Warum immer mehr invasive Nattern die Insel beunruhigen
Das Wichtigste vorweg
Die gelbgrüne Zornnatter ist nicht giftig. Eine tödliche Gefahr für Menschen besteht nach bisheriger Einschätzung nicht. Trotzdem ist die Entwicklung beunruhigend. Wer im Urlaub, im Garten einer Finca oder beim Wandern plötzlich auf eine größere Schlange trifft, wird sich kaum mit dem Hinweis beruhigen lassen, dass das Tier „ökologisch interessant“ sei. Die meisten Menschen möchten in einer Ferienunterkunft, am Pool, auf der Terrasse oder auf einem Wanderweg schlicht keine Schlange sehen – schon gar nicht, wenn sich immer neue invasive Arten auf den Inseln ausbreiten.
Das Problem ist: Mallorca hat nicht nur eine neue Schlange, sondern ein wachsendes Kontrollproblem mit eingeschleppten Reptilien.
Neue Schlange auf Mallorca
Neben bereits bekannten Arten wie Hufeisennatter, Leiternatter und Bastardnatter wurde nun auch die gelbgrüne Zornnatter (Hierophis viridiflavus) auf Mallorca nachgewiesen. Die schlanke, auffällig gelbgrün gemusterte Natter ist schnell, tagaktiv und kann sich bei Bedrängnis heftig wehren. Giftig ist sie nicht. Beißen kann sie aber durchaus, wenn sie angefasst, bedrängt oder in die Enge getrieben wird.
Eine wissenschaftliche Untersuchung hatte bereits für den Zeitraum 2021 bis 2024 insgesamt 18 Exemplare im Raum Felanitx und Manacor dokumentiert. Damit handelt es sich nicht um einen zufälligen Einzelfund, sondern um den Hinweis auf eine kleine etablierte Population im Osten Mallorcas.
Für die Behörden ist das ein Warnsignal. Für viele Bewohner und Urlauber ist es vor allem eine weitere unangenehme Nachricht: Nach Hufeisennatter und anderen eingeschleppten Arten taucht nun schon die nächste Natter auf.
Harmlos ist nicht gleich angenehm
In der öffentlichen Kommunikation wird häufig betont, dass die meisten dieser Schlangen für Menschen ungefährlich seien. Das ist sachlich richtig, greift aber zu kurz. Wer mit kleinen Kindern in einer Finca wohnt, einen Hund dabei hat oder im Garten plötzlich eine Schlange entdeckt, empfindet die Situation nicht als harmlos. Auch eine ungiftige Schlange kann Angst auslösen, zubeißen oder bei Haustieren Unruhe verursachen.
Das gilt besonders, wenn die Tiere nicht mehr als seltene Naturbeobachtung erscheinen, sondern als Teil eines wachsenden Problems. Die Balearen haben bereits auf Ibiza und Formentera erfahren, wie schwer invasive Schlangen wieder einzudämmen sind, wenn sie sich erst einmal etabliert haben. Dort bedrohen eingeschleppte Nattern vor allem einheimische Eidechsenarten.
Mallorca steht noch nicht an diesem Punkt, aber die Entwicklung geht in eine Richtung, die ernst genommen werden muss.
Wie kommen die Schlangen auf die Insel?
Wie bei anderen invasiven Arten liegt auch bei der gelbgrünen Zornnatter der Verdacht nahe, dass sie über den Import großer Olivenbäume und Zierpflanzen nach Mallorca gelangt ist. In Wurzelballen, Substrat, Hohlräumen und dichter Vegetation können Reptilien unbemerkt mitreisen.
Der Zusammenhang ist heikel, weil er viel mit dem modernen Mallorca-Boom zu tun hat. Neue Fincas, Villen, Hotels und Gärten sollen sofort mediterran aussehen. Dafür werden alte Olivenbäume, Palmen und große Solitärpflanzen über weite Strecken transportiert. Mit ihnen reist manchmal mehr ein als nur dekoratives Grün.
Was auf dem Festland ein „normales Tier“ ist, kann auf einer Insel zur Plage werden.
Gefahr für die Natur – und ein Ärgernis für Urlauber
Ökologisch ist die Lage eindeutig: Eingeschleppte Schlangen können Eidechsen, Jungvögel, Kleinsäuger und Amphibien fressen. Inselarten haben oft keine ausreichenden Abwehrmechanismen gegen neue Räuber. Besonders empfindlich sind kleine, isolierte Bestände wie die heimischen Eidechsenarten der Balearen oder die seltene Mallorca-Geburtshelferkröte, der sogenannte Ferreret.
Für Urlauber stellt sich die Sache anders dar. Sie fragen nicht zuerst nach Nahrungsketten, sondern nach Sicherheit und Aufenthaltsqualität. Kann eine Schlange am Pool auftauchen? Kann sie im Garten liegen? Was ist mit Kindern? Was ist mit dem Hund? Muss man beim Griff in eine Trockenmauer oder beim Öffnen eines Geräteschuppens vorsichtig sein?
Die ehrliche Antwort lautet: Ja, ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit ist sinnvoll. Nein, Mallorca ist dadurch kein gefährliches Reiseziel. Aber die Sorge ist nachvollziehbar.
Was tun, wenn man eine Schlange sieht?
Wer auf Mallorca eine Schlange entdeckt, sollte nicht versuchen, das Tier selbst zu fangen oder zu töten. Das ist nicht nur riskant, sondern erschwert auch die fachgerechte Erfassung. Zugleich ist es verständlich, dass man eine Schlange nicht einfach im Feriengarten dulden möchte.
Sinnvoll ist dieses Vorgehen:
- Abstand halten und Kinder sowie Hunde sofort zurückrufen.
- Die Schlange nicht bedrängen und nicht mit Stöcken, Steinen oder Gartengeräten attackieren.
- Aus sicherer Entfernung ein Foto machen, wenn das gefahrlos möglich ist.
- Den Standort möglichst genau notieren.
- Die Sichtung bei COFIB, über die App „Línea Verde COFIB“, bei den örtlichen Umweltbehörden oder im Zweifel über die Notrufnummer 112 melden.
- Bei einer Schlange auf dem Grundstück den Vermieter, die Finca-Verwaltung oder die Hotelrezeption sofort informieren.
Gerade der letzte Punkt ist wichtig. Urlauber sind nicht dafür verantwortlich, invasive Arten auf Mallorca zu managen. Aber sie sollten eine Sichtung so melden, dass die zuständigen Stellen reagieren können. Bei Ferienhäusern und Fincas muss auch der Vermieter eingebunden werden. Er ist der erste Ansprechpartner, wenn sich ein Gast auf dem Grundstück nicht sicher fühlt.
Was Finca-Besitzer und Vermieter tun müssen
Das Thema betrifft nicht nur Naturschutzbehörden. Wer Ferienunterkünfte vermietet, sollte Schlangensichtungen nicht herunterspielen. Gäste erwarten zu Recht, dass Grundstücke gepflegt, Holz- und Steinhaufen kontrolliert und mögliche Verstecke reduziert werden. Besonders in ländlichen Gegenden, in denen Trockenmauern, alte Schuppen, Kompostbereiche und dichter Bewuchs ideale Rückzugsorte bieten, braucht es Aufmerksamkeit.
Eine seriöse Finca-Verwaltung sollte bei einer Sichtung nicht mit Achselzucken reagieren, sondern Fachstellen kontaktieren, den Fund dokumentieren und Gäste informieren. Transparenz ist hier besser als Beschwichtigung. Niemand möchte im Urlaub den Eindruck haben, ein reales Problem werde aus Imagegründen kleingeredet.
Warum der Begriff „Schlangenplage“ nicht völlig falsch ist
Streng biologisch ist Mallorca noch nicht von Schlangen überrannt. Im touristischen Alltag bleibt die Wahrscheinlichkeit gering, einer Schlange zu begegnen. Trotzdem ist der Begriff „Schlangenplage“ nicht einfach Boulevard. Er beschreibt ein wachsendes Unbehagen: Immer neue invasive Arten tauchen auf, die Behörden müssen reagieren, und die Inselnatur gerät weiter unter Druck.
Aktuelle Maßnahmen der Behörden
Die Balearenregierung nimmt das Problem inzwischen ernst und setzt auf Kontrolle statt bloßer Beobachtung. Zuständig ist vor allem das COFIB, das Sichtungen sammelt, Fallenprogramme koordiniert und invasive Schlangen in sensiblen Gebieten bekämpft. Besonders auf Ibiza und Formentera laufen bereits umfangreiche Fangaktionen mit Käfigfallen; auf Mallorca konzentrieren sich die Maßnahmen derzeit vor allem auf Schutzgebiete, vorgelagerte Inseln und bekannte Fundregionen. Zusätzlich wurden Kontrollen beim Import großer Olivenbäume und anderer Zierpflanzen verschärft, weil solche Lieferungen als wichtiger Einschleppungsweg gelten. Für Reisende heißt das: Eine Sichtung sollte gemeldet werden, aber niemand muss selbst eingreifen. Bei einer Schlange auf dem Grundstück sind Vermieter, Hotel oder Finca-Verwaltung der erste Ansprechpartner; parallel kann der Fund über COFIB, die App „Línea Verde COFIB“ oder im Zweifel über 112 gemeldet werden.
Reisebuch.de-Einschätzung
Für Reisende bleibt Mallorca ein sicheres Ziel. Aber die Lage sollte nicht verniedlicht werden. Eine ungiftige Schlange ist nicht automatisch ein unbedeutendes Tier, wenn sie im Feriengarten, an der Terrasse oder auf einem Wanderweg auftaucht. Die Sorge vieler Urlauber ist nachvollziehbar – zumal die Balearen bereits erlebt haben, wie stark invasive Schlangen auf Ibiza und Formentera ökologische Schäden verursachen können.
Die richtige Haltung liegt zwischen Panik und Verharmlosung. Mallorca hat kein akutes Sicherheitsproblem für Touristen, aber ein ernstzunehmendes Natur- und Kontrollproblem. Wer eine Schlange sieht, sollte Abstand halten, den Fund melden und bei Sichtungen auf einem Feriengrundstück den Vermieter einschalten. Wer auf der Insel Verantwortung trägt, sollte das Problem nicht wegmoderieren, sondern konsequent bekämpfen.

