KI-Reiseführer: Eine Flut verändert den Markt

| von if

Die Reiseführerlandschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Wer sich heute in den digitalen Marktplätzen von Amazon, Google Books oder auch auf Plattformen wie Etsy umsieht, stößt auf eine Flut neuer Titel, die sich in erstaunlicher Gleichförmigkeit präsentieren. Fast jedes größere Reiseziel ist inzwischen mit einem Dutzend schlanker „Guides“ vertreten, die nicht selten binnen weniger Wochen auf den Markt geworfen werden. Sie tragen vielversprechende Titel, verweisen auf „Insidertipps“ oder „ultimative Listen“, doch beim näheren Hinsehen entpuppen sie sich als Produkte einer Serienproduktion – meist erstellt mit Hilfe Künstlicher Intelligenz und optimiert für Suchmaschinen.

KI-Reiseführer: Eine Flut verändert den Markt
Ein kleine Auswahl an Tanger-Reiseführern bei amazon; Foto: screenshot amazon.de

Ein besonders auffälliges Beispiel ist die marokkanische Hafenstadt Tanger. Wer sich für die Stadt am Übergang zwischen Europa und Afrika interessiert, findet eine kaum zu überblickende Auswahl: „Tanger Reiseführer 2025“, „Entdecken Sie die Magie Nordmarokkos“, „Insidertipps für Tanger“ – die simplen Cover unterscheiden sich, der Inhalt kaum. Doch Tanger ist nur ein extremer Fall in einer globalen Entwicklung, die den gesamten Markt verändert.

Von der Handschrift zum Textbaustein

Traditionelle Reiseführer lebten von der Handschrift ihrer Autoren. Ob die literarische Eleganz eines Nicolas Bouvier, die faktische Genauigkeit eines Stefan Loose, Hans-R. Grundmanns von Reise Know-How oder die hintergründige Recherche klassischer Reihen wie Baedeker oder Dumont – jedes Werk trug Spuren individueller Erfahrung. Genau das unterscheidet den Reiseführer von einer reinen Informationssammlung: Er bündelte Fakten, setzte sie in Zusammenhang, kommentierte kritisch und spiegelte zugleich die Perspektive des Autors wider.

Die neue Generation KI-basierter Reiseführer kennt dieses Prinzip nicht mehr. Statt individueller Beobachtung entstehen Texte aus einer Kombination bekannter Schlagworte: Sehenswürdigkeiten, Klima, Anreise, Kulinarik. Sie erscheinen in vordefinierter Reihenfolge, oft mit denselben Formulierungen. „Verlieren Sie sich in den Gassen der Medina“ ist so universell, dass es in Marokko, Tunesien und Ägypten gleichermaßen auftaucht. „Probieren Sie unbedingt die lokale Spezialität“ steht in fast jedem Band, ob es nun um Couscous, Pho oder Pizza geht.

Tanger als Paradebeispiel

Gerade Tanger ist prädestiniert für solche Schablonentexte. Die Stadt ist reich an ikonischen Motiven: das Cap Spartel am äußersten Nordwesten Afrikas, die Höhlen des Herkules, die alte Kasbah mit Blick über die Straße von Gibraltar. Diese Orte lassen sich in jeder Top-5- oder Top-10-Liste mühelos anordnen.

Hinzu kommt die Aura der Stadt. Tanger war bis 1956 internationale Zone, Schauplatz von Diplomaten, Schmugglern, Künstlern. Paul Bowles lebte hier, Henri Matisse malte hier, und die Beat-Generation fand Inspiration in den Cafés am Hafen. Solche Schlagworte reichen, um exotische Versprechen zu transportieren – selbst wenn die eigentliche Geschichte im Text nie vertieft wird.

Ein typischer KI-Guide über Tanger enthält daher die immer gleichen Passagen: die Medina als „bunte Welt der Händler“, den Grand Socco als „pulsierendes Herz der Stadt“, die Corniche als „ideale Flaniermeile“. Ergänzt werden sie durch Hinweise wie „beste Reisezeit: Frühling und Herbst“ oder „nehmen Sie die Fähre von Tarifa“. Wer mehrere dieser Werke nebeneinanderlegt, erkennt die nahezu identische Sprache.

Ein Blick über Tanger hinaus

Doch Tanger ist nicht der einzige Ort, an dem sich dieses Phänomen beobachten lässt. Singapur etwa wird in zahllosen E-Books nach demselben Schema präsentiert: „Marina Bay Sands“, „Gardens by the Bay“, „Sentosa Island“. Die Überschriften lauten „Top-Attraktionen“, „Essen & Trinken“, „Transport“ – so austauschbar, dass sie beinahe als Standardtemplate gelten könnten.

Auch Marrakesch ist überflutet von KI-Titeln. Souks, Riads und der Djemaa el-Fna werden in Endlosschleife aufgezählt, selten ergänzt um wirklich hilfreiche Hinweise zu Orientierung, Verhalten oder kulturellem Kontext. Bali wiederum erlebt eine Welle von „Insiderguides“, die fast wortgleich Strände, Reisterrassen und Tempel aufzählen, ergänzt um die stereotype Empfehlung, „den Sonnenuntergang am Strand von Kuta“ zu erleben.

Besonders problematisch werden die KI-Produkte, wenn sie nicht nur flach bleiben, sondern falsche Informationen enthalten. In einem Guide zu Khao Lak in Thailand wurden Jet-Ski-Ausflüge empfohlen – eine Aktivität, die dort seit Jahren verboten ist. In einem Paris-Band wurde der Besuch der Katakomben als „geheime, illegale Tour“ beworben, obwohl es sich längst um ein staatliches Museum mit regulären Öffnungszeiten handelt. Solche Fehler sind keine Einzelfälle, sondern Symptom einer Produktion, die Inhalte aus unsicheren Quellen zusammenzieht und ohne Gegenprüfung ausspielt.

Folgen für Reisende

Für den Leser bedeutet dies eine wachsende Unsicherheit. Wer ein E-Book kauft, kann oft nicht erkennen, ob es sich um seriöse Recherche oder um automatisierte Massenware handelt. Viele dieser Bücher sind optisch professionell gestaltet, die Cover ansprechend, die Klappentexte verheißungsvoll. Hinzu kommen häufig Dutzende Fünf-Sterne-Bewertungen, die nicht selten fragwürdig wirken.

Das Problem beginnt bei der Oberflächlichkeit, reicht aber bis zu praktischen Risiken: Wer sich auf veraltete Fährzeiten verlässt, steht womöglich am Hafen ohne Verbindung. Wer Restaurants nach solchen Guides auswählt, trifft nicht selten auf geschlossene Betriebe. Und wer sich von falschen Sicherheitshinweisen leiten lässt, kann in missliche Situationen geraten.

Noch gravierender ist die Verarmung der Perspektive. Wo früher Reiseautoren eigene Eindrücke schilderten – die Stimmung auf einem Platz, den Geruch eines Marktes, den Wandel einer Stadt – bleibt heute ein steriler Text ohne Zwischentöne. Reisen wird so zur Kulisse, nicht zur Erfahrung.

Folgen für den Markt

Auch für die Verlage hat diese Entwicklung Konsequenzen. Sichtbarkeit in den großen Online-Shops wird zunehmend von Algorithmen bestimmt. Titel, die mit den richtigen Schlagworten arbeiten – „Tanger 2025“, „Insidertipps“, „ultimativer Guide“ – erscheinen weit oben in den Suchergebnissen. Hochwertige Bücher mit gründlicher Recherche geraten ins Hintertreffen.

Der Preisdruck ist enorm: Während ein seriös recherchierter Reiseführer im Buchhandel 15 bis 20 Euro kostet, werden die KI-Produkte oft deutlich günstiger mit strategisch gewählten oder von amazon auferlegten „krummen Preisen“ wie 12,14€ oder 11,26€ angeboten. Für viele Käufer ist der Preis anscheinend das entscheidende Kriterium. Dass die Qualität kaum vergleichbar ist, zeigt sich oft erst, wenn das Buch schon gekauft wurde.

Ein weiteres Problem ist das Vertrauen. Wer einmal schlechte Erfahrungen mit einem KI-Guide macht, begegnet künftig allen Reiseführern skeptischer. Damit schadet die Massenware nicht nur sich selbst, sondern dem gesamten Genre.

Exkurs: Historische Parallelen

Billigführer sind keine neue Erfindung. Schon in den 1970er-Jahren gab es dünne Hefte, die mit oberflächlichen Listen warben und wenig Substanz boten. Doch der Unterschied liegt in Tempo und Reichweite. Damals waren Druck und Vertrieb noch aufwendig; die Zahl der Titel blieb überschaubar. Heute erlaubt das Selfpublishing über Plattformen wie Amazon KDP oder Etsy, binnen Stunden neue Bücher zu veröffentlichen. Künstliche Intelligenz liefert die Texte gleich im Dutzend.

Was früher eine Randerscheinung war, ist heute ein globales Phänomen. Von Europa bis Asien, von Nordafrika bis Südamerika entstehen jährlich tausende solcher „Guides“ – ein Ausmaß, das die etablierten Verlage mächtig unter Druck setzt.

Woran man (schlechte) KI-Reiseführer erkennt:

  • Sie klingen auffallend unpersönlich, es fehlen Anekdoten, kleine Beobachtungen oder individuelle Wertungen.
  • Sie verwenden übermäßig viele Superlative: „ultimativ“, „atemberaubend“, „unvergesslich“.
  • Die Gliederung folgt fast immer demselben Muster: Sehenswürdigkeiten, Anreise, Klima, Essen.
  • Es fehlen konkrete Details wie Straßennamen, Öffnungszeiten, aktuelle Preise.
  • Häufig finden sich merkwürdige Fehler: Empfehlungen für verbotene Aktivitäten oder längst geschlossene Lokale.
  • Die Autoren sind meist nicht identifizierbar, oft verbergen sich hinter den Namen dutzende weitere Titel aus völlig anderen Regionen.
  • Oft „krumme“ Preise, die einen Vorteil suggerieren sollen oder von amazon auferlegt wurden.

Tanger, Marrakesch, Singapur, Bali – sie alle zeigen, wie eine Stadt oder ein Land zur Projektionsfläche für maschinelle Texte wird. Der Reiseführermarkt steht damit an einer Schwelle. Einerseits bieten digitale Techniken neue Chancen der Verbreitung, andererseits drohen Glaubwürdigkeit und Vielfalt verloren zu gehen. Für Reisende heißt das, genauer hinzuschauen.
Für Verlage bedeutet es, die eigene Stärke klarer herauszustellen: Authentizität, journalistische Sorgfalt, kritische Perspektive. Denn nur so lässt sich dem Eindruck entgegenwirken, dass Reisen am Ende auf eine beliebige Liste von Schlagworten reduziert werden kann.

2 Gedanken zu „KI-Reiseführer: Eine Flut verändert den Markt“

  1. Was die KI Reiseführer angeht, gebe ich Ihnen zum großen Teil recht – wobei die Punkte, woran man einen schlechten KI Reiseführer erkenne soll, auch etwas seltsam sind:

    Woran soll ich denn die verbotenen Aktivitäten oder längst geschlossenen Lokale erkennen?
    Und auch ein Dumont oder ADAC Reiseführer hat eine Gliederung nach Sehenswürdigkeiten, Anreise, Klima, Essen.
    Und die Marco Polo Reiseführer haben auch „Insider-Tipps“ im Titel….also ganz so einfach ist es dann auch nicht.

    Aber die von Ihnen angeführten Autoren sind nun auch kein Garant für aktuelle Reiseführer: Nicolas Bouvier Bj. 1929 – gestorben 1998, Stefan Loose Bj. 1946 – also 79 Jahre alt, Hans R. Grundmann Bj 1944 – also 81 Jahre alt. Und die bereisen noch in die Länder der von Ihnen geschriebenen Reiseführer? Sorry, das ist doch auch nicht wahr, oder?

    Beispiel Hr. Grundmann: schaue ich bei amazon, hat er 2025 Mallorca, USA Südwesten, Kanada Westen, Menorca, Formentera und USA der ganze Westen neu herausgebracht. 2024 waren es Kanada Osten, USA Nordwesten, wieder Mallorca und Florida.

    Respekt, ich wollte, ich wäre in dem Alter noch so aktiv und könnte alle Länder bereisen und dann noch so viele Bücher schreiben.

    Die Leben doch auch nur noch von Ihrem Namen…..aber es kann mir doch keiner erzählen, dass diese Autoren noch alle diese Länder bereisen, alle Tipps aus Ihren Büchern vor Ort überprüfen etc. Die nehmen ihre alten Texte und checken online, was sich geändert hat und passen das an.

    Ich lasse mich aber gerne eines besseren belehren…..

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    • Die Kriterien für KI-Texte sind vielfältig, aber vor allem sind sie stereotyp und oft beliebig und schönfärberisch. Neben korrekten Fakten stehen z.T. völlig absurde Aussagen, abhängig davon, welches Modell mit welcher Recherchetiefe bemüht wird. Man kann KI sehr gut einsetzen, muss aber die Texte dringend redaktionell bearbeiten, was sehr aufwändig sein kann und von den kritisierten Herausgebern nicht geleistet wird.
      Was Ihre Kritik an den „alten Autoren“ betrifft. Aus meiner Kenntnis sind etliche tatsächlich noch aktiv vor Ort tätig oder sie haben ihre Zulieferer oder Koautoren, wie z.B. Hans Grundmann. Netzrecherche und KI spielen natürlich auch eine wachsende Rolle. Aber vergleichen Sie bitte mal deren individuelle, z.T. altmodische Texte mit der KI-Konfektionsware, um die es im Artikel geht…

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