Die Gefahr muss sachlich eingeordnet werden. Im normalen Reisealltag sind extreme Temperaturen am Mittelmeer, Waldbrände, Verkehrsunfälle, Strömungen und gewöhnliche Badeunfälle erheblich wahrscheinlicher. Dennoch sollten Reisende die wichtigsten Warnzeichen kennen.
Das Wichtigste vorweg
Es gibt keinen Grund, eine Reise nach Griechenland, Italien, Spanien, Kroatien oder in die Türkei aus Angst vor einem Tsunami abzusagen. Das Mittelmeer gehört nicht zu den weltweit am stärksten gefährdeten Meeresgebieten.
Völlig ausgeschlossen sind Tsunamis jedoch nicht. Eine erhöhte Gefährdung besteht vor allem in Teilen Griechenlands, Süditaliens, der Ägäis, der türkischen Westküste, rund um Zypern und vor Nordafrika.
Das größte Problem sind die kurzen Vorwarnzeiten. Liegt das auslösende Erdbeben nahe an der Küste, kann die erste Welle bereits nach wenigen Minuten eintreffen. Wer am Meer ein starkes oder länger anhaltendes Erdbeben spürt, sollte deshalb sofort höheres Gelände aufsuchen und nicht erst auf eine amtliche Warnung warten.
Warum entstehen Tsunamis im Mittelmeer?
Das Mittelmeer liegt zwischen mehreren Erdplatten. Die afrikanische Platte bewegt sich nach Norden und trifft dort auf die eurasische Platte. Besonders im Raum Griechenland, Kreta, Süditalien, Zypern und Westtürkei kommt es deshalb regelmäßig zu Erdbeben.
Hebt oder senkt sich der Meeresboden bei einem starken Seebeben plötzlich, wird die darüberliegende Wassermasse verdrängt. Die entstehenden Wellen können sich über große Entfernungen ausbreiten.
Weitere mögliche Auslöser sind:
- untermeerische Erdrutsche,
- einstürzende Vulkanflanken,
- vulkanische Explosionen,
- größere Hangabbrüche an Insel- und Steilküsten.
Ein Tsunami ist keine gewöhnliche Brandungswelle. Er bewegt große Wassermassen über die gesamte Wassertiefe. Im flachen Küstenwasser wird die Welle langsamer, höher und strömungsstärker. Häfen, Flussmündungen und enge Buchten können ihre Wirkung zusätzlich verstärken.
Wie wahrscheinlich ist ein Tsunami im Mittelmeer?
Für das gesamte Mittelmeerbecken ist innerhalb längerer Zeiträume mit weiteren Tsunamis zu rechnen. Das bedeutet jedoch nicht, dass ein großer Teil der Urlaubsküsten unmittelbar bedroht wäre.
Die Gefährdung verteilt sich sehr ungleich. Ein Ereignis kann nur eine einzelne Bucht, einen Hafen oder wenige Kilometer Küste treffen. Andere Tsunamis breiten sich über größere Entfernungen aus, verursachen an entfernten Küsten aber möglicherweise nur ungewöhnliche Wasserstandsänderungen und starke Strömungen.
Auch eine Wellenhöhe von einem Meter ist nicht automatisch harmlos. Schnell strömendes Wasser kann Menschen umwerfen, Fahrzeuge verschieben, Boote losreißen und Hafenanlagen beschädigen. Mit den verheerenden Tsunamis im Indischen Ozean oder in Japan ist ein solches Ereignis dennoch nicht gleichzusetzen.
Für den einzelnen Reisenden bleibt die Wahrscheinlichkeit, während eines kurzen Mittelmeerurlaubs einen gefährlichen Tsunami zu erleben, äußerst gering.
Historische Tsunamis im Mittelmeer
Schwere Tsunamis sind im Mittelmeer seit der Antike dokumentiert. Nicht jede historische Angabe lässt sich heute exakt überprüfen. An der grundsätzlichen Gefahr besteht jedoch kein Zweifel.
Kreta und Alexandria im Jahr 365
Ein sehr starkes Erdbeben südwestlich von Kreta hob Teile der Inselküste dauerhaft an. Der folgende Tsunami traf große Bereiche des östlichen Mittelmeers und verursachte unter anderem in Alexandria schwere Zerstörungen.
Messina und Kalabrien 1908
Am 28. Dezember 1908 zerstörte ein Erdbeben weite Teile von Messina und Reggio Calabria. Wenige Minuten später erreichten mehrere Tsunamiwellen die Küste. Viele Menschen waren nach dem Erdbeben ans offene Ufer geflohen und wurden dort von den Wassermassen überrascht.
Amorgos 1956
Ein starkes Erdbeben in der Ägäis löste einen lokalen Tsunami aus. In einzelnen Buchten und an ungünstig geformten Küstenabschnitten erreichte das Wasser außergewöhnliche Höhen. Solche Extremwerte gelten jedoch nicht für eine ganze Insel oder Küstenregion.
Algerien und die Balearen 2003
Nach einem Erdbeben vor Algerien erreichten Wellen auch die Balearen. Dort wurden vor allem Boote und Hafenanlagen beschädigt. Das Ereignis zeigte, dass selbst weiter entfernte Küsten betroffen sein können.
Kos, Bodrum und Samos
2017 traf nach einem Erdbeben zwischen Kos und Bodrum ein kleiner Tsunami die griechische und türkische Küste. 2020 überschwemmte nach einem Erdbeben bei Samos eine weitere Flutwelle Teile der Insel und der türkischen Provinz İzmir.
Wo ist die Tsunami-Gefahr im Mittelmeer am größten?
Eine pauschale Einteilung ganzer Länder wäre irreführend. Die Gefährdung kann sich bereits zwischen zwei benachbarten Buchten deutlich unterscheiden. Dennoch lassen sich regionale Schwerpunkte erkennen.
Griechenland, Kreta und die Ägäis
Der Hellenische Bogen südlich und westlich Griechenlands gehört zu den aktivsten Erdbebenregionen Europas. Betroffen sein können Kreta, der Peloponnes, die Kykladen, der Dodekanes sowie Teile der griechischen Ägäisküste.
Das bedeutet nicht, dass ein Urlaub in Griechenland besonders riskant wäre. Es erklärt jedoch, weshalb Erdbeben und Tsunamis dort ernster genommen werden müssen als an vielen anderen europäischen Küsten. Weitere Hintergründe zu Land und Bevölkerung bietet der Beitrag Typisch griechisch.
Sizilien, Kalabrien und das Ionische Meer
Die Straße von Messina, die Ostküste Siziliens, Kalabrien und Teile des Ionischen Meers weisen eine erhöhte Gefährdung auf. Neben Erdbeben kommen untermeerische Rutschungen und vulkanische Vorgänge als Auslöser infrage.
Zum besonderen Charakter des Reiselandes führt der Beitrag Typisch italienisch. Wer im Hochsommer nach Sizilien oder Süditalien reist, sollte außerdem die zunehmende Hitzebelastung berücksichtigen.
Westtürkei und östliche Ägäis
Die Küsten zwischen Çeşme, Bodrum und Marmaris liegen in einer tektonisch aktiven Region. Die Ereignisse von 2017 und 2020 zeigten, dass auch begrenzte Tsunamis Strandpromenaden, Häfen und niedrig gelegene Ortsteile erreichen können.
Die Türkei lässt sich dabei nicht auf die Ferienanlagen der Ägäis und Riviera reduzieren. Der Beitrag Typisch türkisch ordnet verbreitete Vorstellungen über Land und Bevölkerung ein.
Zypern, Levante und Nordägypten
Erdbeben am Zypernbogen und am Hellenischen Bogen können die Küsten Zyperns, der Levante und Nordägyptens betreffen. Besonders flache Küstenebenen, Häfen und dicht bebaute Uferbereiche sind anfällig.
Nordafrika, Balearen und westliches Mittelmeer
Erdbeben vor Algerien können nicht nur die nordafrikanische Küste, sondern auch die Balearen, Sardinien sowie Teile Spaniens, Frankreichs und Italiens erreichen.
Das Ereignis von 2003 zeigte, dass selbst ein Tsunami, der an den Stränden kaum spektakulär aussieht, in Häfen starke Strömungen auslösen kann. Aktuelle Entwicklungen rund um Mallorca finden sich auch in den Mallorca News. Kulturelle Hintergründe bietet der Beitrag Typisch spanisch.
Adria und Kroatien
Die nördliche Adria gilt im Vergleich zur Ägäis oder zu Süditalien als weniger gefährdet. Vollständig risikofrei ist sie dennoch nicht. Lokale Erdbeben, Hangrutschungen und ungünstig geformte Buchten können ungewöhnliche Wasserbewegungen verstärken.
Wer sich über das Land jenseits der üblichen Küstenbilder informieren möchte, findet weitere Einordnungen unter Typisch kroatisch.
Warum Tsunamis im Mittelmeer so schnell eintreffen können
Im Pazifik liegen zwischen einem schweren Seebeben und dem Eintreffen eines Tsunamis häufig mehrere Stunden. Im Mittelmeer können Erdbebenherd und Küste dagegen nur wenige Kilometer voneinander entfernt sein.
Bei einem lokalen Ereignis kann die erste Welle bereits nach wenigen Minuten eintreffen. Selbst ein modernes Warnsystem hat dann Schwierigkeiten, rechtzeitig jede Gemeinde, jedes Hotel und jeden Strandabschnitt zu erreichen.
Die Erschütterung selbst ist deshalb oft die wichtigste Warnung. Wer ein starkes Erdbeben spürt, sollte nicht zuerst im Internet nach einer Bestätigung suchen oder auf eine Nachricht des Reiseveranstalters warten.
Wie gut funktioniert die Tsunami-Warnung?
Im Mittelmeerraum arbeiten mehrere nationale und internationale Warnzentren zusammen. Sie erfassen Erdbeben, berechnen mögliche Wellen und informieren die zuständigen Behörden.
Das System hat sich deutlich verbessert. Seine Wirkung hängt jedoch davon ab, wie schnell die Warnung von den überregionalen Stellen zur einzelnen Küstengemeinde und schließlich zu den Menschen am Strand gelangt.
Sirenen, Lautsprecherdurchsagen, Warn-Apps und Mobilfunkmeldungen sind nicht in allen Ferienorten gleichermaßen vorhanden. Hinzu kommt die große Zahl ausländischer Besucher, die Warntexte, Schilder oder Durchsagen möglicherweise nicht verstehen.
Warnsysteme sind daher eine wichtige Ergänzung, ersetzen bei einem starken Küstenerdbeben aber nicht die sofortige Selbstrettung.
Tsunami-Warnzeichen am Strand
Folgende Anzeichen sollten an einer Mittelmeerküste ernst genommen werden:
- ein starkes oder länger anhaltendes Erdbeben,
- ein plötzliches und deutliches Zurückweichen des Meeres,
- ein ungewöhnlich schneller Wasseranstieg,
- ein lautes, anhaltendes Geräusch vom Meer,
- Sirenen, Lautsprecherdurchsagen oder Mobilfunkwarnungen.
Das Meer muss sich vor einem Tsunami nicht zurückziehen. Je nach Wellenphase kann das Wasser auch unmittelbar ansteigen. Wer auf den spektakulären Anblick eines leer laufenden Strandes wartet, verliert möglicherweise entscheidende Zeit.
Auch andere Warnzeichen am Strand sollten ernst genommen werden. Was die verschiedenen Badeflaggen bedeuten, erklärt Reisebuch.de im Beitrag DLRG an der Ostseeküste: Was die Flaggen am Strand bedeuten. Die konkrete Beflaggung kann sich im Ausland unterscheiden, das Grundprinzip amtlicher Strandwarnungen gilt jedoch überall.
Was tun bei einem Tsunami?
Nach einem starken Erdbeben in Küstennähe gilt:
- Sofort vom Strand und vom Hafen entfernen.
- Zu Fuß höheres Gelände oder eine ausgewiesene Evakuierungszone aufsuchen.
- Küstenstraßen, Flussmündungen, Kanäle, Brücken und Unterführungen meiden.
- Nicht zum Hotelzimmer oder Auto zurückkehren, um Gepäck zu holen.
- Nach der ersten Welle nicht an die Küste zurückgehen.
- Auf eine ausdrückliche Entwarnung der Behörden warten.
Ein Tsunami besteht meist aus mehreren Wellen. Die erste muss nicht die höchste sein. Zwischen den einzelnen Wellen können mehrere Minuten oder deutlich längere Zeiträume liegen.
Warum Häfen und Buchten besonders gefährlich sind
Häfen können bereits bei kleineren Tsunamis zu Gefahrenzonen werden. Die Wellen werden an Mauern, Stegen und Kaianlagen reflektiert. Dadurch entstehen starke, wechselnde und schwer vorhersehbare Strömungen.
Boote können sich losreißen, gegeneinanderschlagen oder auf die Kaianlagen gedrückt werden. Menschen sollten deshalb nach einer Warnung nicht zum Hafen gehen, um ihr Boot zu sichern oder das Geschehen zu beobachten.
Auch enge und trichterförmige Buchten können die Wellenhöhe verstärken. Deshalb sagt die auf offenem Meer gemessene Höhe wenig darüber aus, wie weit das Wasser an einer bestimmten Küste ins Land eindringt.
Die Gefährlichkeit starker Wasserbewegungen wird auch bei gewöhnlichen Rückströmungen oft unterschätzt. Der Ratgeber Gefährliche Strömungen an der Ostseeküste erklärt die wichtigsten Grundregeln für den Fall, dass Schwimmer vom Ufer weggezogen werden.
Sind kleine Tsunamis harmlos?
Nicht jeder Tsunami entwickelt sich zur Katastrophe. Viele Ereignisse bleiben auf Wasserstandsschwankungen, ungewöhnliche Strömungen und kleinere Überflutungen beschränkt.
Dennoch können schon niedrige Wellen gefährlich werden, wenn sie mit hoher Geschwindigkeit durch einen Hafen, eine Uferstraße oder eine enge Bucht strömen. Anders als eine gewöhnliche Brandungswelle fließt das Wasser nicht nur kurz über den Strand, sondern kann mit erheblicher Kraft weit ins Landesinnere vordringen und anschließend wieder zurückströmen.
Menschen werden dabei nicht allein durch die Wassertiefe gefährdet. Treibgut, Fahrzeuge, Boote, Glasscherben und beschädigte Gebäudeteile erhöhen das Verletzungsrisiko.
Müssen Urlauber ihre Reiseplanung ändern?
Für die normale Reiseplanung spielt das Tsunamirisiko nur eine untergeordnete Rolle. Badeunfälle und ihre Ursachen, Hitze, Waldbrände, Straßenverkehr und gesundheitliche Notfälle sind wesentlich wahrscheinlicher.
Wer in einer flachen Küstenebene, auf einem Campingplatz unmittelbar am Wasser oder in einer Marina übernachtet, kann dennoch kurz prüfen, wo höheres Gelände liegt. Das dauert nur wenige Minuten und hilft auch bei Sturmfluten, Hochwasser oder größeren Bränden.
Sinnvoll sind außerdem:
- amtliche Warnmeldungen auf dem Mobiltelefon aktivieren,
- Evakuierungsschilder am Urlaubsort beachten,
- sich beim Hotel nach dem örtlichen Notfallplan erkundigen,
- Kindern erklären, dass sie nach einem Erdbeben nicht zum Wasser laufen dürfen,
- bei ungewöhnlichem Verhalten des Meeres keine Fotos und Videos am Strand aufnehmen.
Eine Auslandskrankenversicherung verhindert keinen Notfall, schützt aber vor hohen Behandlungskosten und kann bei einem medizinisch notwendigen Rücktransport wichtig werden.
Tsunami oder Meteotsunami?
Nicht jede ungewöhnliche Flutwelle im Mittelmeer wird durch ein Erdbeben ausgelöst. Sogenannte Meteotsunamis entstehen durch schnelle Luftdruckänderungen, Gewitterfronten und bestimmte Windverhältnisse.
Treffen solche atmosphärischen Störungen auf eine Bucht mit passender Form und Tiefe, können sich die Wasserbewegungen erheblich verstärken. Meteotsunamis sind meist kleiner als große erdbebenbedingte Tsunamis, können in Häfen und engen Buchten aber ebenfalls Schäden verursachen.
Für Beobachter ist die Ursache zunächst zweitrangig. Steigt oder fällt das Wasser ungewöhnlich schnell, sollten Hafenbecken, Molen und Uferbereiche verlassen werden.
Kein Grund zur Panik, aber zur Aufmerksamkeit
Ein zerstörerischer Tsunami ist für den einzelnen Mittelmeerurlauber sehr unwahrscheinlich. Die Gefahr ist jedoch geologisch real und historisch belegt. Besonders in Griechenland, Süditalien, der Ägäis und an Teilen der türkischen Küste können lokale Ereignisse nur kurze Reaktionszeiten lassen.
Panik ist nicht angebracht. Unwissenheit ebenso wenig. Wer ein starkes Erdbeben an der Küste als natürliche Warnung versteht und sich sofort vom Wasser entfernt, kennt bereits die wichtigste Verhaltensregel.
Wer die wachsenden sommerlichen Belastungen des Mittelmeerraums insgesamt vermeiden möchte, findet im Beitrag über den Trend zur Coolcation an Nord- und Ostsee mögliche Alternativen.

