Das Wichtigste vorweg
Möwen gehören zur Ostseeküste. Doch zwischen einem natürlichen Möwenbestand und Tieren, die auf Strandpromenaden gezielt Menschen mit Essen verfolgen, besteht ein erheblicher Unterschied.
Die Ursachen sind zum Teil hausgemacht:
- Möwen werden von Urlaubern gefüttert.
- Essensreste bleiben am Strand liegen.
- Offene oder überfüllte Mülleimer liefern ständig Nachschub.
- Außengastronomie und Imbissstände bieten weitere leicht zugängliche Nahrungsquellen.
- Lernfähige Möwen verlieren dadurch zunehmend ihre natürliche Distanz zum Menschen.
In Grömitz, Dahme und Kellenhusen gilt deshalb seit Mai 2026 ein ausdrückliches Fütterungsverbot. Verstöße können mit Bußgeldern geahndet werden.
Das Problem reicht aber weiter: Was geschieht eigentlich, wenn sich Tierarten dank erfolgreichem Schutz stark vermehren und örtlich selbst zum Problem werden?
Wer Möwen füttert, trainiert den nächsten Fischbrötchenräuber
Eine Möwe, die eine Pommes zugeworfen bekommt, unterscheidet nicht zwischen dem freundlichen Spender und dem nächsten Urlauber, der seine Pommes selbst essen möchte.
Sie lernt lediglich:
Menschen bedeuten Nahrung.
Wer Möwen füttert, belohnt damit genau jene Annäherung, über die sich andere anschließend beschweren. Besonders widersinnig wird es, wenn Urlauber die Vögel zunächst mit Brot oder Pommes anlocken und sie wenige Minuten später empört verscheuchen.
Der Urlauber fährt nach zwei Wochen wieder nach Hause.
Die Möwe bleibt.
Und sie versucht dieselbe erfolgreiche Strategie beim nächsten Gast erneut.
Das gilt nicht nur für die großen Ferienorte. Auch an kleineren Küstenplätzen wie Hohwacht, in Häfen und an beliebten Ostseestränden finden Möwen während der Saison einen reich gedeckten Tisch.
reisebuch.de meint: Wer Möwen füttert, ist kein Tierfreund. Er gewöhnt Wildtiere an Menschen und trägt dazu bei, dass aus natürlicher Nähe aufdringliches Verhalten wird.
Der gedeckte Tisch aus der Mülltonne
Die Verantwortung allein bei den Urlaubern abzuladen, wäre allerdings zu bequem. Auch die Ferienorte selbst müssen handeln.
Überquellende Papierkörbe neben einer Fischbude sind nichts anderes als offene Möwenbuffets. Hinzu kommen achtlos weggeworfene Lebensmittel, stehen gelassene Teller und schlecht gesicherte Abfallbehälter.
Wer Möwen von Promenaden und gastronomischen Bereichen fernhalten möchte, braucht deshalb:
- geschlossene, möwensichere Abfallbehälter,
- häufige Leerungen während der Hauptsaison,
- konsequente Reinigung von Promenaden und Strandbereichen,
- deutlich sichtbare Fütterungsverbote,
- bei Verstößen auch tatsächliche Kontrollen.
Gerade an stark besuchten Urlaubsorten an der Ostsee ist das keine Nebensache, sondern Teil einer vernünftigen touristischen Infrastruktur.
Das größere Problem: Wenn erfolgreicher Artenschutz an Grenzen stößt
Mit Fütterungsverboten allein ist die grundsätzliche Frage jedoch nicht beantwortet.
Der Schutz bedrohter Tierarten gehört zu den großen Erfolgen moderner Umweltpolitik. Aber Artenschutz kann nicht bedeuten, dass anschließend jede Bestandsentwicklung unabhängig von ihren Folgen hingenommen werden muss.
Eine Tierart kann sich erfolgreich erholt haben und örtlich trotzdem Bestände erreichen, die erhebliche ökologische, wirtschaftliche oder touristische Konflikte verursachen.
Dann muss aus Artenschutz Bestandsmanagement werden.
Genau an diesem Punkt beginnt in Deutschland häufig die Hilflosigkeit.
Kormorane am Großen Plöner See: ein Beispiel vor der Haustür
Wie schwierig das Thema ist, zeigt sich nicht nur an der Küste, sondern auch im Naturpark Holsteinische Schweiz und am Großen Plöner See.
Schleswig-Holstein lässt unter bestimmten Voraussetzungen Vergrämungsabschüsse von Kormoranen zu und erkennt damit grundsätzlich an, dass große Kormoranbestände erhebliche Konflikte mit Fischerei und Fischbeständen verursachen können.
Ausgerechnet im EU-Vogelschutzgebiet Großer Plöner See sind solche Eingriffe jedoch besonders stark eingeschränkt. Für betroffene Fischereibetriebe kommen stattdessen unter anderem Ausgleichsregelungen in Betracht.
Das führt zu einer berechtigten Frage:
Ist es sinnvoller, dauerhaft Schäden zu bezahlen, als problematische lokale Bestände wirksam zu regulieren?
Geld ersetzt weder verschwundene Fische noch stellt es ein ökologisches Gleichgewicht wieder her.
Gerade wer die Seenlandschaft rund um Plön kennt, weiß zudem, dass Naturschutz nicht abstrakt stattfindet. Tourismus, Fischerei, Wassersport, Vogelwelt und die ökologische Qualität der Seen beanspruchen denselben Lebensraum.
Kegelrobben: Erfolgsgeschichte mit Nebenwirkungen
Ein ähnlicher Konflikt entwickelt sich bei den Kegelrobben.
Ihre Rückkehr an deutsche Küsten ist zunächst eine Erfolgsgeschichte des Artenschutzes. Doch mit wachsenden Beständen nehmen zwangsläufig auch die Berührungspunkte mit der Küstenfischerei zu.
Robben können Fische aus Fanggeräten holen und dabei Netze und Fang beschädigen. Für kleine Fischereibetriebe ist das keine theoretische Naturschutzdiskussion, sondern eine wirtschaftliche Frage.
Gerade an Nordsee und Ostsee prallen deshalb zwei berechtigte Interessen unmittelbar aufeinander: Schutz wiedererstarkter Wildtierbestände und Erhalt einer ohnehin unter erheblichem Druck stehenden traditionellen Küstenfischerei.
Irgendwann reicht dann der erfreute Hinweis auf die erfolgreiche Rückkehr einer Tierart nicht mehr aus.
Es muss auch die Frage erlaubt sein:
Wie viele Tiere verträgt ein bestimmter Lebensraum, ohne dass andere Arten oder menschliche Nutzungen unverhältnismäßig beeinträchtigt werden?
Möwen, Gänse, Tauben, Kormorane, Robben – immer dasselbe Dilemma?
Die einzelnen Fälle sind biologisch nicht unmittelbar miteinander vergleichbar. Das grundsätzliche Problem ähnelt sich jedoch.
Möwen werden gefüttert und verlieren ihre Scheu.
Stadttauben finden reichlich Nahrung und vermehren sich entsprechend.
Gänse können in großer Zahl Liegewiesen, Parks, Badestellen und landwirtschaftliche Flächen erheblich belasten.
Kormorane führen örtlich zu massiven Konflikten mit Fischerei und Fischbeständen.
Kegelrobben kehren erfolgreich zurück und geraten zunehmend mit der Küstenfischerei in Konflikt.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob wir Tiere schützen sollen.
Die Frage lautet vielmehr: Warum fällt es uns so schwer, erfolgreiche Bestände anschließend auch zu managen?
Artenschutz und Bestandsregulierung sind kein Widerspruch
Eine zeitgemäße Artenschutzpolitik müsste drei Dinge gleichzeitig leisten:
- Gefährdete Arten konsequent schützen.
- Vom Menschen geschaffene Ursachen überhöhter Bestände beseitigen.
- Örtlich problematische Populationen regulieren, wenn andere Maßnahmen nicht ausreichen.
Bestandsregulierung bedeutet nicht, zur früheren rücksichtslosen Verfolgung von Wildtieren zurückzukehren.
Aber zwischen „ausrotten“ und „gar nichts tun“ liegt ein ziemlich großer Handlungsspielraum.
Genau dieser Spielraum muss genutzt werden.
Kritischer Punkt: Eine Tierart zu schützen und eine örtliche Population zu regulieren, sind zwei verschiedene Dinge. Wer beides gleichsetzt, erschwert vernünftiges Wildtiermanagement.
Was Ostseeurlauber selbst tun können
Beim Möwenproblem ist zumindest der erste Schritt ausgesprochen einfach.
Möwen nicht füttern!
Darüber hinaus helfen einige einfache Regeln:
- Essen am Strand nicht unbeaufsichtigt offen liegen lassen.
- Fischbrötchen, Eis und andere Lebensmittel bei vielen Möwen körpernah halten.
- Essensreste sofort entsorgen.
- Möglichst geschlossene Abfallbehälter benutzen.
- Kinder Möwen nicht mit Pommes oder Brot anlocken lassen.
- Fütterungsverbote der Gemeinden ernst nehmen.
Wer Tiere beobachten möchte, findet an der Ostsee genügend Möglichkeiten, dies ohne Fütterung zu tun. Gerade Naturschutzgebiete an der Ostseeküste und die Seen der Holsteinischen Schweiz bieten hervorragende Möglichkeiten zur Vogelbeobachtung.
Der reisebuch.de-Tipp
Wer mit Fischbrötchen oder Eis über eine von Möwen stark frequentierte Promenade läuft, sollte die Vögel frühzeitig und misstrauisch beobachten. Großmöwen können einen günstigen Moment sehr schnell nutzen und blitzschnell zuschnappen.
Vor allem aber gilt:
Nichts hinwerfen – auch nicht „nur eine Pommes“.
Denn genau mit dieser einen Pommes beginnt das Problem.
Vom Möwenproblem zur Grundsatzfrage des Artenschutzes
Die Möwe gehört zur Ostsee wie Strandkörbe, Häfen, Fischbrötchen und auch Quallen. Niemand sollte eine sterile Ferienlandschaft ohne Wildtiere wollen. Aber Wildtiere bleiben für Mensch und Tier am verträglichsten, wenn sie Wildtiere bleiben.
Deshalb müssen wir aufhören, Möwen aus falsch verstandener Tierliebe zu füttern. Gleichzeitig muss der Artenschutz akzeptieren, dass sein eigener Erfolg neue Aufgaben schafft.
Das gilt für Möwen ebenso wie für Kormorane, Gänse, Tauben oder Kegelrobben.
Artenschutz darf nicht mit dem erfolgreichen Anwachsen einer Population enden. Danach beginnt die Verantwortung für ihren Bestand.
Wer schützt, muss deshalb notfalls auch regulieren können.
Sonst wird aus erfolgreichem Artenschutz irgendwann organisierte Hilflosigkeit.

