Krise in der Gastronomie verschärft sich weiter

| von Hartmut Ihnenfeldt

Die wirtschaftliche Lage der deutschen Gastronomie hat sich weiter zugespitzt. Was lange als Nachwirkung von Pandemie, Energiekrise und Inflation galt, erweist sich zunehmend als strukturelles Problem. Viele Betriebe arbeiten an oder unterhalb der Rentabilitätsgrenze. Preiserhöhungen sind dabei selten Ausdruck von Gewinnstreben, sondern dienen dem schlichten Erhalt des laufenden Betriebs.

Krise in der Gastronomie verschärft sich weiter
Der Besuch eines gepflegten Restaurants entwickelt sich zunehmend zum Luxuserlebnis; Bild von Nenad Maric auf Pixabay CC0

Steigende Löhne, sinkende Umsätze und eine Politik mit Nebenwirkungen

Aktuelle Branchenumfragen zeigen: Rund 22 Prozent der Restaurants und Kneipen planen weitere Preiserhöhungen, obwohl die Nachfrage vielerorts bereits rückläufig ist. Mehr als ein Drittel der Betriebe stuft die eigene wirtschaftliche Lage als schlecht oder sehr schlecht ein. Die Schere zwischen Kosten und Erlösen öffnet sich weiter.

Rechenbeispiel aus der Praxis

Wie sich diese Entwicklung konkret auswirkt, lässt sich an einem typischen inhabergeführten Restaurant mit acht bis zehn Mitarbeitern verdeutlichen – kein Sonderfall, sondern der Normalzustand jenseits der Systemgastronomie.

Service- und Küchenhilfen verdienen oft den gesetzlichen Mindestlohn. Mit dessen Anstieg auf 13,90 Euro brutto pro Stunde – zuzüglich Arbeitgeberanteile – liegt der effektive Kostenlohn pro Stunde bei etwa 16 bis 18 Euro, je nach Betrieb.
Selbst bei nur fünf Vollzeitkräften (d.h. Arbeitsumfang von fünf Personen à 40 Stunden/Woche, auch wenn mehr Teilzeitkräfte dafür sorgen) bedeuten diese Lohnkosten monatliche Mehrkosten von rund 3.000 bis 4.000 Euro.

Diese Summe muss erwirtschaftet werden in einer Branche mit traditionell niedrigen Margen. In vielen Restaurants bringt ein Hauptgericht lediglich drei bis vier Euro Deckungsbeitrag. Um allein die gestiegenen Lohnkosten auszugleichen, wären monatlich mehrere hundert zusätzliche Portionen notwendig – oder spürbare Preiserhöhungen.

Mindestlohn: sozial sinnvoll, wirtschaftlich problematisch

Der gesetzliche Mindestlohn ist sozialpolitisch nachvollziehbar. In der Gastronomie entfaltet er jedoch eine Wirkung, die viele Betriebe in existenzielle Schwierigkeiten bringt. Anders als in Industrie oder Büroarbeitsplätzen lassen sich Arbeitsprozesse hier kaum rationalisieren oder automatisieren. Jeder zusätzliche Euro beim Stundenlohn schlägt unmittelbar auf die Kosten durch.

Besonders problematisch ist die betriebliche Kettenreaktion:

  • Erhöhungen im unteren Lohnsegment führen zu Anpassungsforderungen erfahrener Mitarbeiter
  • Zuschläge für Nacht-, Wochenend- und Feiertagsarbeit steigen proportional
  • Sozialabgaben erhöhen sich automatisch
  • Teilzeitstellen werden reduziert, Öffnungszeiten gekürzt

Als Reaktion darauf reduzieren viele Unternehmer ihr Angebot: zusätzliche Ruhetage, kleinere Speisekarten, Selbstbedienungskonzepte oder der komplette Wegfall des Mittagstisches. Der spürbare Qualitätsverlust ist dabei keine Frage mangelnden Engagements, sondern nüchterner Kalkulation – und letztendlich politisch verursacht.

Warum die Mehrwertsteuersenkung kaum wirkt

Die Rückkehr zum ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent auf Speisen war politisch als Entlastung gedacht. In der betrieblichen Realität verpufft dieser Effekt jedoch häufig.

Ein einfaches Beispiel verdeutlicht das Missverhältnis:
Bei einem Hauptgericht zu 18 Euro brutto liegt die Steuerersparnis bei rund 1,50 Euro. Gleichzeitig betragen die zusätzlichen Lohnkosten pro Arbeitsstunde mehrere Euro. Für Gäste bleiben steigende Preise sichtbar, während Betriebe lediglich versuchen, ihre Liquidität zu sichern. Preissenkungen sind unter diesen Bedingungen kaum darstellbar.

Die schleichende Erosion der Alltagsgastronomie

Besonders stark betroffen ist die klassische Alltagsgastronomie: Landgasthöfe, kleinere Stadtrestaurants, Cafés ohne Kettenanschluss. Viele Betriebe schließen – häufig leise, ohne formelles Insolvenzverfahren, oft aus Erschöpfung oder mangels Perspektive.

Die Folgen zeigen sich zunehmend im Alltag:

  • geringere Angebotsvielfalt und kürzere Öffnungszeiten
  • Wegfall günstiger Mittagsangebote
  • zunehmende Dominanz standardisierter Ketten- und Imbisskonzepte
  • Verlust regionaler Identität und sozialer Treffpunkte

Für Reisende ist diese Entwicklung bereits spürbar. Essen gehen wird teurer, oft unpersönlicher – und in manchen Orten schlicht schwieriger.

Touristische Regionen unter besonderem Druck

In touristisch geprägten Regionen verschärft sich die Situation zusätzlich. Hohe Mieten und Pachten treffen auf personalintensive Betriebsmodelle mit Saisonkräften, Wochenendarbeit und langen Öffnungszeiten. Der Mindestlohn wirkt hier wie ein Beschleuniger.

Paradox ist die Lage dennoch: Nachfrage und Zahlungsbereitschaft der Gäste sind vorhanden, doch viele Betriebe können die betriebliche Last nicht mehr tragen. Gastronomie wird damit selbst zum Engpassfaktor des Tourismus.

Ein Strukturwandel mit offenem Ausgang

Die Krise der Gastronomie ist kein vorübergehendes Konjunkturtief. Sie markiert einen tiefgreifenden Strukturwandel, ausgelöst durch gut gemeinte Sozialpolitik, verändertes Konsumverhalten und eine Kostenentwicklung, die sich zunehmend von realistischen Erlösen entkoppelt.

Ohne differenzierte Ansätze – etwa branchenspezifische Lohnmodelle, Entlastungen bei Sozialabgaben oder realistische Übergangsfristen – dürfte sich dieser Trend fortsetzen. Betroffen sind nicht nur Gastronomen, sondern auch Gäste, Kommunen und ganze Regionen.

Die entscheidende Frage lautet längst nicht mehr, ob Restaurantbesuche teurer werden, sondern welche Art von Gastronomie künftig überhaupt noch bestehen kann.

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