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Porträt eines Soldaten, der zum Diktator wurde: General Ne Win


Ne Win wurde 1911 nahe der Stadt Pyay (ehemals Prome) geboren. Er war sino-burmesischer Abstammung und hieß ursprünglich Shu Maung, legte sich aber später einen Nom de Guerre zu, der weniger chinesisch und mehr burmesisch klang.

Von 1929 bis 1931 besuchte er ein College in Rangun. In den späten Dreißigerjahren machte ihn ein Onkel mit der Thakin- Bewegung bekannt, und bald darauf ging er als einer der Thirty Comrades (ohne U Nu, der im Gefängnis war) zum Militärtraining nach Hainan. Als hoher Offizier der Burmesischen Unabhängigkeitsarmee (BIA) kehrte er 1942 mit den Japanern nach Burma zurück, und nachdem auch er die Wahrheit über die neuen Herren von Burma erkannt hatte, half er Aung San, im Untergrund eine Widerstandsbewegung zu organisieren. Danach gehörte er der aus der BIA hervorgegangenen Nationalarmee an, die sich gegen Ende des Krieges auf die Seite der Alliierten schlug.
Ne Wins militärische Fähigkeiten, seine Begeisterung und seine Disziplin verhalfen ihm zu einem schnellen Aufstieg an die Spitze des burmesischen Militärs. Er war damals ein geachteter Mann – ein Befehlshaber, der seinen Offizieren und Soldaten Enthusiasmus, Unterwürfigkeit und Loyalität einflößte. Obgleich er politischen Parteien wie dem Freedom Bloc oder der AFPFL angehörte, war er kein Politiker; er blieb in erster Linie Soldat. Als Burma die Unabhängigkeit erlangt hatte, wurde er von Premierminister U Nu zum Oberbefehlshaber der Armee und später zum Verteidigungsminister bestellt. Wie wir wissen, lenkte U Nu damals die Geschicke eines Landes, das unter schweren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen litt. Der Krieg hatte Burma verheert und ins Elend gestürzt; die Zentralregierung war durch innerparteiliche Streitigkeiten geschwächt und gespalten; die Kommunisten waren in den Untergrund gegangen und zogen – zuerst in Zentralburma und später an der chinesisch-burmesischen Grenze – die Fäden eines kostspieligen Kriegs gegen die demokratisch gewählte Regierung; die Karen führten einen Unabhängigkeitskampf; die Shan proklamierten ihr Recht, sich von der Union zu trennen; und, zu allem Unglück für Burma, hatten auch noch Überreste von Chiang Kai-sheks Kuomintang-Streitkräften beträchtliche Gebiete in Burmas Nordosten besetzt. Das Land brach in Stücke. Es kam hinzu, daß der Vietnamkrieg auf andere Teile Indochinas übergriff und kommunistische Rebellen die Zentralregierungen fast aller südostasiatischen Länder bekämpften.
Zur gleichen Zeit nahm das kommunistische China eine zunehmend bedrohlichere Haltung gegenüber seinen Nachbarn – besonders Indien und Burma – ein, sei es in Form offener Kriegsführung oder durch Unterstützung kommunistischer Bewegungen. Burma musste um sein Überleben kämpfen, denn Unabhängigkeit und Demokratie hatten dem Land weder Frieden noch Stabilität noch wirtschaftliche Erholung gebracht.

So war der Stand der Dinge, als Premierminister U Nu 1958 freiwillig die Regierungsgewalt an General Ne Win abgab und ihn mit der Bildung einer geschäftsführenden Militärregierung beauftragte, die für die Wiederherstellung von Einheit, Stabilität und Ordnung sorgen sollte. Tatsächlich gelang es Ne Win, die Situation genügend unter Kontrolle zu bringen, um ein gutes Jahr später freie Wahlen zu erlauben. Als U Nu erneut zum Premierminister gewählt wurde, zog sich Ne Win freiwillig zurück. Doch in der Folgezeit ging es ökonomisch und politisch weiter bergab.
dieseIm März 1962 kehrte General Ne Win durch einen Staatsstreich an die Macht zurück, ließ U Nu ebenso wie die meisten anderen politischen Führer ins Gefängnis werfen und regierte das Land mit seinen militärischen Gefolgsleuten durch den neu geschaffenen Revolutionsrat der burmesischen Union. Burma wurde ein sozialistischer Einparteienstaat, der gesamte Handel, die Industrie und das Bankwesen wurden verstaatlicht und die Kontakte zur Außenwelt abgebrochen. Das Land isolierte sich selbst durch eine sogenannte Politik der Neutralität und Blockfreiheit. 1963 verkündete Ne Win eine Generalamnestie und lud die verschiedenen Rebellengruppen zu Friedensgesprächen nach Rangun. Unglücklicherweise schlugen sämtliche Verhandlungen fehl, nicht zuletzt, weil das Mißtrauen gegenüber den Militärs unüberwindlich geworden war. Ein Jahr später ordnete Ne Win eine seiner zugleich kuriosesten und härtesten Finanzmaßnahmen an: Alle Banknoten im Wert von 100 und 50 Kyat wurden ohne Kompensation für ungültig erklärt. (Seine Nachfolger wiederholte  drastische Maßnahme noch zweimal – 1985 mit allen 100-Kyat- Scheinen, und 1987 mit allen 25-, 35- und 75-Kyat-Scheinen –, wieder ohne Entschädigung, wodurch 75 Prozent des in Umlauf befindlichen Geldes vernichtet wurden). Man kann nur ahnen, wieviel menschliches Leid und Verzweiflung aus dem Verlust der persönlichen Ersparnisse und privaten Kapitals erwuchsen.
sozialistische Isolationskurs,Ne Win hatte sich 1962 selbst zum Parteivorsitzenden der Burmese Socialist Programme Party ernannt; von 1974 bis 1981 diente er als Staatspräsident. De  den er über all die Jahre durchhielt, stürzte Burma in ein wirtschaftliches Desaster und führte in den Jahren 1987 und 1988 zu weit verbreiteten Unruhen, die das Militär gewaltsam niederschlug. Erst eine von Studenten und Mönchen angeführte Volkserhebung setzte Ne Win so unter Druck, daß er als Parteivorsitzender zurücktrat. Er blieb noch eine zeitlang ein mächtiger Drahtzieher der Politik, ein unsichtbarer Einsiedler, der sich hinter schwer bewachten Mauern verbirgt.

 
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