Ist Fliegen noch sicher? Flugsicherheit und Risiken

| von if

Die zivile Luftfahrt gilt bis heute als Meisterwerk moderner Sicherheitstechnik. Über Jahrzehnte haben technische Innovationen, verbesserte Verfahren und eine strenge Sicherheitskultur das Risiko eines Unfalls drastisch gesenkt. Wer heute in ein Flugzeug steigt, bewegt sich in einem Transportmittel, das statistisch sicherer ist als jede Autofahrt, jede Bahnfahrt und selbst als ein Fußweg durch die Stadt. Doch absolute Sicherheit gibt es nicht – und sie ist kein statischer Zustand. Hinter jeder sicheren Landung steckt ein komplexes Zusammenspiel aus Technik, Erfahrung und Entscheidungskraft. Und genau dieses Zusammenspiel steht 2025 vor neuen Herausforderungen.

Ist Fliegen noch sicher? Flugsicherheit und Risiken
Flugsicherheit hat höchste Priorität; Bild: KI/if

Die Lehren der Vergangenheit

Die großen Fortschritte in der Flugsicherheit sind nicht zufällig entstanden. Jede Katastrophe der Vergangenheit – vom Navigationsfehler im Anflug bis zur Kollision am Boden – wurde akribisch untersucht, ihre Ursachen analysiert, ihre Lehren in Verfahren und Technik umgesetzt.

So wurden beispielsweise in den 1980er Jahren Bodenannäherungswarnsysteme eingeführt, nachdem mehrere Maschinen im Nebel gegen Berghänge geflogen waren. In den 1990er Jahren reagierte die Branche auf wiederholte Unfälle beim Landeanflug, indem Durchstartverfahren („Go-Around“) konsequent trainiert und automatisiert unterstützt wurden. Die Einführung standardisierter Cockpitkommunikation und klarer Rollenverteilungen hat seither unzählige Missverständnisse zwischen Piloten vermieden.

Wenn Technik versagt – und der Mensch rettet

Trotz aller Automatisierung bleibt der Mensch im Cockpit unersetzlich. Dass Technik auch gefährlich werden kann, zeigte sich am 5. November 2014 auf dem Lufthansa-Flug LH1829 von Bilbao nach München. Im Steigflug froren drei Anstellwinkelsensoren ein, was den Bordcomputer zu einer falschen Einschätzung verleitete: Er drückte die Nase des Airbus A321 nach unten – unbemerkt und ohne Warnhinweis.

Die Piloten bemerkten Unregelmäßigkeiten in den Geschwindigkeitsanzeigen, entkoppelten den Autopiloten und hielten die Maschine mit Muskelkraft in der Höhe. Schließlich schalteten sie einen der Computer ab, um den falschen Steuerbefehl zu stoppen. Ohne dieses schnelle Eingreifen wäre die Maschine wahrscheinlich in einen unkontrollierbaren Sturzflug geraten.

Ein noch bekannteres Beispiel ist die Notwasserung von US-Airways-Flug 1549 im Jahr 2009: Kapitän Chesley „Sully“ Sullenberger landete seinen Airbus A320 nach dem Ausfall beider Triebwerke durch Vogelschlag auf dem Hudson River. Dieses Szenario war weder vorhersehbar noch in dieser Form trainierbar – es war allein das Zusammenspiel aus Erfahrung, kühlem Kopf und Intuition, das 155 Menschen das Leben rettete.

Neue Gefahren

Die Risikolandschaft hat sich in den letzten Jahren verändert. Viele klassische Unfallursachen sind durch Technik und Verfahren nahezu eliminiert. Doch die neuen Bedrohungen sind weniger vorhersehbar und oft technikbedingt:

Lithium-Ionen-Akkus
Im August 2025 kam es auf einem KLM-Flug von Amsterdam nach Nairobi zu dichter Rauchentwicklung im Passagierraum, nachdem eine Powerbank in der Tasche eines Reisenden Feuer fing. Die Crew reagierte sofort, nutzte spezielle Löschsäcke für Batterien und verhinderte so Schlimmeres. Solche Vorfälle nehmen zu – allein 2024 wurden weltweit über 300 Akku-bedingte Zwischenfälle gemeldet.

GPS-Störungen in Konfliktzonen
Seit dem Krieg in der Ukraine und den Spannungen im Nahen Osten häufen sich Berichte über manipulierte Navigationssignale. Im April 2025 musste eine Maschine im Anflug auf Tel Aviv manuell gesteuert werden, weil das GPS-System falsche Positionsdaten lieferte. Die Piloten verließen sich auf visuelle Anflughilfen – eine Fähigkeit, die heute nur noch durch konsequentes Training erhalten bleibt.

Luftraumkollisionen trotz Technik
Am 17. Januar 2025 ereignete sich in Washington, D.C., eine der schwersten Luftfahrtkatastrophen der letzten Jahre: Ein Regionaljet kollidierte nach dem Start mit einem Rettungshelikopter, der unerwartet in den Anflugsektor geraten war. 67 Menschen starben. Der Unfall zeigte, dass selbst ausgefeilte Kollisionswarnsysteme nicht verhindern können, was durch menschliche Fehlentscheidungen oder missverständliche Freigaben entsteht.

Safety 1 und Safety 2 – warum nicht nur Fehler zählen

Traditionell orientiert sich die Sicherheitsarbeit am Konzept „Safety 1“: Man untersucht, warum ein Unfall passiert ist, und ergreift Maßnahmen, um Wiederholungen zu verhindern. Doch wenn die großen, systematischen Risiken bereits eliminiert sind, geraten die seltenen, unvorhersehbaren Ereignisse in den Fokus.

Das ergänzende Konzept „Safety 2“ fragt deshalb: „Warum geht es so oft gut?“ – und erkennt an, dass viele Gefahren gar nicht erst eskalieren, weil Menschen flexibel reagieren. Diese Perspektive macht deutlich, dass das Handeln der Piloten zwischen Routine und Ausnahmezustand der entscheidende Faktor ist.

Sicherheit als tägliche Aufgabe

Fliegen ist heute so sicher wie nie – und doch verletzlich. Jede neue Technologie kann unbeabsichtigte Nebenwirkungen haben, jede Sicherheitsmaßnahme neue Probleme schaffen. So hat etwa die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eingeführte gesicherte Cockpittür zwar unbefugte Zutritte verhindert, spielte aber 2015 beim Germanwings-Absturz eine tragische Rolle, weil sie den Co-Piloten allein im Cockpit abschottete.

Die Zukunft der Flugsicherheit wird davon abhängen, ob die Branche Technik und Mensch als gleichberechtigte Partner versteht. Das bedeutet: weiterentwickelte Systeme, aber auch die Pflege der klassischen fliegerischen Fähigkeiten – vom manuellen Anflug bis zur Orientierung ohne GPS.

Für Passagiere bleibt die Botschaft beruhigend: Wer heute ins Flugzeug steigt, nutzt ein Transportmittel, das dank jahrzehntelanger Arbeit von Ingenieuren, Piloten, Fluglotsen und Sicherheitsexperten auf einem Sicherheitsniveau operiert, das weltweit seinesgleichen sucht. Doch dieser Status muss täglich neu erarbeitet werden – durch Aufmerksamkeit, Training und die Bereitschaft, aus jedem Zwischenfall zu lernen.

Schreibe einen Kommentar