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Spanischer Bürgerkrieg auf Mallorca


Mallorcaliteratur und spanischer Bürgerkrieg

Eine Reihe von deutschsprachigen Autoren flüchtete ab 1933 vor dem Nazi- Regime nach Mallorca in der Hoffnung, dort unter südlicher Sonne unbehelligt und frei von ökonomischen Zwängen (wegen des niedrigen Preisniveaus) das Ende der faschistischen Herrschaft in Deutschland abwarten zu können.

Diese Hoffnung erwies sich in mehrfacher Hinsicht als naive Illusion. Zum einen lebte es sich auf Mallorca keinesfalls so sorgenfrei wie angenommen. Albert V. Thelen schildert in seinem autobiographischen Roman »Die Insel des zweiten Gesichts« wie hart es für ihn war, genügend Geld zum Leben aufzutreiben. Er schlug sich mit Aushilfsjobs durch, arbeitete als Schreibkraft für erfolgreichere Autoren (Harry Graf Kessler, Robert Graves) oder gar in Sóller als Fremdenführer für »teutonische Touristen« aus dem heimatlichen Reich. Oft genug waren er und seine Lebensgefährtin dem Verhungern nahe. Nicht viel besser erging es Franz Blei und Karl Otten.

Der Expressionist und Pazifist Otten (1889-1963) hatte sich 1933 in Cala Rajada niedergelassen und schrieb später im englischen Exil den antifaschistischen Bürgerkriegsroman »Torquemadas Schatten«,  der seine eigenen Erfahrungen auf Mallorca im Jahre 1936 reflektiert.

Durchaus lesenswert sind auch seine neuerdings als E-Book und als Printausgabe erhältlichen Geschichten aus Cala Ratjada, in denen er seine Sicht der mallorquinischen Verhältnisse bis zum Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs darlegt, vor dem er in letzter Sekunde ins englische Exil flüchten konnte.


Der Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges brachte die Gemeinde der Exilliteraten auf Mallorca, zu der auch der berühmte Robert Graves nolens volens gehörte, in arge Bedrängnis. Nur die nackte Existenz rettend, flüchteten sie vor Francos Schergen auf einem englischen Kriegsschiff aus dem vermeintlichen Paradies, auf das nun lange Schatten fallen sollten. Während Otten in seinem Roman noch hoffnungsvoll auf den Widerstand der Republikaner gegen die Faschisten setzt (was sich bekanntermaßen als vergeblich erweisen sollte), erzählen Robert Graves (»Está en su casa«, 1946) und Jahrzehnte später sein Sohn William (»Bürgerkrieg in Deiá«, 1995) offen von den Grausamkeiten, die der Bürgerkrieg auch auf Mallorca auslöste.

Friedliche Nachbarn wurden zu Todfeinden, die sich gegenseitig denunzieren. Harmlose Bürger wurden im Morgengrauen zu einem entsetzlichen »Spaziergang über die Klippen« aus dem Bett geholt, junge Männer auf Lastwagen verfrachtet, wie Vieh abtransportiert und wahllos an die Wand gestellt ...

Lange Zeit, auch noch nach der Demokratisierung, war dieses Thema auf Mallorca tabu. Erst in den letzten Jahren zeigt sich eine größere Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der verdrängten Schuld der Bürgerkriegsjahre.

 

© Hartmut Ihnenfeldt, Reisebuch Verlag 2002 - 2014