Auf zwei Rädern durch Europa – Eine Einladung zum Abenteuer
Dieser Bericht richtet sich an alle, die den Ruf der Ferne auf zwei Rädern hören. Er dient als praktischer Leitfaden und Inspirationsquelle, indem er nicht nur die spektakulärsten Routen vorstellt, sondern auch essenzielles, praxisnahes Wissen vermittelt, um jede Tour sicher und genussvoll zu einem unvergesslichen Abenteuer zu machen.
Teil I: Die Klassiker – Majestätische Pässe und historische Strecken
Kapitel 1: Das Herz der Kurven – Die Alpen
Die Alpen sind das unbestrittene Mekka für Motorradfahrer in Europa. Sie bieten eine beispiellose Dichte an Kurven, Kehren und atemberaubenden Panoramen, die das Herz jedes Bikers höherschlagen lassen. Hier befinden sich die legendärsten Strecken, die von Fahrerinnen und Fahrern auf der ganzen Welt als absolute Pflichtziele angesehen werden.
1.1. Königin der Alpenstraßen: Die Route des Grandes Alpes (Frankreich)
Die Route des Grandes Alpes verläuft über rund 700 Kilometer von Thonon-les-Bains am Genfer See kontinuierlich nach Süden bis Menton am Mittelmeer. Sie durchquert mehr als 16 große Alpenpässe, darunter die berühmten Höhen Europas wie Col de l’Iseran und Col du Galibier. Der Col de l’Iseran ist mit 2.764 m der höchste durchgehend befahrbare Straßenpass der Alpen und Europas. Die Zusatzschleife zur Cime de la Bonette führt zwar noch höher (2.802 m), gilt aber nicht als klassischer Pass, sondern als befahrbare Schleife – daher bleibt der Iseran die „Krone“ unter den klassischen Alpenpässen.
Empfohlen wird die Befahrung im Frühsommer (Juni) oder Frühherbst (September), da im August wegen der Ferien dichter Verkehr und häufige Staus auf den Bergstraßen auftreten. Für entspanntes Fahren mit klarer Bergluft sind die Randmonate besonders geeignet; die Passöffnungen variieren nach Wetterlage, meist ist die Route zwischen Juni und Mitte Oktober sicher befahrbar.
Das spektakulärste Panorama bietet die Südrampe Richtung Val-d’Isère; von dort eröffnet sich ein eindrucksvoller Blick auf die schneebedeckten Dreitausender und den Mont Blanc. Wer die Zusatzschleife zur Cime de la Bonette fährt, erreicht zwar den höchsten befahrbaren Punkt Europas, verlässt aber die eigentliche Strecke der Route des Grandes Alpes; die Ringstraße zur Bonette ist ein lohnender, aber optionaler Abstecher.
1.2. Der Mythos Großglockner-Hochalpenstraße (Österreich)
Die Großglockner-Hochalpenstraße ist eine rund 48 km lange Panoramastraße mit 36 Kehren, die die Bundesländer Salzburg und Kärnten verbindet und auf bis zu 2.571 Meter zur Edelweißspitze steigt. Der Großglockner bleibt stets imposant im Blick. Charakteristisch sind die perfekten Asphaltkurven des Hauptabschnitts, während die steile Auffahrt zur Edelweißspitze mit rustikalem Kopfsteinpflaster eine fahrerische Herausforderung mit einzigartigem Rundumblick darstellt.
Eine Tageskarte kostet für Motorräder 2025 35 €, der Nachttarif ab 18 Uhr liegt bei 28,50 €. Die Straße ist von etwa Anfang Mai bis Ende Oktober/Anfang November geöffnet; die tatsächliche Saison richtet sich nach Schnee- und Wetterlage. Die Prüfung von Webcams und aktuellen Straßenzuständen vor der Abfahrt ist für eine lohnende Tour unerlässlich.

1.3. Das Stilfser Joch und die Dolomiten (Italien)
Das Stilfser Joch (Passo dello Stelvio) steht mit 2.757 m und seinen legendären Kehren im Zentrum des Dolomiten-Traums. Die Dolomiten bieten eine einmalige Dichte an Pässen wie Sella, Pordoi, Falzarego und Grödnerjoch und verbinden reizvollste Etappen. Die Straße ist bei guten Bedingungen meist von Ende Mai bis Anfang November offen, Schneefälle können die Saison abrupt verkürzen; Sperrungen durch Wetter, Veranstaltungen oder Feiertage sind regelmäßig möglich. Die viel diskutierte Straßenqualität ist ebenfalls zutreffend – während der Großglockner durch perfekten Belag punktet, bietet etwa der Gavia-Pass eine holperige, aber besonders abenteuerliche Fahrt. In Südtirol gilt für Motorräder bei winterlichen Bedingungen explizit ein Fahrverbot; das sollte an den Saisonübergängen unbedingt beachtet werden.
Infobox: Saison & Wetter
- Alpen: Juni–Oktober, Randmonate am angenehmsten
- Dolomiten: Ende Mai–Anfang November, wetterbedingt schwankend
- Pyrenäen: Mai–Oktober, teils kühl und neblig
- Balkan: Küstenregion fast ganzjährig befahrbar, Hochgebirge Mai–Oktober
- Norwegen/Schottland: sehr kurze Saison Juni–August
Kapitel 2: Wilde Schönheit – Die Pyrenäen
Die Pyrenäen trennen die Iberische Halbinsel von Mitteleuropa und bieten eine raue, ursprüngliche Alternative zu den bekannteren Alpen. Dieses Gebirge besticht durch seine Einsamkeit, unberührte Natur und die Herausforderung, die seine Pässe stellen.
2.1. Das Pässe-Quartett: Tourmalet, Aspin & Co. (Frankreich)
Die Pyrenäen sind das Zuhause einiger der legendärsten Pässe, die vor allem durch die Tour de France Berühmtheit erlangten. Das sogenannte Pässe-Quartett aus Peyresourde, Aspin, Tourmalet und Aubisque liegt wie an einer Perlenschnur aufgereiht und lädt zu einem anspruchsvollen Marathon ein. Der Col du Tourmalet (2.117 m) ist auch für Motorradfahrer ein lohnendes Ziel. Die Abfahrt vom Col de Menté gilt als besonders aufregend. Wer stressfrei genießen will, sollte auf diesen kurvigen Strecken eher mit einem Schnitt von 40 km/h planen – der Genuss liegt im Fluss des Fahrens und der immensen Landschaft. Die Pyrenäen sind Balsam für die gestresste Seele und bieten viel Ursprünglichkeit und Ruhe abseits der Massentouristik.
2.2. Pyrenäen-Crossing: Von Küste zu Küste (Spanien/Frankreich)
Die Durchquerung der Pyrenäen von Küste zu Küste ist ein klassisches Motorrad-Abenteuer. Beliebt sind Varianten wie die „Route des Cols“ – über 911 km und 34 Pässe an der französischen Seite – oder die spanische Nordroute mit rund 918 km. Landschaftlich wechseln anspruchsvolle Pässe mit entspannten Tälern. Der Col de Somport ist ein Klassiker, dessen spanischer Teil sich in sehr gutem Zustand präsentiert und Fahrspaß für Tourer und Sportler gleichermaßen bietet. Die Strecke lädt zu Stopps in Orten wie dem „James-Bond-Flughafen“ Altiport Peyresourde und zu vielen Fotomotiven an menschenleeren Straßen ein.
Teil II: Entlegene Pfade – Abenteuer jenseits der Alpen
Kapitel 3: Der Traum vom Osten – Balkan-Exotik
Der Balkan ist für viele Motorradfahrer ein ungeschliffenes Naturjuwel. Die Region vereint ursprüngliche Natur, atemberaubende Panoramen und den Charme von gastfreundlichen Menschen. Die vorgestellten Routen bieten einen eindrucksvollen Kontrast zu den etablierten Strecken Westeuropas.
3.1. Die Straße der Genüsse: Jadranska Magistrala (Kroatien)
Die Jadranska Magistrala, auch Adriatische Küstenstraße genannt, ist eine rund 600 km lange Panoramastraße von Rijeka nach Dubrovnik. Sie gilt als eine der schönsten Straßen Europas, führt durch malerische Städte wie Zadar, Trogir und Split und bietet spektakuläre Blicke auf die türkisfarbene Küste. Trotz einladender Kurven ist Vorsicht geboten: Die Polizei kontrolliert intensiv, Tempolimits sollten beachtet werden, und ein gemächliches Tempo ermöglicht den vollen Genuss der Landschaft. Für Insel-Hopping eignen sich gut ausgebaute Straßen und regelmäßige Fähren zu Brač, Hvar und Krk.

3.2. Die „schönste Straße der Welt“: Transfăgărășan (Rumänien)
Die 156 km lange Transfăgărășan zählt zu den spektakulärsten Hochstraßen Europas. Sie schlängelt sich mit Haarnadelkurven und langen Tunneln durch die Karpaten. Der Asphalt ist rau und teils löchrig, aber die Authentizität der Route und ihre Geschichte geben ihr einen einmaligen Charme. Sommerlich geöffnet (Juni bis Oktober, tageszeitlich begrenzt); frühmorgendlicher Start empfiehlt sich. Vorsicht vor Braunbären am Straßenrand!
Kapitel 4: Die raue Seele – Großbritannien und Skandinavien
4.1. Schottlands Legende: North Coast 500 (UK)
Die NC500 ist eine 830 km lange Rundtour ab Inverness durch die Highlands, gilt als einer der schönsten Roadtrips Europas und vereint einsame Küstenabschnitte, historische Orte und Abstecher in die abgelegenen Highlands von Schottland. Verkehrsprobleme – besonders durch Wohnmobile – sind ein Aspekt des Erfolgs der Route. Mindestens fünf bis sieben Tage Planung sind empfehlenswert. Ein besonderes Highlight ist der Gebirgspass „Bealach na Bà“; Umsicht auf den meist einspurigen Straßen ist wichtig. Die Route erfordert Konzentration, auch wegen des Linksverkehrs.

4.2. Fjorde und Atlantikstraße (Norwegen)
Norwegen überzeugt mit dramatischer Landschaft und einzigartigen Routen. Die 8 km lange Atlantikstraße verläuft über acht Brücken von Insel zu Insel; ebenso berühmt ist der Trollstigen mit seinen steilen Kehren in majestätischer Umgebung. Die Saison ist im Norden kurz: Mitte Juni bis Ende August. Der Trollstigen öffnet meist erst ab Ende Mai. Spontane Touren sind aufgrund von Wetter, Fahrstrecke und Fährplanung nur eingeschränkt empfehlenswert.

Infobox: Besonderheiten unterwegs
- Frankreich: Retroreflektierende Aufkleber am Helm, zertifizierte Handschuhe vorgeschrieben
- Österreich: Verbandskastenpflicht auch für Motorräder
- Kroatien & Norwegen: Warnwesten mitführen
- Italien (Südtirol): Fahrverbot bei winterlichen Bedingungen für Motorräder
- Frankreich ab 2025: Staudurchfahrten für Motorräder offiziell erlaubt
Teil III: Der praktische Leitfaden für jede Tour
Kapitel 5: Die richtige Planung – Vor der Abfahrt
5.1. Das passende Bike und Ausrüstung
Empfohlen wird ein Bike, das zum Terrain passt: Straßenmotorräder auf Asphalt, Enduros und Dual-Sport-Modelle abseits befestigter Wege. Eine Packliste ist unerlässlich, das tägliche Waschen von Unterwäsche spart Gepäck. Eine aktuelle Straßenkarte ist trotz Navi und Smartphone weiterhin sinnvoll für den Überblick.
5.2. Beste Reisezeiten und Pass-Öffnungen
Die Wahl der Reisezeit ist entscheidend: Hochalpine Pässe sind meist von Ende Mai/Juni bis Ende Oktober offen. Nebensaison bedeutet ruhigere Straßen und oft bessere Temperaturen; aktuelle Passöffnungen online oder per Webcams prüfen.
5.3. Maut- und Kostenmanagement
Mautsysteme in Europa:
- Vignettenpflicht für Autobahnen/Schnellstraßen etwa in Österreich, Schweiz, Slowenien
- Streckenabhängige Maut in Frankreich, Italien, Kroatien, Polen (abhängig von Strecke)
- Sondermauten z.B. für Brücken, Tunnel, Panoramastraßen wie die Öresundbrücke oder Großglockner-Hochalpenstraße
Frühzeitige Recherche der Kosten ist ratsam.
Infobox: Beispiel-Mautkosten 2025
- Österreich: Jahresvignette Motorrad 35,50 €
- Schweiz: Jahresvignette 40 CHF (ca. 37 €)
- Slowenien: 7 Tage 7,50 €, 1 Jahr 55 €
- Frankreich: ca. 7–14 Cent je km
- Kroatien: 5–105 € je nach Strecke
- Großglockner: 35 € pro Motorrad (Tageskarte)
Kapitel 6: Verkehrsregeln und Verhalten im Ausland
6.1. Gesetze, die jeder Biker kennen muss
Helmpflicht überall, in Frankreich zusätzlich retroreflektierende Aufkleber am Helm und Pflicht zertifizierter Handschuhe. Langärmelige Jacken und Hosen für Fahrer wie Beifahrer sind oft vorgeschrieben. Mitführpflicht: In Österreich ist ein Verbandskasten Pflicht, in Kroatien und Norwegen Warnwesten. Tagfahrlicht ist in vielen Ländern ganzjährig für Motorräder vorgeschrieben. In Frankreich sind ab 2025 Staudurchfahrten für Motorräder ausdrücklich erlaubt, örtliche Besonderheiten und Strafen sollten unbedingt vorab geprüft werden. Sprachliche Grundkenntnisse und höflicher Umgang mit der Polizei sind oft entscheidend.
6.2. Unterwegs in der Gruppe und allein
Empfohlen wird eine Gruppengröße von maximal fünf Personen; ein versetztes Fahren bringt Übersicht und Sicherheit. Die beständige Reihenfolge vermeidet den „Ziehharmonika-Effekt“ und sorgt für ein besseres Fahrerlebnis.
Infobox: Tipps für Gruppenfahrten
- Maximal fünf Motorräder in einer Gruppe
- Versetzt fahren für bessere Übersicht
- Klare Reihenfolge einhalten
- Pausen vorher absprechen
Bereit für die Reise
Motorradreisen in Europa sind ein Kaleidoskop an Erlebnissen – von der majestätischen Ruhe der norwegischen Fjorde bis zum fahrerischen Rausch auf den Kehren des Stilfser Jochs. Die vorgestellten Routen sind nur ein kleiner Ausschnitt der Möglichkeiten, die Europa bietet. Der wahre Wert liegt nicht im Ziel, sondern im Weg selbst: Mit Wissen, Planung, der richtigen Einstellung und einem offenen Geist findet jeder Biker sein persönliches Asphalt-Abenteuer. Der Motor ist bereit, die Straßen warten. Es ist Zeit, loszufahren.
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