Sitz: Frankfurt am Main
Passagiere pro Jahr: rund 8 Millionen
Mitarbeiter: etwa 5.000
Ziele weltweit: rund 70
Langstreckenflotte: Airbus A330-900neo


Die Airline der Urlauber

In den 1960er- und 1970er-Jahren wächst Condor parallel zum Tourismusboom. Während Lufthansa Geschäftsreisende und internationale Linienverbindungen bedient, entwickelt sich Condor zum Spezialisten für den Urlauberverkehr – zunächst vor allem im Charterauftrag der großen Reiseveranstalter.

Diese Arbeitsteilung prägt den deutschen Luftverkehr über Jahrzehnte: Hier die große Netzwerkairline mit globalem Drehkreuz, dort der Ferienflieger, der ganze Flugzeugladungen voller Urlauber nach Mallorca, auf die Kanaren oder nach Griechenland bringt.

Technisch ist die Airline oft überraschend modern. Schon Mitte der 1960er-Jahre setzt Condor Jets ein, später sogar Großraumflugzeuge vom Typ Boeing 747 im Ferienverkehr – voll mit Badeurlaubern statt mit Businessreisenden in Anzügen.

Der Effekt ist enorm: Reisezeiten schrumpfen, Kapazitäten steigen, Preise sinken. Der Urlaub im Süden wird für breite Bevölkerungsschichten erreichbar, nicht mehr nur für eine wohlhabende Elite.

Viele Reisebiografien der Bundesrepublik beginnen deshalb tatsächlich mit einem Condor-Flug – ob als Familienreise nach Mallorca, als Cluburlaub auf den Kanaren oder als erste Fernreise in die Karibik.

Der Tourismuskonzern als Sackgasse

Die stabile Phase endet um die Jahrtausendwende. Lufthansa trennt sich von Condor, und die Airline wird Teil des britischen Touristikkonzerns Thomas Cook.

Strategisch wirkt das zunächst logisch: Ein Reiseveranstalter besitzt eine Fluggesellschaft, die seine Gäste transportiert. Vertrieb, Hotels, Flüge – alles aus einer Hand.

Doch genau diese Konstruktion erweist sich später als Risiko. Die Airline hängt nun eng am Schicksal des Reisekonzerns, statt als eigenständiges Unternehmen zu agieren.

Als Thomas Cook 2019 spektakulär kollabiert, steht auch Condor plötzlich vor dem Aus – obwohl die Airline selbst operativ nicht insolvent ist. Der deutsche Staat muss mit Krediten einspringen, um den Betrieb zu sichern und hunderttausende gebuchte Urlaubsreisen nicht zusätzlich ins Chaos zu stürzen.

2021 übernimmt der Finanzinvestor Attestor die Mehrheit an Condor. Ein Minderheitsanteil liegt weiterhin bei einer staatlichen Zweckgesellschaft von Bund und Land Hessen. Damit wird aus der ehemaligen Konzerntochter wieder eine eigenständig geführte Airline mit Finanzinvestor im Hintergrund.

Der Fall zeigt ein strukturelles Problem des Ferienflugmarktes: Airlines sind eng mit der Tourismusindustrie verbunden und damit besonders anfällig für deren Krisen.

Ein Markt im Wandel

Noch schwieriger wird die Situation durch eine zweite Entwicklung: den radikal veränderten europäischen Flugmarkt.

Der klassische Ferienflieger sitzt heute zwischen mehreren Konkurrenten. Billigfluggesellschaften haben viele touristische Strecken als Linienrouten erschlossen und locken mit extrem niedrigen Einstiegspreisen. Gleichzeitig haben große Netzwerkairlines erkannt, dass Urlaubsziele wirtschaftlich attraktiv sein können.

Condor muss sich deshalb neu positionieren – als Mischung aus Linienfluggesellschaft und Feriencarrier. Einerseits weiterhin stark im Geschäft mit Reiseveranstaltern, andererseits mit steigenden Anteilen an individuell buchbaren Flügen.


Infokasten: Warum Ferienfluggesellschaften unter Druck stehen

Mehrere Entwicklungen verändern derzeit den europäischen Ferienflugmarkt:

Billigflieger bedienen klassische Urlaubsrouten oft günstiger
• Netzwerkairlines fliegen selbst zu wichtigen Ferienzielen
• Pauschalreisen verlieren Marktanteile an Individualreisen
• Klimadebatten erhöhen den politischen Druck auf den Luftverkehr


Neustart mit neuer Flotte

Die heutige Condor versucht, aus dieser Situation eine neue Strategie zu entwickeln. Nach den Krisenjahren steht die Marke für viele Reisende wieder stärker für Verlässlichkeit und Feriennostalgie.

Symbol des Neustarts ist die modernisierte Langstreckenflotte mit Airbus A330-900neo. Die Flugzeuge verbrauchen deutlich weniger Treibstoff als die alten Boeing 767 und senken damit Kosten und Emissionen pro Sitz.

Auch das Bordprodukt wurde modernisiert: neue Sitze, zusätzliche Komfortklassen und zeitgemäße Unterhaltungssysteme.

Auffällig ist zudem das neue Erscheinungsbild der Airline. Die Flugzeuge tragen seit einigen Jahren farbige Streifenlackierungen – ein bewusst ungewöhnliches Design, das die Airline als eigenständige Urlaubsmarke sichtbar machen soll.

Infokasten: Wet Leasing – Ärgernis für Condor-Kunden

Immer wieder kritisieren Passagiere den Einsatz von Wet-Lease-Flugzeugen bei Condor. Dabei werden kurzfristig Maschinen anderer Airlines samt Crew angemietet, um Engpässe im Flugbetrieb auszugleichen.

Für Reisende bedeutet das häufig: Statt der gebuchten Condor-Kabine fliegt man mit einem fremden Flugzeugtyp und teilweise anderem Bordservice. Sitzkomfort, Ausstattung und Service können dadurch vom erwarteten Condor-Standard abweichen.

Wet Leasing ist im Ferienflugmarkt zwar verbreitet, wird von vielen Passagieren jedoch als Qualitätsbruch wahrgenommen.

Ein Stück deutsche Reisekultur

Jenseits aller wirtschaftlichen Fragen bleibt die historische Rolle der Airline bemerkenswert.

Condor hat den deutschen Urlaub nicht erfunden. Aber sie hat ihn in einer entscheidenden Phase möglich gemacht, indem sie Kapazitäten und Reichweite für den entstehenden Massenmarkt des Pauschaltourismus bereitstellte.

Zum 60-jährigen Bestehen meldete Condor bereits weit über 200 Millionen beförderte Passagiere – eine Zahl, die seitdem weiter gewachsen ist und die Dimension dieses Beitrags zur Urlaubsgeschichte der Bundesrepublik illustriert.

Die Airline ist damit Teil einer kulturellen Entwicklung: der breiten Zugänglichkeit des Reisens für Mittelschichten.

Reisebuch.de-Einstufung

Dass Condor heute noch existiert, ist keineswegs selbstverständlich. Die Geschichte der europäischen Ferienfluggesellschaften ist voller Insolvenzen und verschwundener Marken.

Vielleicht erklärt gerade ihre Herkunft einen Teil des Überlebens der Airline. Condor war nie eine klassische Netzwerkairline und nie ein reiner Billigflieger. Sie war immer vor allem eines: ein Transportmittel für den Urlaub.

Solange Menschen verreisen wollen, wird es dafür vermutlich auch eine Nachfrage geben. Ob Condor diese Rolle im europäischen Luftverkehr dauerhaft behaupten kann, wird sich allerdings erst in den kommenden Jahren entscheiden – zwischen Nostalgie, neuer Flotte und einem Markt, der sich immer wieder neu sortiert.

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